Anhängerinnen des IS vor ihrer Überführungs in Camp Al-Hol durch kurdische Truppen.

Sie wurden mitten im syrischen Bürgerkrieg geboren, leben in einem Flüchtlingscamp und sind schwer erkrankt: Nun versucht eine Frankfurter Anwältin, die vier Kinder nach Deutschland zu holen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gestrandet in Al-Hol: Das Schicksal hessischer IS-Kinder

IS-Frauen mit ihren Kindern
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Yasmina K. kennt ihre Neffen und Nichten nur von Fotos, die ihre Schwester Samira geschickt hat. Es sind Bilder, die Yasmina K. nicht gerne betrachtet.

Auf den meisten sind die Kinder nicht einmal vollständig zu sehen. Stattdessen nur ein kleiner Fuß mit daumendicken Blasen, ein Finger mit einer offenen Wunde, ein Gesicht mit geschwollenen Augen und blutigen Abszessen. Bilder des Elends. Bilder aus Syrien. Bilder einer deutschen Familie.

Vater soll für den IS gekämpft haben

Yasmina K. lebt in Bad Homburg. Über die Kinder ihrer Schwester weiß sie nicht viel. Sie weiß, dass es vier sind: zwei Jungen und zwei Mädchen. Das älteste ist fünf, das jüngste anderthalb Jahre alt. Und sie weiß, dass sie Hilfe brauchen.

Kinder der Familie S. in Syrien

"Sie sind von fleischfressenden Bakterien befallen, haben immer wieder offene Wunden, die bluten", berichtet Yasmina K. Antibiotika könnten helfen, aber: "Es sind keine Ärzte vor Ort, die ihnen diese Antibiotika verschreiben oder aushändigen oder wie auch immer."

Gestrandet im Flüchtlingslager

Vor Ort, das ist in diesem Fall das Flüchtlingslager Al-Hol im kurdisch kontrollierten Teil Nordsyriens. Dort sitzen Samira K. und ihre Kinder mit mehr als 70.000 weiteren Menschen fest. Der Vater der Kinder, Carsten S., ist nicht bei ihnen. Er sitzt in kurdischer Haft.

Carsten S. soll für die Terrormiliz Islamischer Staat gekämpft haben. Samira K. und Carsten S. heißen nicht wirklich so. Zum Schutz der Kinder sind ihre Namen und auch die ihrer in Deutschland lebenden Verwandten geändert.

"Die Religion nach ihren Vorstellungen leben"

2013 gingen Samira K. und ihr Mann nach Syrien. Beide sind deutsche Staatsbürger, lebten im Rhein-Main-Gebiet. Samira K.s Familie stammt ursprünglich aus Marokko, Carsten S. ist irgendwann zum Islam konvertiert. Als sie aufbrechen, ist die damals 26-jährige Samira zum ersten Mal schwanger.

Samira K. sei nach Syrien gegangen, um mit ihrem Mann ihre Religion nach ihren Vorstellungen leben zu können, formuliert ihre Schwester Yasmina K. Die Ermittlungsbehörden sagen etwas anderes. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft leitete 2013 ein Verfahren gegen Samira K. ein. Der Vorwurf: Sie und ihr Mann hätten sich in Syrien radikal-islamischen Gruppierungen anschließen wollen.

Bei Rückkehr droht Festnahme

Das Verfahren wurde 2014 vorläufig eingestellt. Allerdings nur, weil der Aufenthaltsort von Samira K. nicht ermittelt werden konnte. Das Verfahren gegen ihren Mann hat die Bundesanwaltschaft übernommen.

Sollte Samira K. jemals wieder deutschen Boden betreten, würde das Verfahren umgehend wieder eröffnet, sie vermutlich festgenommen. Die Familienangehörigen von Samira K. und Carsten S. hoffen trotzdem, dass genau das bald eintritt - schon allein um der Kinder willen.

Anwältin sieht Recht auf Rückholung

"Ich weiß, dass mein Sohn nach Syrien gegangen ist und dass es sein kann, dass ihm da jetzt die Todesstrafe droht. Das möchte ich nicht", sagt Edith S., Mutter des mutmaßlichen Dschihadisten Carsten S. "Und deswegen haben wir die Anwältin hinzugezogen. Wenn er was gemacht hat, soll er hier in Deutschland dafür bestraft werden."

