Menschenleerer Campus der Uni Kassel

Zum dritten Mal in der Corona-Pandemie startet an den hessischen Hochschulen ein Semester digital. Gerade für Studienneulinge ist das eine große Belastung. Statt des erhofften Campuslebens wartet nicht selten wieder das heimische Kinderzimmer.

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Luana Partimos Studium steckt in einem schmalen Umzugskarton. Drei Ordner hat die 19-Jährige aus dem Wohnheim wieder mit zurückgebracht, die sie in der Ecke ihres alten Schreibtischs verstaut. Sie zieht für ihr zweites Semester um – zurück zu ihren Eltern. Vorgestellt hat sie sich das so nicht, erzählt die Studentin aus Babenhausen (Darmstadt-Dieburg): "Es fühlt sich an wie ein großer Schritt zurück."

Partimo hat im Oktober angefangen, Politikwissenschaften in Mainz zu studieren. Dafür zog sie ins Wohnheim in der Nähe der Uni. "Ich hatte gehofft, dass mir das Studium hilft, wieder einen Alltag zu finden", erzählt sie. Doch mit dem Lockdown kam – anders als geplant – auch ein digitales Wintersemester. Die Folge: ein Neuanfang ohne Kommiliton*innen, ohne persönlichen Kontakt zu Dozent*innen und ohne Campusleben. "Das hat mir ziemlich auf die Psyche geschlagen", sagt die Studentin. Ändern wird sich daran fürs Erste nichts.

Erstsemester leiden besonders

Am Montag gehen die Vorlesungen zum Sommersemester los, wieder digital. Davon betroffen: rund 150.000 Studierende in Hessen, davon allein 30.000 Studienanfänger*innen aus dem letzten Wintersemester.

Für die sei die Situation besonders problematisch, sagt Michèle Knodt, Politikwissenschaft-Professorin an der TU Darmstadt: "Für die Erstsemester ist es schwierig, anzukommen. Sie müssen sich mit dem Unisystem vertraut machen und gleichzeitig versuchen, überhaupt Kontakt zu ihren Mitstudierenden zu bekommen." Knodt betont aber auch: insbesondere die Vorlesungsvideos seien bei den Student*innen sehr gut angekommen und flexibler als richtige Vorlesungen im Hörsaal. "Das werden wir so beibehalten."

Ausziehen? Wofür?

Für Luana Partimo sind die allerdings kein Ersatz für die Präsenzlehre: "Das ist ein riesiger Online-Aufgabenberg, der immer weiter wächst." Zudem fehle durch die digitale Lehre der Austausch mit anderen Studierenden. Bei den meisten Seminaren blieben die Kameras aus, Diskussionen oder das Kennenlernen mache das kompliziert. Ein paar ihrer Kommiliton*innen hat Partimo über Whatsapp-Gruppen doch noch gefunden. Allerdings nur digital - getroffen haben sie sich nur ein einziges Mal nach einer Präsenz-Klausur.

Die meisten aus ihrem Freundeskreis sind deshalb gleich bei den Eltern geblieben. Ausziehen? Wofür, wenn man in der neuen Stadt niemanden kennt? Stattdessen studieren sie von Babenhausen aus. Auch Klara Bussalb geht es so, sie studiert Musik in Frankfurt. "Ich hoffe bei meinem Studium vor allem, dass das gemeinsame Musizieren wieder möglich wird", sagt sie. Das fällt für sie aktuell aus. So lange das so weitergeht, wohnt auch sie bei ihren Eltern.

Das Leben pausiert

Dabei sei das Ausziehen eigentlich ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, sagt Partimo. "Jetzt fühlt es sich an, als wäre mein Leben pausiert. Ich sitze wieder in meinem alten Kinderzimmer an meinem alten Schreibtisch und kann nicht wirklich weitermachen, da wo ich gerne wäre." Das höre auch nicht beim Studium auf, erzählt sie. Denn auch viele Praktikumsplätze werden zurzeit abgesagt oder finden im Homeoffice statt. "Ich habe Verständnis dafür, dass die Unis zu sind. Aber ich würde mir wünschen, dass man wenigstens mal drüber spricht", so die Studentin.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 12.04.2021, 16.45 Uhr