Ein mittelalter Mann mit kurzen grau melierten Haaren sitzt lächelnd auf einem Stuhl. Er trägt einen weißen Pulli. Im Hintergrund sieht man ein Regal mit Kunstutensilien.

Vor der Pandemie legte DJ Oskar Offermann aus Offenbach in den Clubs dieser Welt auf. Musik spielt er immer noch - als Quereinsteiger-Lehrer für seine Schülerinnen und Schüler im Kunstunterricht.

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zum hr-fernsehen.de Video Vom DJ zum Lehrer

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Pinke und blaue Lichter blitzen durch einen sonst dunklen Raum. Junge Menschen lassen sich von Technobeats treiben und tanzen vor einem DJ-Pult. An den Plattenspielern steht ein Mann mit langen dunklen Haaren, sein weißes Hemd aufgeknöpft, selig lächelnd. Wenn Oskar Offermann sich dieses Video von einer Partynacht in Brasilien vor fünf Jahren ansieht, wirken diese Szenen auf ihn fast wie ein Traum.

Denkt der Offenbacher an sein altes Leben als weltweit gebuchter DJ zurück, kommt ein bisschen Wehmut auf, wie er sagt: "Früher klingelte der Wecker nur, wenn ich zum Flughafen musste. Jetzt muss ich Montag bis Freitag ran." Oskar Offermann arbeitet derzeit nicht mehr als DJ, denn wegen Corona haben alle Clubs zu. Er ist jetzt Kunstlehrer.

An der Albert-Schweitzer-Schule, einem Gymnasium in Offenbach, unterrichtet er die Klassen 6 bis 11. Umgestiegen ist Offermann, der an der Universität der Künste in Berlin einen Abschluss in Experimenteller Mediengestaltung gemacht hat, im vorigen Oktober.

"Viel größere gesellschaftliche Verantwortung"

Er wollte nicht komplett in finanzielle Schieflage geraten, nachdem die Pandemie ihm seine Verdienstmöglichkeit entzogen hatte, wie der 39-Jährige erzählt. Seine Mutter ist Lehrerin. "Da lag das irgendwie immer nahe", sagt er. Außerdem habe er nach einer neuen Herausforderung gesucht. Nach einem halben Jahr Pandemie sei es ohne Job eben doch auch langweilig geworden.

Die Herausforderung hat er gefunden. "Am Anfang war ich schon krass aufgeregt. Vor der ersten Stunde habe ich die halbe Nacht nicht geschlafen", erinnert sich Oskar Offermann. Über sein neues Leben sagt der Quereinsteiger: "Man hat natürlich als Lehrer eine viel größere gesellschaftliche Verantwortung."

Es sei auch härter als Plattenauflegen bei einer Party, findet der DJ a. D. - man müsse die Schüler erst mal für sich gewinnen: "Als DJ genießt man ja einen gewissen Sonderstatus und man muss sich das Interesse des Publikums nicht so hart erkämpfen wie als Lehrer. Da ist man erst mal der Buhmann."

"In Zukunft zweigleisig fahren"

Tatsächlich hatte er nach eigenen Angaben noch nicht einmal einen Quereinsteiger-Kurs belegt. Er sei im Herbst einfach ins kalte Wasser gesprungen, und der Lehrermangel in Hessen ermöglichte ihm den Jobwechsel mitten im Schuljahr.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen war Offermann etwas vertraut durch frühere DJ-Workshops in Jugendhäusern. Inzwischen hat sich an das neue Leben in festen Strukturen und das regelmäßige frühe Aufstehen gewöhnt, wie er sagt: "Es bereitet mir großen Spaß zu unterrichten, und ich hatte auch schon vor der Coronakrise mit dem Gedanken gespielt, das mal auszuprobieren."

Die Musik an den Nagel hängen, komme aber nicht infrage: "Ich möchte da zweigleisig fahren in Zukunft. Man muss das dann nur sehr gut organisieren, damit man trotz allem noch genug Erholungsphasen hat."

Er glaubt an Partys nach der Pandemie

Oskar Offermann glaubt fest daran, dass es nach der Pandemie mit dem Nachtleben weitergehen wird - mit Clubs voll dicht gedrängter Menschen, enthemmt durch Alkohol und den Sog der Musik: "Warum nicht, wenn sich alle vorher testen lassen?" Modellprojekte wie ein Konzert mit 4.600 Besucherinnen und Besuchern in Barcelona im März - ohne eine einzige Neuinfektion - machten doch vor, wie es gehen könne, sagt der DJ.

"Die Frage ist nur, wie bequem ich bis dahin geworden bin und mich an mein neues Leben gewöhnt habe", sagt der 39-Jährige augenzwinkernd. Dass er jetzt den Sonntagmorgen entspannt mit seiner Freundin verbringen könne, statt erst in den frühen Morgenstunden nach Hause zu kommen, genieße er sehr. Trotzdem: Auflegen und tanzen im Club, das gehöre für ihn zu einem erfüllten Leben einfach dazu.

"Offen für unkonventionelle Wege im Unterricht"

Vor der Pandemie reiste der Offenbacher um die ganze Welt, legte auf Partys in Tokio, New York, São Paulo, Hongkong und im Robert Johnson in seiner Heimatstadt auf. Sein altes Leben außerhalb der üblichen Arbeitszeiten und ohne feste Ortsbindung, diese Freiheit wirke sich auf seine Art zu unterrichten aus, sagt Offermann: "Ich habe oft einen ganz anderen Ansatz als ein klassisch ausgebildeter Lehrer und bin beispielsweise sehr offen, was unkonventionelle Wege in der Stoffvermittlung angeht. Gerade Corona und Homeschooling kann man hier auch als eine Chance sehen, um Dinge mal ganz anders zu vermitteln."

Was er meint, wird beim Blick auf seinen Laptop klar: Einige Kinder haben hier mit Alltagsgegenständen das berühmte Gemälde "Das Mädchen mit dem Perlenohring" von Jan Vermeer nachgestellt. Sie sollten Abstraktion üben. Auf einem Foto trägt ein schrumpeliger Brokkoli dafür einen blauen Schal um den Kopf.

"Schüler kurz vor Unterrichtsende sind wie Menschen im Club"

Wenn er so recht überlege, sagt Oskar Offermann noch, bestehe zwischen Club und Klassenzimmer gar kein so riesiger Unterschied. "Bei mir im Kunstunterricht spiele ich auch oft Musik." Allerdings nicht schnellen Techno, sondern langsame Beats, um die Kinder und Jugendlichen in einen konzentrierten Zustand zu versetzen. "Eine Horde wild gewordener Schülerinnen und Schüler kurz vor Unterrichtsschluss ist nicht so weit entfernt von Menschen in einem vollen Club, die Bock auf Ekstase haben", sagt Offermann und lacht: "Beide Male braucht man ein gewisses Feingefühl, um rechtzeitig aufkommende brenzlige Situationen zu erkennen und zu löschen."

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 03.05.2021, 18 Uhr