Liah Kaiser zeigt auf der Toilette Körbchen mit kostenlosen Menstruationsartikeln

Tampons, Binden und eine gemeinsame Mission: Wiesbadener Schüler bieten kostenlose Menstruationsartikel auf den Toiletten an. Sie wollen damit Scham abbauen - die Stadt will nun handeln.

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Bunte Körbe mit verschiedenen Fächern, gefüllt mit Tampons und Binden, angebracht in den Kabinen der Mädchen-Toilette an der Wiesbadener Diltheyschule: Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit, das die Schüler und Schülerinnen selbst ins Leben gerufen haben. Ihre Botschaft: "Periode sollte kein Tabuthema mehr sein!"

Dafür setzt sich unter anderem die 18-jährige Abiturientin Esmeralda Beyaz ein. "Junge Mädchen schämen sich oft für ihre Periode. Was ich für Quatsch halte, weil es was völlig Normales ist. Ich finde mit diesem Projekt bringen wir endlich mehr Licht auf das Thema." Denn es ist kein Geheimnis, dass Frauen regelmäßig bluten. Im Schnitt 40 Jahre lang, rund alle 28 Tage. Trotzdem werde die Monatsblutung oft als etwas Ekliges abgetan, sagt Beyaz, und mit komischen Worten benannt, wie etwa "Erdbeerwoche". Für viele Frauen könne das mit unangenehmen Situationen verbunden sein. Schlimm seit es vor allem für diejenigen, die sich Tampons oder Binden erst gar nicht leisten könnten.

Viele Frauen leiden unter "Periodenarmut"


Und tatsächlich: Wer seine Periode hat, muss tief in die Tasche greifen. Einer Umfrage der US-amerikanischen Online Zeitung "HuffPost" zufolge liegen die Ausgaben für Tampons, Binden und Slipeinlagen aber auch für Schmerzmittel bei rund 500 Euro im Jahr. Im Laufe ihres Lebens gibt eine Frau demnach um die 20.700 Euro für die Periode aus. Und dabei kann sich eine von zehn Frauen keine Menstruationsprodukte leisten, wie eine britische Studie der Hilfsorganisation "Plan International" zeigt. Sie leiden unter der sogenannten "Periodenarmut".

Aus Scham kommen einige Mädchen gar nicht in die Schule

Das betrifft auch Mädchen und Frauen in Hessen, weiß die 19-Jährige Abiturienten Liah Kaiser aus eigenem Umfeld. "Es gibt Mädchen, die etwa Klopapier als Ersatz benutzen, weil sie sich keine Menstruationsprodukte leisten können. Natürlich schämen sich die Mädchen dafür und es kann daher auch passieren, dass sie erst gar nicht in die Schule kommen, wenn sie ihre Tage haben."

Immerhin ist in Deutschland 2020 die Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte von 19 Prozent auf 7 Prozent gesenkt worden. Länder wie Schottland oder England bieten Tampons und Binden in Schulen und Universitäten seit einiger Zeit komplett kostenlos an.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Binden und Tampons: An der Diltheyschule in Wiesbaden gibt es sie bereits kostenlos

Schüler mit Masken im Klassenraum
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Schüler finanzieren das Projekt aus eigener Tasche

Dass die Produkte nun auch an der Diltheyschule in Wiesbaden für alle zur Verfügung stehen, machen die Schülerinnen und Schüler bisher in Eigenregie möglich, Unterstützung von der Stadt gibt es noch nicht. Von ihrem Vorhaben lassen sich die Schüler und Schülerinnen aber trotzdem nicht abbringen, erklärt der 17-jährige Stadtschulsprecher Shayan Mirmoayedi.

"Wir haben uns entschieden jetzt schon ein Pilotprojekt zu starten und selbst Initiative zu ergreifen und mit diesem Pilotprojekt wollen wir Erfahrungen sammeln und diese dann miteinbringen." Sie legen das nötige Geld zusammen, 140 Euro für die Aufbewahrung und die Produkte haben sie ausgegeben, für einen Monat soll es reichen.

Andere Schulen dürften bald folgen

Im vergangenen Jahr hat das Jugendparlament in Wiesbaden einen Antrag gestellt und gefordert, in allen öffentlichen Gebäuden Menstruationsprodukte kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dieser Antrag wurde aber wegen Corona auf Eis gelegt, heißt es von der Stadt.

Ein neuer Antrag auf kostenlose Menstruationsartikel an den Wiesbadener Schulen war am Donnerstag nun erfolgreich. Der Schulausschuss der Stadtverordnetenversammlung beschloss, dass alle Schulen in der Stadt künftig kostenlose Tampons und Co. anbieten können, wenn sie dies wollen. Die entstehenden Kosten sollten den Einrichtungen erstattet werden, so dass sie nicht zulasten der Schulbudgets gehen, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Hendrik Schmehl dem hr auf Anfrage.

Darmstadt zieht nach

Und auch eine weitere Stadt steht bereits in den Startlöchern: Die Grünen und die CDU in Darmstadt haben einen Antrag gestellt und wollen bald in allen öffentlichen Gebäuden in der Stadt kostenlose Hygieneprodukte zur Verfügung stellen. Darunter Schulen, Jugendzentren, Verwaltungsgebäude oder auch in der Darmstädter Stadtbibliothek.

Das sei "dringend nötig", sagt die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Darmstadt, Nicole Frölich. "Die Periode begleitet Frauen regelmäßig. Sie kann auch zum Problem werden, wenn sie zum Beispiel spontan kommt und wir gar nicht damit rechnen." Das bedeute für jedes Mädchen und jede Frau "unglaublich viel Stress." Deswegen sei es wichtig, kostenfreie Möglichkeiten anbieten zu können, auf die Jede überall zugreifen kann. Mit großer Mehrheit wurde dem Antrag bereits zugestimmt, er soll schon bald umgesetzt werden.

Pilotprojekt soll andere inspirieren

Die Schülerinnen und Schüler an der Wiesbadener Diltheyschule hoffen, mit ihrem Pilotprojekt andere Schulen oder Städte zu inspirieren. "Unser größtes Ziel ist es, dass kostenlose Menstruationsprodukte in öffentlichen Gebäuden in ganz Deutschland zur Verfügung gestellt werden", so Stadtschulsprecher Shayan Mirmoayedi. Das Engagement der Schülerinnen und Schüler hat sich für viele Mädchen an der Diltheyschule schon jetzt gelohnt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.02.2021, 19.30 Uhr