Video

zum Video Kinderpsychiater Christian Lüdke beantwortet Fragen unserer User

Kind an Hand von Elternteil

Erziehung in Zeiten der Corona-Pandemie stellt Eltern vor unangenehme Fragen: Wie viele Informationen kann ich meinem Kind zumuten? Und wie nehme ich ihm die Angst? Experte Christian Lüdke beantwortet Nutzerfragen.

In unserer Facebook-Gruppe zum Coronavirus in Hessen haben viele Eltern Fragen zum Thema Erziehung gepostet. Eine Auswahl davon haben wir dem Kinderpsychiater Christian Lüdke gestellt. Hier gibt es die Antworten.

hessenschau.de: Wie erklärt man Kindern, was gerade passiert, ohne sie dabei zu verängstigen?

Lüdke

Christian Lüdke: Eltern sollten ihren Kindern erklären, was passiert, wenn sie danach fragen. Und es kommt darauf an, wie alt die Kinder sind. Wenn die Kinder jünger als drei Jahre sind, sollte man nach Möglichkeit gar nicht darüber sprechen. Bei Kindern, die so zwischen drei und zehn Jahre alt sind, sollten die Eltern ganz ruhig und sachlich erklären, worum es sich gerade handelt. Eltern sollten in diesem Fall keine eigenen Gefühlsreaktionen zeigen, selbst wenn sie selber besorgt sind oder Angst haben. Denn das würde die Kinder massiv verunsichern.

hessenschau.de: Manche Kinder wirken unbeschwert und glücklich. Verdrängen sie etwas?

Lüdke: Kinder zeigen immer eine massiv oder stark verzögerte Reaktion auf belastende Ereignisse. Das heißt, es kann durchaus sein, dass die Kinder jetzt erstmal vollkommen normal wirken, aber es dann in einigen Wochen unter Umständen zu Verhaltensänderungen kommen kann. Eltern sollten also unbedingt in mehreren Wochen – auch wenn die Kontaktsperre aufgehoben ist – darauf achten, wenn ihr Kind etwa verstummt oder sehr aggressiv wird. Beide Verhaltensänderungen können ein Hinweis sein auf eine höhere Belastung des Kindes. Und dann sollte man möglicherweise auch fachliche Hilfe in Anspruch nehmen.

hessenschau.de: Viele Kinder vermissen ihre Freunde. Wie können Eltern diese ersetzen?

Lüdke: Eltern können keine gleichaltrigen Freunde ersetzen. Leider ist momentan der Kontakt zu anderen Kindern nicht möglich. Vielleicht sollten Eltern, wenn es vorher strenge Regeln im Umgang mit Smartphone und Co. gegeben hat, diese etwas lockern. Kinder, die älter sind als vier, fünf Jahre, können dann durchaus auch mit ihren Freunden über Skype oder Facetime Kontakt aufnehmen.

Kinder brauchen vor allen Dingen die drei großen "Z": Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Das hilft ihnen dann, mit dieser belastenden Situation wirklich gut zurechtzukommen.

hessenschau.de: Home-Office, Home-Schooling, Kinderbetreuung: Wie lässt sich diese Mehrfachbelastung bewältigen?

Lüdke: Wir können immer nur eins nach dem anderen überlegen. Das bedeutet, dass es bei dieser Mehrfachbelastung für Familien ganz wichtig ist, eine feste Tagesstruktur zu haben. Wir brauchen einen Tagesplan, der sich jeden Tag wiederholen lassen muss. Es muss ganz klar geregelt sein: Wann wird aufgestanden, gefrühstückt oder mal raus an die frische Luft gegangen? Wann sind Lernphasen, Arbeitsphasen und Phasen, in denen wir ausruhen, spielen oder Mittagessen können?

Diese Tagesstruktur gibt uns erstmal unglaublich viel Sicherheit. Erwachsene und auch Kinder brauchen diese Regeln, denn nur dadurch können wir das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Und es hilft uns im Grunde genommen, nicht die Orientierung zu verlieren.

hessenschau.de: Manche Familien werden durch Trennungssituationen zusätzlich belastet. Wie lässt sich das mit Blick auf Kinder bewältigen?

Lüdke: Wenn Eltern sich in einer schwierigen Familien- oder Partnerschaftssituation befinden, weil es vielleicht eine Scheidung oder eine Trennung gibt, dann ist das natürlich nicht schön für die Kinder. Aber als Kinder- und Jugendlichentherapeut kann ich sagen, dass es für ein Kind immer wichtig ist, wie es etwas erlebt und nicht, was das Kind erlebt.

Weitere Informationen

Zur Person

Christian Lüdke (Jahrgang 1960, geboren in Werne) hat nach seinem Abitur in Münster Erziehungswissenschaften, Sport und katholische Theologie studiert. Lüdke ist Therapeut für Kinder und Jugendliche. Auch hat er Bücher zum Thema Erziehung, Beruf und Traumaverarbeitung geschrieben.

Ende der weiteren Informationen

Wenn das Kind sieht, dass es auch bei einer Trennung eine ganze Reihe von Werten gibt - also dass die Eltern trotz allem respektvoll miteinander umgehen und liebevoll mit dem Kind umgehen - dann wird das Kind hier keine Nachteile entwickeln, auch wenn die Trennung an sich natürlich nicht schön ist. Es ist ganz wichtig für ein Kind, immer das Gefühl zu haben, dass es bedingungslos geliebt wird von Mama und Papa.

hessenschau.de: Kinder von Risikopatienten sind teils schwer besorgt. Wie kann ihnen geholfen werden?

Lüdke: Es ist eine reale Sorge. Wenn Ihr Kind danach fragt, sollten Sie natürlich erklären: Ja, es stimmt. Ich gehöre zur Risikogruppe. Aber in diesem Augenblick sollten Sie Ihr Kind auch immer beruhigen. Und Eltern dürfen in diesem Fall manchmal auch zu einer Notlüge greifen. Das ist absolut notwendig, eine Notlüge ist in dem Augenblick eine Zwischenform der Wahrheit. Eltern müssen dann einfach stabil und stark bleiben. Es darf nicht zu einem Rollenwechsel kommen.

Wenn Eltern dann plötzlich anfangen, schwach zu sein und das Kind das Gefühl bekommt: "Ich muss mich jetzt um Mama und Papa kümmern", dann würde es das Kind überfordern. Die Eltern sollten sachlich erklären: "Ja, es stimmt, aber mach dir keine Sorgen, es wird alles gut werden!"

Weitere Informationen

Wichtiger Hinweis

Lüdke weist darauf hin, dass diese Informationen keine individuelle Therapie ersetzen können. Sie beantworten gebündelt und verallgemeinernd die häufigsten Fragen aus unserer Facebook-Gruppe. Sein Appell: Suchen Sie bei dringenden Fragen oder in Notfällen bitte unbedingt ärztlichen Rat!

Ende der weiteren Informationen