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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kinderärzte besorgt über Gesundheit von Jugendlichen

Mädchen schaut aus Fenster

Kinderärzte sind besorgt über den Gesundheitszustand vieler Kinder und Jugendlicher in der Pandemie. Gefährlicher als Covid-19 seien für sie die seelischen Schäden. Dabei spielen besonders ängstliche Eltern eine Rolle.

Die Kurve zeigt seit einem Jahr steil nach unten: Seit Ausbruch der Corona-Pandemie starben in Europa durchschnittlich so wenige Kinder wie schon sehr lange nicht mehr. Die deutlich gesunkene Mortalitätsräte für unter 14-Jährige ist für die Marburger Kinderärzte Stephan Nolte und Natascha Gärtner natürlich ein Grund zur Freude. Dennoch sind sie derzeit sehr besorgt um die Gesundheit vieler ihrer kleinen Patientinnen und Patienten.

Für sie steckt hinter der abfallenden Todesrate etwas anderes: Viele Kinder würden sich nicht mehr rausbewegen, sie seien isoliert und inaktiv - deshalb passiere ihnen auch weniger. Tatsächlich sind Unfälle laut Bundesgesundheitsministerium die häufigste Todesursache für Kinder ab einem Jahr. Jugendliche sterben am häufigsten im Straßenverkehr.

Manche Kinder sehen fast nur ihre Eltern ohne Maske

Stephan Nolte arbeitet seit fast 30 Jahren als niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Marburg. Neben vermehrtem Übergewicht stellt er derzeit vor allem seelische Veränderungen bei Kindern fest. "Sie müssen sich vorstellen: Für ein zweijähriges Kind ist die Pandemie praktisch das ganze Leben", so Nolte. Manche Kinder hätten bisher kaum jemanden außer ihren Eltern ohne Maske gesehen.

Ein Mann sitzt am Schreibtisch

Die Kinder würden derzeit lernen, dass Menschen sich nicht berühren und sogar gegenseitig aus dem Weg gehen, wenn sie sich auf der Straße begegnen. "Das sind ja alles Dinge, die unserer menschlichen Natur überhaupt nicht entsprechen. Und das macht natürlich etwas mit den Kindern und dem, wie sie Beziehungen aufbauen", erklärt Nolte. Langfristig könnte das katastrophale soziale Folgen haben.

Bauchschmerzen und Kopfweh: Mehr psychosomatische Störungen

Schon in den letzten Jahren habe er in seiner Praxis vermehrt festgestellt, wie Kinder seelische Not in körperlichen Symptomen äußern, zum Beispiel mit Bauch- oder Kopfschmerzen. "Das sehen wir jetzt in noch größerem Umfang." Häufig seien solche sogenannten somatoformen Störungen seiner Erfahrung nach auf Ängste von Eltern zurückzuführen. "Und diese Eltern fühlen sich derzeit ja sogar im Recht, wenn sie ihre Kinder am liebsten gar nicht mehr in die Schule schicken wollen."

Auch viele Ältere machen dem Arzt momentan Sorgen. "Wir haben Jugendliche hier sitzen, die uns sagen: Wenn ich meine Freunde nicht sehen darf, dann will ich nicht mehr leben." Nolte berichtet zudem, dass er vor allem von Mädchen derzeit vermehrt Berichte über Konflikte, Mobbing und Ausgrenzung höre, etwa weil sie sich wegen der Kontaktbeschränkungen nur eine beste Freundin aussuchen müssten, mit der sie sich treffen dürfen.

"Manche Kinder dürfen überhaupt niemanden treffen"

Die Kinderärztin Natascha Gärtner berichtet, dass sie in der Praxis immer wieder mit Kindern spreche, die seit Monaten überhaupt niemanden mehr außerhalb der engen Familie treffen dürften. "Es ist aber sehr wichtig, dass Kinder auch andere Kinder außer ihren Geschwisterkindern sehen dürfen", meint Gärtner. Das sage sie auch den Eltern. "Wenn die Eltern sehr ängstlich sind, rate ich ihnen, dass die Kinder wenigsten einen Freund treffen sollten - was schließlich auch erlaubt ist."

Gärtner hat selbst vier Kinder, zwei davon im Schulalter. Sie plädiert stark dafür, dass die Politik kreativere Lösungen finden sollte, um Kindern zumindest ein Stück weit wieder mehr Normalität zurückzugeben und sie sozial weniger zu belasten. Wechselunterricht sei ihrer Ansicht nach ein guter Ansatz. "Aber weil die Schulkinder ja jetzt regelmäßig getestet werden, könnte man ihnen doch zum Beispiel in kleinen, festen Bezugsgruppen auch wieder mehr Begegnungen ohne Abstand und Maske ermöglichen."

