Simon Dörr moderiert bei radioKlinikfunk in Wiesbaden
Simon Dörr im Studio von radioKlinikfunk. Bild © hr

Simon Dörr moderiert für ein ausgewähltes Radiopublikum: die Patienten der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden. Schlechte Nachrichten und traurige Lieder gibt es im Klinikfunk nicht zu hören. Die Moderatoren wollen die Kranken lieber zum Lächeln bringen.

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Klinikfunk in den Horst Schmidt-Kliniken in Wiesbaden

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In dem kleinen Raum hoch oben auf dem Dach der Horst-Schmidt-Kliniken sieht alles aus wie in einem richtigen Hörfunkstudio: Mischpulte, Mikrofone, Bildschirme mit bunten Sendeplänen und Songtiteln. Mit einem Lächeln auf den Lippen sitzt Simon Dörr vor einem Mikro und moderiert den nächsten Gute-Laune-Song an. Während nicht einmal 100 Meter entfernt in der Onkologie Krebspatienten behandelt werden.

Simon Dörr ist sich dieser Gratwanderung bewusst. "Wir sind ja dafür da, gute Laune zu verbreiten. Nicht nur für die Menschen in der Onkologie, sondern wirklich für alle", sagt der ehrenamtliche Moderator. "Und wir wollen dafür sorgen, dass die Menschen ein bisschen das vergessen, was hier ist."

Lieber fröhliche und neutrale Lieder

Deswegen lautet das Motto des radioKlinikfunk in dem Wiesbadener Krankenhaus: "Gute Laune für gute Besserung!" Das funktioniere natürlich nicht, wenn man vom jüngsten Terroranschlag berichte, sagt Dörr: "Solche traurigen oder schlechten Nachrichten sollen bei uns nicht stattfinden. Die Patienten tragen schon genug Leid mit sich herum."

Für die Lieder, die im Klinikfunk gespielt werden, gilt dieselbe Regel: Traurige Songs schaffen es nicht auf den Sender, auch Lieder mit negativen Texten werden vermieden. So hören die Patienten auch "Highway to Hell" von AC/DC hier nicht. Stattdessen laufen fröhliche und neutrale Lieder, wie Dörr sagt.

"Es ist verrückt, was Musik mit einem machen kann"

Die Abwechslung ist trotzdem groß: Eine halbe Million Songs sind in der Datenbank hinterlegt. So kann das Team des Klinikfunks auch die meisten Musikwünsche erfüllen. Manche gehen per Mail oder Telefon ein, andere Patienten besuchen die Moderatoren direkt im Studio, so wie Klaus-Dieter Lummel und seine Frau Elsbeth. Sie ist seit ein paar Tagen in der Klinik und hat ihre Augenoperation bereits überstanden.

Ehepaar Lummel zu Besuch im Hörfunkstudio
Den Musikwunsch von Elsbeth und Klaus-Dieter Lommel kann der Moderator spontan erfüllen. Bild © hr

Ihren Lieblingssong hat Simon Dörr nach kurzer Suche im Archiv gefunden: "Laras Lied" aus dem Filmklassiker "Doktor Schiwago". Er erinnert das Paar an ihre Kennenlernzeit, die Schallplatte lief damals ständig bei ihnen, erzählt der Rentner. Als die ersten Töne laufen, lächelt er seine Frau sichtlich ergriffen an. "Da haben wir damals getanzt. 50 Jahre ist das her", erinnert sich Klaus-Dieter Lummel.

"Es ist verrückt, was Musik mit einem machen kann", antwortet ihm Simon Dörr. Wegen Momenten wie diesem liebt er seine Arbeit für den Klinikfunk. Man nehme viel mit, sagt er. "Es ist gar nicht so sehr, dass man überschwängliche Geschenke bekommen muss. Es ist einfach schon Geschenk genug, dass Leute hier hochkommen und sagen: Es ist toll, dass ihr hier seid!", berichtet der 19-Jährige: "Das ist das Schönste, was man mir und uns allen sagen kann."

Klinikfunk seit 30 Jahren

Dörr moderiert seit drei Jahren bei radioKlinikfunk, anfangs in den Schulferien, jetzt neben seinem Studium im Fach Medienproduktion. Inzwischen ist er auch im Vorstand des Vereins, der hinter dem Radiosender steht. Die rund 100 Mitglieder kümmern sich nicht nur ehrenamtlich um Moderation und Songauswahl, sondern auch um die komplette Technik. Über ihre Mitgliedsbeiträge finanzieren sie neue Geräte und die Gebühren für die Musik, die sie spielen.

Matthias Lissner steht am Mikrofon im Radiostudio
Klinikfunk-Moderator Matthias Lissner ist von Simon Dörr ausgebildet worden. Bild © hr

Seit mehr als 30 Jahren sendet radioKlinikfunk nun schon in Wiesbaden. Sogar einige bekannte Journalisten wie tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni haben hier vor Jahrzehnten ihre ersten Moderationsversuche gemacht. Auch für Simon Dörr war es eine ideale Möglichkeit, nicht nur das Moderieren, sondern auch das ganze Drumherum zu lernen. Inzwischen bildet er selbst neue Kollegen aus.

Für ihn ist es ein Traumjob, das merken auch seine Hörer. "Das spürt man, dass er mit Leib und Seele dabei ist", sagt Patientin Elsbeth Lummel. Sie darf das Krankenhaus nach ihrer Augenoperation bald wieder verlassen. Ihr Mann ergänzt schmunzelnd in Dörrs Richtung: "Wenn wir gewusst hätten, dass Sie so nett sind, hätten wir gesagt, wir bleiben noch ein bisschen länger."

Weitere Informationen

maintower-Serie "Diagnose Menschlichkeit"

Menschelnde Geschichten aus dem Medizinbetrieb erzählt maintower in seiner vierteiligen Serie "Diagnose Menschlichkeit - Stille Helden im Krankenhaus" im hr-fernsehen. Bereits gesendet:

Die weiteren Teile:

  • Mittwoch, 7. August: Die Krankenpflegerin im Frankfurter Kinderhospital
  • Donnerstag, 8. August: Die Krankenpflegerin in der Neurologie in Darmstadt
Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 06.08.2019, 18 Uhr