Schüler stehen in Frankfurt auf dem Holbeinsteg

Seit einem Jahr gehen Schüler für mehr Umweltschutz auf die Straße. Ein paar von ihnen aus Frankfurt fahren nun zum Schul-Abschluss mit ihrer Klasse auf Kreuzfahrt. Ausgerechnet! Organisiert hat das die Schulleitung. Alle fahren mit, wenn auch einige mit Bauchschmerzen.

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hs
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"Ich habe kein schlechtes Gewissen", sagt Mathelehrer Michael Winn. "Das ist das Schlimmste, was man an Emissionen verursachen kann", sagt Schülerin Naomi Baumann. Vierte Stunde an dem Gymnasium Carl-Schurz-Schule in Frankfurt-Sachsenhausen, Mathe-Leistungskurs, und die Diskussion kommt wieder auf: Darf man eine Klassenfahrt mit dem Kreuzfahrtschiff Aida machen?

Die Schüler hocken hinter ihren Holztischen, 16 sind sie insgesamt, und eigentlich geht es im Moment um Wahrscheinlichkeitsrechnung. Aber es steht auch die Abschlussfahrt an, das letzte gemeinsame von der Schule organisierte Erlebnis. Initiiert hat die Reise Michael Winn - Studienleiter der Schule, die im August von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) für ein Projekt den ersten Preis des bundesweiten Wettbewerbs "Umwelt macht Schule" überreicht bekommen hat. Seine Idee: Fünf Tage Kreuzfahrt mit Halt in Oslo und Kopenhagen, 390 Euro pro Kopf. Alles gut - wäre da nicht das Problem mit dem ökologischen Fußabdruck. Kreuzfahrten stehen stark in der Kritik und gelten allgemein als Umweltsünde.

"Mit dem Fahrrad nach Wanne-Eickel wollen die nicht"

Und so sorgt der Vorschlag bei Schülern und Eltern für Diskussionen. Einige Eltern seien sehr "grün", sagt Michael Winn, und Schülerinnen wie Naomi Baumann laufen bei Fridays for Future mit. Winn selbst ist Mitglied beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Uns ist klar, dass wir einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen", sagt er. Trotzdem hat er sich für die Kreuzfahrt entschieden. Das Preisleistungsverhältnis sei unschlagbar, und "mit dem Fahrrad nach Wanne-Eickel fahren – das wollen die Schüler nicht."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kreuzfahrt für Schüler: Abschlussfahrt auf der Aida

Naomi Baumann, Schülerin
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Naomi protestiert. "Es gibt tausend Alternativen, die man hätte machen können, aber die wurden überhaupt nicht bedacht." Stattdessen sei als Alternative zur Kreuzfahrt eine Fahrt nach Würzburg vorgeschlagen worden. "Aber das wollte dann keiner." Winn sagt: "Wenn Sie die Schüler zu einer Fahrradtour überreden können – bitte."

Mehr als das halbe CO2-Jahresbudget

Aber wie steht es wirklich um den ökologischen Fußabdruck so einer Kreuzfahrt? Klaus Vajen, Professor für Energietechnik an der Uni Kassel, hat für den hr den CO2-Ausstoß der Kreuzfahrt berechnet. Herausgekommen sind 1.250 Kilo pro Kopf. Um das Zwei-Grad-Ziel im Klimaschutz der Bundesregierung zu erreichen, dürfte jeder Mensch nur 2.000 Kilo ausstoßen - pro Jahr. "In den restlichen 360 Tagen müssen Sie dann mit den übrigen 800 Kilo auskommen", sagt er. "Daran sieht man schon, dass das ein ganz schöner Batzen ist."

Die Schule werde ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht und zeige den Schülern mit der Kreuzfahrt, "dass sie nicht an einem nachhaltigen Lebensstil interessiert ist", kritisiert Maike Weber von Fridays for Future in Hessen die ungewöhnlichen Reisepläne. Die Schule nehme Klimaschäden bewusst in Kauf und denke nicht in die Zukunft.

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Wodurch sich die 1.200 kg CO2 der Kreuzfahrt kompensieren lassen:

  • 2,2 Jahre vegetarisch essen
  • 1,3 Jahre die eigene Wohnung nicht heizen
  • 9.000 Kilometer Fahrrad statt Auto fahren
  • 16 Jahre lang kalt duschen


(Quelle: Universität Kassel, Institut für thermische Energietechnik)

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Kreuzfahrt ist beschlossen, zu Hause bleiben will keiner

Trotzdem, die meisten Schüler freuen sich auf die Kreuzfahrt. "Daran erinnert man sich auch in 20, 30 Jahren noch", sagt Raoul Korbjuhn. Außerdem gehe es nicht ums Feiern, sondern um Kultur. So sieht das auch Lehrer Winn. "Man kann den Kindern ja Kultur und Wissenschaft nicht vorenthalten", sagt er. Tatsächlich werden die Mathe- und Physik-Schüler in Kopenhagen ein Experimentarium besichtigen, einen Großteil der fünf Tage verbringen sie allerdings auf dem Schiff.

Für Naomi Baumann rechtfertigt auch der Studienaspekt die Kreuzfahrt nicht. Die Kreuzfahrt verursache so viele Emissionen und sei die schlechteste Variante. "Man sollte die am allerwenigsten unterstützen." Für Alternativen ist es allerdings zu spät: Die Kreuzfahrt ist schon gebucht, in einer Woche geht es für die Schüler los. Und alleine zu Hause bleiben möchte auch keiner.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.09.2019, 19.30 Uhr

Ihre Kommentare Klassenfahrt mit Kreuzfahrtschiff - super Angebot oder übertriebener Umweltfrevel?

343 Kommentare

  • Kommentar aus Köln: "... Und soll mir noch einmal einer von diesen Kids sagen, dass wir verantwortungslos mit ihrer zukünftigen Umwelt umgegangen sind!"Zitatende

    Ja, das seid ihr.
    Denn es war der Lehrer der die Art der Abschlußfahrt bestimmt hat!

    Vielleicht sollten einige hier den Kommentar nochmal durchlesen bevor sie auf den Schülern rumhacken?

    Und für alle hasserfüllten: Wie habt ihr denn gestreikt? Im Urlaub? Am Wochenende? Es ist nicht so, dass unsere Jugendlichen Freitags schwänzen. Bilder belegen überall, dass sie tatsächlich Demonstrieren...sonst hätte die Aktion auch längst schon ein Ende gefunden.

    Die Generation 55+ beweißt für mich immer wieder aufs neue Ignoranz, Dummheit und Hass anstatt stolz auf die Enkel zu sein und Verständnis aufzubringen, dass die jetzigen Jugendlichen nur von dem Leben Ihrer Großeltern träumen können. Rente, Umwelt, Arbeit..... Ja, das sind Probleme, die eure Generation geschaffen hat! Danke auch!

  • Einfach nur lächerlich !
    In unserem bekloppten Land wird man an den Pranger gestellt , wenn man nicht Veganer ist und mit dem Fahrrad fährt , was kommt noch ?
    Lasst die Schüler endlich in Ruhe und auf Klassenfahrt gehen !!

  • Und alle Kritiker fahren ausschließlich Fahrrad?
    Wann ist Schluss mit Heucheleien, und nicht nur in Klima-Frage?

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