Frühgeborenes (Archivbild)

Je früher ein Kind vor dem errechneten Termin zur Welt kommt, desto zerbrechlicher ist es. Deshalb brauchen Frühgeborene besonders viel Nähe und Unterstützung ihrer Eltern. Doch Corona macht Frühchen-Familien den Einstieg in ihr neues Leben schwer.

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Lara und Oliver Pasemann haben ihren Sohn noch nie geküsst. Mattheo ist 14 Wochen zu früh zur Welt gekommen und wog bei der Geburt nur 867 Gramm. Ohne den warmen Brutkasten in der Kinderklinik Fulda hätte er wohl nicht überlebt. Umso mehr braucht der Winzling jetzt Kuscheleinheiten, Nähe und Körperkontakt zu Mama und Papa. Das ist in Corona-Zeiten leichter gesagt als getan.

Besuch nur mit Maske und Test

Wenn das Paar aus Sontra (Werra-Meißner) den kleinen Mattheo besucht, tragen beide Eltern Masken: FFP2 oder medizinischer Mundnasenschutz. So schreiben es die Corona-Regeln im Klinikum vor. Oliver Pasemann ist geimpft, seine Frau geht jeden Montag und Donnerstag zum PCR-Test, um Mattheo gefahrlos besuchen zu können. Auch wenn sie Mattheo auf dem Arm hat, muss Lara Pasemann die Maske aufhaben: "Dass man ein Küsschen geben kann, geht dann erst zu Hause. Das ist schon schwierig."

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Rekorde: frühstes Frühchen

Das weltweit frühste Frühchen war bis 2019 die kleine Milena, die im Klinikum Fulda geboren wurde - mit nur 21 Wochen und vier Tagen. 2020 kam in Alabama dann der kleine Curtis zur Welt - mit 21 Wochen und einem Tag. Er ist aktuell das frühste Frühgeborene.

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Immerhin dürfen die beiden Mattheo zu zweit besuchen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Damit haben sie im Vergleich zu anderen Frühchen-Eltern in Hessen Glück. Denn viele Kliniken haben die Besuchsregeln in der Pandemie verschärft - zum Schutz der Neugeborenen und des Personals:

Die Helios Klinik in Wiesbaden, die Prinzessin Margarete Klinik in Darmstadt und das Uniklinikum Gießen Marburg (UKGM) lassen zum Beispiel nur je eine Besuchsperson zur selben Zeit zu. Das Bürgerhospital Frankfurt, wo jährlich zwischen 90 und 100 Früchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm zur Welt kommen, gibt feste Besuchszeiten am Vormittag und Nachmittag vor.

Hautkontakt ist lebenswichtig

Auch für die Kliniken sei das nicht einfach, sagt Oberarzt Harald Ehrhardt vom UKGM. Eltern und Personal auf Abstand zueinander zu halten und sogar die Eltern selbst, sei "eine nicht gekannte Herausforderung." Dabei brauchen gerade Frühchen viel Nähe zu ihren Eltern. Hautkontakt ist für sie überlebensnotwendig. "Dies ist nicht nur wichtig für die Stabilisierung der Atmung des Frühgeborenen", erklärt Ehrhardt, "sondern für seine gesamte Entwicklung und eine gute Eltern-Kind-Bindung."

Lara Pasemann hat deshalb mit Mattheo in Fulda "gekänguruht". Dabei durfte er Haut an Haut auf ihrer Brust liegen. Diese Känguruh-Methode lassen alle angefragten hessischen Kliniken trotz Pandemie weiter zu. Andere Dinge, die früher selbstverständlich waren, gehen seit Corona nicht mehr.

Selten Besuch von Papa

Frühchen Aaron: Links im Krankenhaus, rechts draußen in der Natur

Das hat Nadine Dehmer aus Bickenbach (Darmstadt-Dieburg) in extremer Form erlebt. Sie musste schon vor der Geburt ihres Frühchens Aaron wochenlang in der Darmstädter Kinderklinik Prinzessin Margarete liegen: Die Fruchtblase war sieben Wochen zu früh geplatzt - im Herbst 2020, mitten im Lockdown, bei absolutem Besuchsverbot im Krankenhaus.

