Das Universitätsklinikum in Frankfurt.

Besuche in Krankenhäusern sind wieder erlaubt. Doch nicht überall ist das uneingeschränkt möglich. Torsten Schmidt kann seiner Frau derzeit nicht auf der Krebsstation an der Frankfurter Uniklinik beistehen.

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Die vergangenen Wochen waren für Torsten Schmidt aus Bad Soden (Main-Taunus) besonders hart. Seine Frau ist an einer sehr seltenen und aggressiven Krebsart erkrankt, sie hat einen bösartigen Tumor am Auge. Als seine Frau im Mai in die Frankfurter Uniklinik kam, durfte weder Schmidt noch der gemeinsame sechsjährige Sohn sie besuchen. Die Landesregierung hatte wegen der Corona-Pandemie ein generelles Besuchsverbot erlassen.

Fünfeinhalb Wochen alleine in der Klinik

"Beim ersten Mal hat meine Frau fünfeinhalb Wochen alleine in der Klinik verbracht - ohne dass jemand von uns zu ihr konnte", sagt Schmidt. Seine Frau wird in der Uniklinik auf der Onkologischen Station behandelt. "Als ich sie damals gebracht habe, war das, wie als würde ich ein Stück Fleisch übergeben. Ich musste sie am Empfang alleine lassen und gehen", erinnert er sich. "Es ist zum Verzweifeln, wenn man weiß, was die eigene Frau gerade durchmacht und dass man nicht für sie da sein kann." Gerade auch für den gemeinsamen Sohn, der nach dem Sommer eingeschult wird, sei es derzeit sehr hart, betont er.

Seit Mittwoch dürfen Patienten in Kliniken wieder Besuch empfangen: in den ersten sechs Tagen insgesamt zwei Besuche. Pro Besuch dürfen maximal zwei Personen kommen. Ab dem siebten Tag darf täglich Besuch von maximal zwei Personen empfangen werden.

Frankfurter Uniklinik bleibt für Besucher weiter geschlossen

Auch bei Schmidt kam Hoffnung auf, seine Frau nun regelmäßig besuchen zu können. Sie liegt nun, nach einer kurzen Unterbrechung, bereits seit zwei Wochen wieder auf der Krebsstation in Frankfurt. Die Hoffnung sollte sich allerdings nicht bewahrheiten, denn die Uniklinik bleibt trotz der Lockerung vorerst für alle Besucher geschlossen. Möglich macht dies das Hausrecht der Kliniken, womit sie die Besuchszeiten selbstständig regeln können.

Das Uniklinikum verweist dabei auf die hohe Ansteckungsgefahr. "Aus Gründen der Patientensicherheit und des Mitarbeiterschutzes sind hier leider noch keine wesentlichen Anpassungen im Hinblick auf die Lockerungen der Besuchsregelungen durch das Land Hessen möglich", sagte ein Pressesprecher auf Anfrage. Man prüfe allerdings kontinuierlich, inwiefern eine weitere Öffnung möglich sei.

Das soll laut den Plänen des Uniklinikums mit Hilfe einer App passieren. Ein System soll demnach den Besuchern einen Termin zuweisen und gleichzeitig einen Code verschicken, der am Eingang der Klinik eingelesen wird.

Kein Besuch auf Onkologie in Darmstadt

Damit geht die Uniklinik nach einer Stichprobenumfrage des hr bislang aber einen Sonderweg. Das Uniklinikum Gießen-Marburg, die Lahn-Dill-Kliniken, das Elisabethenstift in Darmstadt oder das Klinikum Kassel lassen auf allen Stationen entsprechend der Lockerungen Besuche zu. Das Agaplesion Evangelisches Krankenhaus Mittelhessen will Ende der Woche wieder für Besucher öffnen.

Das Klinikum Darmstadt lässt in den meisten Bereichen Besuche zu, nimmt davon aber explizit solche bei Patienten aus, die ein höheres Infektionsrisiko aufweisen, wie zum Beispiel auf der Onkologie. Auf der Internetseite des Krankenhauses gibt es eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Registrierung. Der Patient, den man besuchen möchte, bekommt einen zwölfstelligen Code. Dem Besucher wird dieser zur Terminbuchung mitgeteilt.

Fragenbogen vor Zutritt, Temperaturmessung

Auch im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda dürfen wieder Besucher kommen. Vor dem Zutritt müssen sie einen Auskunftsbogen mit Daten sowie Fragen nach Krankheitssymptomen und Aufenthalten in Risikogebieten ausfüllen. Für manche ende der Besuch dadurch schon am Haupteingang, sagte Verwaltungsleiter Matthias Färber. Auch in anderen Krankenhäuern muss ein Formular ausgefüllt werden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gelockerte Besuchsregelungen in Kliniken

Krankenhaus
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Kliniken wie das Kreiskrankenhaus Alsfeld und das Klinikum Werra-Meißner mit Standorten in Eschwege und Witzenhausen messen bei Besuchern vor dem Eintritt die Temperatur.

Krankenhausgesellschaft: "Besuch tut Patienten gut"

Der Geschäftsführer der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger, nennt die Wiedereröffnung für Besucher in den Krankenhäusern "einen schmalen Grat". "Auf der einen Seite haben wir die Kliniken, die hochgefährdete Orte mit zahlreichen geschwächten Menschen sind, auf der anderen Seite tut natürlich auch ein Besuch und das Soziale den Patienten gut."

Die Krankenhausgesellschaft, die nach eigenen Angaben mit mehr als 150 Häusern nahezu alle Kliniken im Land repräsentiert, hat diese in der vergangenen Woche vorbereitend zur Wiedereröffnung beraten und Empfehlungen herausgegeben. Gerade die Onkologie und die Nephrologie (Nierenfachabteilung) seien "sehr sensible Bereiche", bei denen Covid-19 für die Patienten ein besonders hohes Risiko darstelle. Gramminger nannte es daher nicht unwahrscheinlich, dass manche Kliniken jene Abteilungen von den neuen Besuchsmöglichkeiten ausnehmen.

"Meinetwegen mache ich vor jedem Besuch einen Schnelltest"

Torsten Schmidt dagegen sagt: "Meinetwegen mache ich vor jedem Besuch einen Corona-Schnelltest. Auch auf eigene Kosten. Bei eingelieferten Patienten geht das ja auch." Verzweiflung schwingt mit: "Dass ich in den letzten Wochen nicht bei meiner Frau sein konnte, obwohl sie einen streuenden Tumor hat und unter starken Morphinen steht, das macht mich verrückt." Doch die Klinik mauere, sagt er. Zu dem konkreten Fall wollte sich die Uniklinik am Mittwoch gegenüber dem hr nicht äußern.

Für Schmidt und seinen Sohn rückt derzeit nur eine andere Perspektive unwiederbringlich näher: die Palliativstation, auf die seine Frau zeitnah verlegt werden soll. Dort dürfen die Erkrankten dann an ihrem Lebensende ohne Einschränkungen besucht werden.

Sendung: hr-iNFO, 15.07.2020, 12.20 Uhr