Frau blickt in die Kamera

Die Kinderärzte weisen zudem daraufhin, dass ohnehin benachteiligte Kinder derzeit besonders durchs Raster fielen: Geflüchtete, frisch Zugezogene, Kinder aus prekären Verhältnissen. Viele bekämen seit einem Jahr keine sprachliche Unterstützung oder vorrangige Kita-Plätze, auch andere Fördermaßnahmen fänden oft gar nicht mehr oder nur aus der Ferne statt. Für die Kinder und ihre soziale Integration sei das verlorene Zeit, so die Ärzte.

Wie gefährlich ist Covid-19 für Kinder?

Tatsächlich sind schwere oder gar tödlichen Fälle bei Kindern äußerst selten. Bundesweit starben seit Ausbruch der Pandemie 12 mit Covid-19 infizierte Kinder, in Hessen bisher eins.

"Die Nachrichten erwecken den Eindruck, als würden Kinder und Jugendliche zu den besonders gefährdeten Teilen der Bevölkerung im Rahmen der SARS-CoV-2 Pandemie gehören", heißt es in einer Stellungnahme des der Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Jeder Fall eines verstorbenen Kindes sei einer zu viel. Doch die Zahlen sollten Anlass sein, Eltern "übergroße Sorgen" vor einem schweren Krankheitsverlauf bei ihren Kindern zu nehmen.

Der hesssiche Verbandsvorsitzender Ralf Moebus bestätigt: Kinderärztinnen und -ärzte in Hessen hätten es nur sehr selten mit schweren Verläufen oder Komplikationen wie PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) zu tun, das nach aktuellen Kenntnisstand bei etwa 0,1 Prozent der infizierten Kindern auftrete.

Keine Daten zu Long-Covid bei Kindern

Diskutiert wird derzeit außerdem, ob Kinder trotzdem vermehrt Long-Covid leiden könnten und welche Rolle dabei möglicherweise Mutationen spielen könnten. Eine erste Studie aus England zeigte, dass bis zu sieben Prozent der jungen Erkrankten unter Langzeitfolgen leiden könnten. Moebus stellt dazu fest: "Zu Long-Covid können wir momentan noch relativ wenig sagen, weil wir dazu noch keine Daten haben."

Aus Sicht des Landesverbandsvorsitzenden seien die "seelischen Kollateralschäden" für Kinder derzeit gefährlicher als das Virus selbst. Dies lasse sich jedoch schwer in Zahlen ausdrücken, auch weil es sich zum Teil wohl erst langfristig zeigen werde. "Aber es ist schon sehr bitter, wenn Kinder erzählen, dass der Besuch beim Kinderarzt das Highlight ihrer Woche ist."

Impfungen für Kinder und Eltern?

Tatsächlich würde allein die Gefahr durch die Krankheit derzeit nur wenig Anlass bieten, gesunde Kinder gegen das Coronavirus zu impfen, meint Moebus. Dennoch spricht auch er sich wie verschiedene bundesweite Verbände dafür aus, möglichst schnell Impfstoffe für unter 16-Jährige zu entwickeln und Kinder und Jugendliche durchzuimpfen.

Neben dem Schutz von vorerkrankten Kindern gehe es bei der Impfung für Kinder hauptsächlich darum, Herdenimmunität zu erreichen und somit Kindern und ihren Familien möglichst bald Einschränkungen nehmen zu können, erklärt der Arzt. Eine Priorisierung für Eltern sei seiner Ansicht nach überflüssig, da sich ohnehin alle Impfwilligen inzwischen mit Astrazeneca impfen lassen dürfen. Interessierten Eltern rate er dazu. Auch bei Kinderärzten sei das nun möglich.

"Werden wohl anders aus der Situation nicht rauskommen"

Der Marburger Kinderarzt Stephan Nolte äußert sich deutlich zurückhaltender zu Impfungen für Kinder. "Impfungen können Nebenwirkungen haben und deshalb muss immer der Nutzen gegenüber dem Schaden überwiegen." Angesichts des geringen schweren Erkrankungsrisikos für Kinder und noch fehlender Langzeitstudien zu den Impfstoffen ist es seiner Meinung nach absurd, Kita-Kinder nun schnell zu impfen, damit sie ihre Oma nicht anstecken. "Das Problem ist leider nur, dass wir wohl anders aus dieser Situation nicht herauskommen werden", sagt er angesichts der angestrebten Herdenimmunität durch Impfungen.

Der Kinderarzt betont, was seiner Ansicht nach in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz komme: "Kinder sind selbst überhaupt nicht gefährdet, sondern sie bringen ihre Opfer für andere. Und der Preis, den die Kinder in der ganzen langen Zeit bezahlt haben, ist überhaupt nicht vergleichbar mit dem Preis, den wir Erwachsene zahlen."

Sendung: hr4 für Mittelhessen, 11.05.2021, 15.30 Uhr