"Mein Mann durfte nicht ein einziges Mal kommen und mich umarmen", erinnert sie sich. "Er hat den Bauch nicht mehr gesehen - und Aaron hat den Papa nicht mehr gehört." Dehmer kannte die Regeln der Klinik gut, denn sie arbeitet dort selbst als Kinderkrankenschwester auf der Intensivstation. Trotzdem war es hart. Nach der Geburt ging es Aaron "grottenschlecht", sagt Dehmer. Er bekam Sauerstoff, weil seine Lunge noch nicht richtig funktionierte.

Jetzt durfte auch sein Vater zu Besuch kommen, aber nur allein. Nur ein Elternteil zur selben Zeit - dieselbe Regelung wie jetzt wieder. "Meistens hat mein Mann mir dann den Vortritt gelassen", sagt Nadine Dehmer. Manchmal habe er Aaron eine ganze Woche nicht sehen können.

Geschwister müssen draußen bleiben

Viele Eltern handhaben es in der Pandemie so wie die Dehmers, beobachtet Katarina Eglin vom Bundesverband frühgeborenes Kind. Sie spricht von "Familien, die keine Familien sein können". Während vor Corona die Eltern mitdefiniert hätten, welche Angehörigen das Neugeborene besuchen dürfen, lasse Corona kaum noch Spielraum.

Und noch jemand fehlt in den ersten Lebenswochen von Frühchen wie Mattheo und Aaron: Oma und Opa müssen draußen bleiben. "Auch Geschwisterkinder fallen komplett hinten runter", berichtet Eglin. Im Fall von Nadine Dehmer war es genauso: Zu Hause wartete Aarons Bruder Eric, selbst erst 15 Monate alt, auf sein Geschwisterchen. Doch die Eltern durften auch ihn nicht ins Krankenhaus lassen: "Das war schwierig für ihn."

Die einzige Person, die das Frühchen besuchen dürfe, stehe oft unter enormem Druck, beobachtet der Bundesverband frühgeborenes Kind: Bloß alles richtig verstehen und nichts vergessen von dem, was Ärzte und Pfleger sagen, um zu Hause dem Partner oder der Partnerin zu berichten. Daran erinnert sich auch Nadine Dehmer nur zu gut.

Verständnis für Einschränkungen

Familie Dehmer aus Südhessen: Die Eltern, Nadine und Matthias haben Frühchen Aaron und seinen Bruder Eric auf dem Arm.

Ihre Bilder aus der Krankenhauszeit im Lockdown schaut sie sich nicht so gerne an: Ihr Sohn an Schläuchen, sie selbst mit Maske - kein schöner Anblick. Doch inzwischen haben sie richtige Familienfotos gemacht und bei allem Stress sagt Nadine Dehmer: "Ich habe die Einschränkungen verstanden."

Was sie sich selbst damals gesagt hat, gibt sie auch anderen Eltern von Frühchen mit: "Man muss sich auf die wichtigen Sachen fokussieren: Dass die Kleinen einen guten Start haben und Corona nicht auch noch als Aufgabe bekommen." Das sehen Lara und Oliver Pasemann genauso: "Es muss sein", sagen sie, "man kann auf diese Intensivstation nicht auch noch Corona einschleppen."

Beide Familien haben es geschafft: Mattheo durfte vor wenigen Tagen nach Hause und auch Aaron hat sich zu einem fröhlichen kleinen Jungen entwickelt, sagt Nadine Dehmer. Zu seinem ersten Geburtstag waren Oma, Opa und Tante zu Besuch - alle getestet. Denn vorsichtig, sagt Dehmer, müssen sie bleiben.

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Zahlen zum Weltfrühgeborenentag

Wenn ein Baby vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren wird, gilt es als Frühchen. In Deutschland kommen jedes Jahr etwa 65.000 Kinder zu früh auf die Welt. Damit ist eines von zehn Neugeborenen ein Frühchen. Sie sind die größte Kinderpatientengruppe Deutschlands.
Der Weltfrühgeborenentag möchte über Landesgrenzen hinweg Frühgeburt und ihre Folgen thematisieren. Er findet einmal im Jahr, immer am 17.11. in Europa, Afrika, Amerika und Australien statt. Viele Kliniken und öffentliche Gebäude, auch in Hessen, werden zu diesem Anlass lila beleuchtet.

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