Architektenentwurf: Kiefern stehen wie ein Wald auf dem Grimm Platz

In Kassel soll der Brüder-Grimm-Platz für zehn Millionen Euro in einen Märchenwald mit Sprühnebel und elektrischen Lichtern umgebaut werden. Viele haben daran etwas auszusetzen: Die einen halten es für Kitsch, andere wollen einfach keinen Wald in der Stadt oder machen sich Sorgen um Berge von Kiefernzapfen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Grimm-Platz soll mit Kiefern und Lichtern märchenhaft werden

Der Grimm Platz in Kassel mit dem Hessischen Landesmuseum und der Torwache.
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Städteplaner haben es nicht leicht: Bäume zu fällen führt zu Ärger, Bäume zu pflanzen, um die Innenstadt aufzuwerten, aber auch. Das erlebt gerade der Kasseler Stadtbaurat Christoph Nolda (Grüne). Bei einem hochkarätigen Architekturwettbewerb zur Neugestaltung des Brüder Grimm Platzes in der Kasseler Innenstadt, gewann ein Entwurf des Kölner Architektenbüros ClubL94 und des Ingenieurbüros Röwer aus Gütersloh.

Und der sieht vor, einen Kiefernwald mitten in der Stadt zu pflanzen, inklusive Unterholz, Farn, Waldmeister und Moosen. Um es märchenhaft zu machen, soll es künstlichen Sprühnebel geben und kleine Lichter, die in den Wipfeln und in der Wiese leuchten. Sie sollen an verschiedene Märchen erinnern - vom Sterntaler bis zum "Blauen Licht". Doch es regt sich Widerstand in Kassel.

Unmut gegen Kiefern

Rund zehn Millionen Euro soll das Projekt kosten, der Bund übernimmt den größten Anteil. Aber dem Stadbaurat schwappt wegen des Kiefernhains eine Welle des Unmutes entgegen: "Ich bin es gewohnt, kritisiert zu werden, wenn wir Bäume fällen. Ich bin es nicht gewohnt, kritisiert zu werden, wenn wir Bäume pflanzen. Das hat mich etwas irritiert", sagt Nolda.

Kassel nutzt die berühmten Grimm-Brüder fürs Stadtmarketing, um Touristen aus aller Welt anzulocken. Ein neu gestalteter Märchenwald wäre ein weiterer Ort, der Besucher anziehen könnte. Die Brüder lebten und arbeiteten einst direkt an dem Platz. Aktuell erinnert neben dem Namen eine kleine Statue an sie. Der Gewinner-Entwurf zur Umgestaltung spielt mit einem zentralen Motiv der Grimmschen Märchen: Wälder spielen in den Erzählungen eine mystische Rolle.

Dass der Wald jetzt aber in die Stadt gepflanzt werden soll mit einem eigenen Lichtkonzept und künstlichem Nebel, geht vielen zu weit. Wenig einladend findet Brigitte Bergholter vom Kasseler Verein Bürger für das Welterbe den Entwurf: "Albern" sei der Märchenwald. "Ich finde das eine Anbiederung, die die Kulturstadt Kassel nicht nötig hat." Mitten in der Stadt durch einen dunstigen Kunst-Wald zu wandeln, durch den weiterhin die Wilhelmshöher Allee führen soll samt Straßenbahn, ist ihr zu viel Klischee: "Kassel, gerade auch als Documenta Stadt verdient etwas Spektakuläres, was Mutiges".

Berge von Kiefernzapfen befürchtet

Ähnlich sieht das Hardy Fischer, ehemals Professor an der Kunsthochschule Kassel und Stadtgestalter. Auch er glaubt nicht an das Projekt. Es sei "aufgekitscht mit blauem Licht, Glühwürmchen, schwebendem Nebel", ein tiefer Griff in die Klischeekiste. "Es ist wirklich kein guter Entwurf", kritisiert Fischer, dann solle es eher bleiben wie es jetzt ist.

Die Lokalzeitung HNA erreichen seit Tagen aufgebrachte Leserbriefe von Bürgern, die den Märchenwald nicht in ihrer Stadt wollen. Einer fürchtet, dass Berge von Kiefernzapfen Straßen und Schienen verstopfen könnten. Die Wälder rund um Kassel, die den Brüdern Grimm als Inspiration dienten, seien schön - aber da solle die Natur auch bleiben, heißt es in anderen Schreiben. Außerdem würden die Kiefern wegen der Trockenheit kaputt gehen und müssten dann sowieso gefällt werden.

Den Wald besser vermitteln

Landschaftsarchitekt Frank Flohr vom Büro Club L94 ist von der heftigen Kritik zu seinem Entwurf überrascht, sagte er der HNA. Die Kiefer sei sehr klimaresistent und der kleine Wald in der Stadt habe auch viele ökologische Aspekte, die Bienen würden sich etwa freuen. Er sei sich sicher, am Ende werde die Mehrheit der Kasseler begeistert sein - es bräuchte noch etwas mehr Vermittlung der Idee, um die Bürger zu überzeugen.

Die Auswahl der Gewinner beim Architektenwettbewerb war zudem kein Alleingang der Stadtregierung. Es gab einen Beirat aus Experten und Laien, die über die Entwürfe entschieden. Stadtbaurat Nolda findet, Kitsch sei das Ganze nicht und zieht eine Parallele zum Unesco-Weltkulturerbe in Kassel, dem Bergpark. Der sei eine weitestgehend künstlich angelegte Landschaft.

"Niemand würde zum Bergpark Kitsch sagen, nur weil das einen Inhalt hat und den mit Landschaft erzählt. Wer mit Natur Geschichten erzählt, kann gar nicht kitschig sein." Im kommenden Jahr soll der Bau starten. Brigitte Bergholter von den Bürgern für das Welterbe findet, es dürften dann ruhig Bäume auf dem Platz gepflanzt werden. Aber bitte ohne Lichter, Sprühnebel und Kitsch.

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