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Ungeziefer, Dreck, Leichenflüssigkeit: Tatortreiniger ist ein harter Job und hat mit der gleichnamigen TV-Serie wenig gemeinsam. Trotz guter Verdienstmöglichkeiten ist der Nachwuchs knapp.

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Eine Wohnanlage in Frankfurt: Marcell Engel und sein Mitarbeiter Sascha Thomaschewski stehen im Treppenhaus. Vor ihnen eine verdreckte Tür mit einem Polizeisiegel, auf dem Boden neben ihnen zwei große Alukoffer mit der Aufschrift PSA - das steht für "persönliche Schutzausrüstung".

"Wir wissen ja nicht, was da drin auf uns zukommt", sagt Engel. Ein teflonbeschichteter Spezialanzug, Handschuhe, Überzieher für die Schuhe und eine Atemmaske, das ist die Grundausrüstung. Dann geht es in die Wohnung.

"Man muss psychisch stabil sein"

Der Job des Tatortreinigers ist kein Ausbildungsberuf. Meist kommen die Anbieter aus der Gebäudereinigung oder der Schädlingsbekämpfung. Allerdings gebe es deutlich mehr Leichenfunde als qualifiziertes Fachpersonal, sagt Marcell Engel: "Wir suchen eigentlich ständig und stetig."

Gut für den Job ist eine Desinfektoren-Ausbildung und eigene Glaubenssätze, sagt der Chef von Akut SOS Clean in Bad Soden. "Man muss grundsätzlich sehr, sehr, sehr gründlich sein. Man muss einen Eigenanspruch an Reinheit haben und man muss psychisch stabil sein."

Leichenflüssigkeit schlimmer als Blut

Marcell Engel dreht den Schlüssel im Schloss, die Tür knarrt. Vom kleinen Flur geht es direkt ins Wohnzimmer. Hier ist ein Mann gestorben. Auf dem Boden kleben Kopfhaut und Haare. Außerdem sind Reste von eingetrockneter Leichenflüssigkeit zu sehen. Die sei schlimmer als Blut, sagt Engel. "Es riecht ja nicht nur intensiv, sondern es ist tatsächlich auch von der Konsistenz sehr fettig und ölig. Es ist schon widerlich."

Diese Wohnung sei aber noch harmlos sagt er, auf einer Skala von eins bis zehn vielleicht eine drei. Pfandflaschen stehen herum, das Bad ist völlig verdreckt. Eine Crackpfeife und Methadonverpackungen liegen herum. Da starte das Kopfkino, sagt Engel.

Kopfschuss im Auto - der erste Tatort

Engel ist seit rund 25 Jahren Tatortreiniger. Davor handelte er mit Autos. Eines Tages bekommt er einen Wagen, in dem sich jemand umgebracht hat - mit einem Kopfschuss. Engel reinigt den Wagen, macht ihn wieder fit für den Verkauf, natürlich mit entsprechendem Hinweis.

Mit der Zeit entwickelt er ein Streben nach Sauberkeit, das von seinem Perfektionismus angetrieben wird. Und auch sein Privatleben profitiert davon: "Im Klartext, ich putze gerne und helfe gerne im Haushalt mit. Man soll es nicht glauben, aber so ist es. Reinigen ist bei mir Passion", sagt er.

Wisch und weg!

Jetzt wird die versiegelte Wohnung sauber gemacht. Das beginnt mit der Vordesinfektion. Sascha Thomaschewski hat ein Art Tank mit einem Gurt über seine Schulter gehängt, vorne kommt ein Schlauch raus. Das Ganze erinnert an die Geisterstrahler der Ghost Busters. Er geht von Raum zu Raum und bestäubt alles mit einem Sprühnebel, der aus der Maschine kommt. So werden erste Gerüche beseitigt und die mikrobiologische Belastung gesenkt.

"Das schafft schon mal einen Freiraum, um besser atmen zu können", sagt Chef Marcell Engel. Dann wird der grobe Müll in Säcke gepackt, anschließend das Laminat mit einer Speziallösung gewischt, um Kopfhaut und Haare zu entfernen. Da die Leichenflüssigkeit auch darunter gelaufen ist, bricht das Team das Laminat heraus, um auch hartnäckige Geruchserreger zu beseitigen.

Das unterscheide Laien und Profis, sagt der Chef: "Hätte das ein Hinterbliebener selbst gereinigt, für den wäre die optische Reinigung der Abschluss gewesen." Abschließend wird noch die Enddesinfektion mit einem Thermonebel gemacht, dann ist alles sauber.

Absprungquote 99 Prozent

Tatortreiniger ist ein Knochenjob. Schwere körperliche Arbeit, kombiniert mit extremer psychischer Belastung - vielleicht einer der Gründe, warum der Nachwuchs knapp ist. Am Geld kann es nicht liegen, ein Top-Tatortreiniger kann zwischen 2.500 und 3.500 Euro netto verdienen, sagt Engel.

"Da muss man aber dazu sagen, Berufserfahrung, Weiterbildung und der Wille, richtig gut zu werden, sind die Grundvoraussetzungen, um an ein solches Gehalt heranzukommen." Grundsätzlich sei man ja in der Gebäudereinigerbranche, und da werde deutlich weniger gezahlt.

In Spitzenzeiten landen über 150 Bewerbungen pro Monat auf dem Tisch des Firmenchefs. Meist seien die Bewerber aber nicht geeignet. Und wenn doch, dann seien sie dem Druck oft nicht gewachsen, sagt Engel: "Die Absprungquote liegt bei 99 Prozent."

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 20.8.2019, 18.00 Uhr