Die Anwältin, die Carsten S. und seine Familie nach Deutschland zurückholen soll, ist die Frankfurter Juristin Seda Başay-Yıldız. Sie versucht derzeit beim Verwaltungsgericht Berlin per einstweiliger Anordnung das Auswärtige Amt dazu zu zwingen. Als deutsche Staatsbürger, so die Position der Anwältin, hätten sie ein Recht darauf.

Verletzungen des Kindes eines mutmaßlichen IS-Anhänger

Auswärtiges Amt bestreitet Verzögerungstaktik

Doch das Auswärtige Amt verweigere bislang jedwede Hilfe, sagt Başay-Yıldız. Auf ihre Anfragen werde nicht reagiert. "Oder man wird hingehalten. Wochen, Monate. Ich meine, es sind Kinder, deren Gesundheitszustand ganz schlecht ist. Es sind in diesen Lagern schon über 300 Kinder gestorben", weiß die Juristin.

Das Auswärtige Amt erklärt derweil auf hr-Anfrage, dass der Fall erst seit kurzem bekannt sei. Grundsätzlich werde mit Hochdruck daran gearbeitet, die Ausreise deutscher Kinder aus Nordsyrien zu ermöglichen.

Im Konsulat Hilfe verweigert?

Yasmina K., Edith S. und Rechtsanwältin Başay-Yıldız haben einen anderen Eindruck. Das deutsche Konsulat in Istanbul habe Samira K. die Hilfe verweigert. Bereits 2014 habe sie dort versucht, gültige Ausweisdokumente für das damals gerade geborene erste Kind zu erhalten. Unter anderem habe sie einen beglaubigten Gentest vorgelegt - und damit nachweisen können, dass die Kinder rechtlich Deutsche seien, sagt Anwältin Başay-Yıldız.

Doch statt ihr Hilfe anzubieten, sei Samira K. mit Drohungen konfrontiert worden. Sollte sie gegenüber den türkischen Behörden nicht nachweisen können, dass die Kinder deutsche Staatsbürger sind, könnten sie in der Türkei in Obhut genommen werden, hieß es.

In anderen Fällen auf Rückholung entschieden

Die Chancen, dass Samira K. und ihre Kinder zurückgeholt werden, könnten sich inzwischen erhöht haben. Denn Ende vergangener Woche hat das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg in einem anderen Fall das Außenministerium verpflichtet, die Identität dreier Kinder einer mutmaßlichen ehemaligen IS-Kämpferin feststellen zu lassen und sie aus dem Flüchtlingslager Al-Hol zurückzuholen.

Also genau aus jenem Camp, in dem sich auch Samira K. mit ihren Kindern aufhält. Yasmina K. hofft, dass das Gericht auch im Fall ihrer Schwester schnell entscheidet. Denn was sie über Al-Hol bislang gehört hat, macht ihr Angst. "Die Bedingungen sollen katastrophal sein", sagt sie. "Wenn man Geld hat, kommt man einigermaßen über die Runden. Wenn man nichts hat, dann stirbt man. Vor allem die Kinder."

Weitere Informationen

IS-Kämpfer aus Hessen

Rund 150 Männer und Frauen aus Hessen sollen nach Erkenntnissen des Landesamts für Verfassungsschutz seit 2013 nach Syrien ausgereist sein, um sich dem Islamischen Staat oder anderen radikal-islamischen Gruppierungen anzuschließen.
Davon sollen etwa 50 ums Leben gekommen sein. Die Zahl der in Syrien inhaftierten ehemaligen IS-Anhänger aus Hessen liegt laut Verfassungsschutz im niedrigen zweistelligen Bereich. Dabei handele es sich größtenteils um Frauen in Begleitung von Kindern.
Weitere etwa 40 ehemalige IS-Anhänger sind mittlerweile nach Hessen zurückgekehrt. Die Hälfte davon soll sich in Syrien direkt an Kampfhandlungen beteiligt oder zumindest eine Ausbildung dafür absolviert haben.

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