Ecke, Fußballfeld, Kunstrasen
Im Kunstrasen liegt kiloweise Mikroplastik pro Quadratmeter. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Sportvereine schätzen Kunstrasen als pflegeleichte Spielplätze. Doch sie bringen tonnenweise Mikroplastik in die Umwelt. Die EU denkt daher über ein Verbot nach. Auf Kommunen und Vereine kämen hohe Kosten zu.

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"Wenn es rieselt, geht es dem Rasen gut." Karsten Schütze weiß das. Der Wiesbadener Sportamtsleiter streicht mit den Fingern über die grünen Plastikhalme am Boden eines Sportplatzes, dazwischen springt feines Gummigranulat heraus. Die Stadt rüstet seit Jahren um, weg mit den Ascheplätzen, stattdessen Kunstrasen auf die Hockey- und Fußballfelder.

Internationaler Standard, sagt Schütze. Doch mit dem Kunstrasen kamen die Probleme. Schuld daran ist das Granulat, das zwar dem Kunstrasen gut tut, aber der Umwelt ganz und gar nicht.

Sportplätze produzieren Massen an Mikoplastik

Um die Plätze nutzen zu können, brauchen die Sportler die sogenannte Füllung. Sie hat eine ähnliche Funktion wie Erde auf natürlichen Plätzen, sie dämpft und schützt Spieler vor Verletzungen. Auf jedem Quadratmeter landen im Schnitt fünf Kilo Gummigranulat - auf einem ganzen Fußballplatz liegen etwa 35 Tonnen. Das Granulat muss immer wieder nachgefüllt werden, um Löcher zu stopfen, weil Wind, Regen und Reinigungsmaschinen die Substanz zwischen den Halmen heraus lösen und in Gewässer und auf Felder tragen.

Forscher des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik haben in einer Studie festgestellt: Sportplätze mit Kunstrasen sind eine der größten Quellen von Mikroplastik. In Deutschland seien sie pro Jahr "für geschätzt bis zu 10.000 Tonnen Mikroplastik in der Umwelt" verantwortlich, berichtet Projektleiter Jürgen Bertling.

"Dann können wir den Fußballbetrieb einstellen"

Grund genug, dass die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) verstärkt über Kunstrasen nachdenkt. Die EU-Kommission hat die ECHA beauftragt, Maßnahmen zu entwickeln, um den Einsatz von Mikroplastik zu verhindern. Die ECHA empfiehlt ein Verbot der winzigen Plastikpartikel, losgehen soll es 2022.

Das Verbot beträfe auch das Kunstrasen-Granulat. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat das Thema deshalb Anfang Mai mit Vertretern von Sportämtern diskutiert. "Der DOSB geht davon aus, dass es Verbote geben wird", berichtet Wiesbadens Sportsamtleiter Schütze von dem Treffen.

Verbote wären für Städte mit Kunstrasenplätzen ein Problem. Wiebaden etwa hat 35 Sportplätze, 23 von ihnen sind mit Kunstrasen ausgestattet. Auf wiederum 13 davon ist das umweltschädliche Gummigranulat eingefüllt. In anderen hessischen Städten sind ähnlich viele Plätze betroffen. Schütze beunruhigt vor allem die Vorstellung, alle Plätze auf einmal vom Granulat auf ein anderes System umrüsten zu müssen. "Dann können wir den Sportbetrieb einstellen", sagt er: "Das ist eine Summe, die wir im Budget überhaupt nicht haben."

Sanierungen kosten bis zu 500.000 Euro

Die Sportplatzbetreiber könnten statt des Gummis auch Quarzsand oder Kork verwenden, auf einem Teil der Plätze kommen die Materialien schon jetzt zum Einsatz. Um zu verhindern, dass bereits gestreutes Granulat in Böden und Flüsse gelangt, müssten die Plätze komplett auf Sand umgerüstet werden.

Die Angaben der vom hr angefragten hessischen Großstädte, wie viel eine solche Sanierung kosten würde, schwanken zwischen 100.000 und 500.000 Euro. Das ist viel Geld für die Kommunen und erst recht für Vereine, die häufig auch Betreiber der Plätze sind.

Verbände schlagen Alarm und fordern mehr Zeit

Um zu vermeiden, dass diese Kosten auf einmal anfallen, haben sich neben dem DOSB der Deutsche Fußballbund (DFB) eingeschaltet. Sie fordern für die Umrüstungen eine Übergangsfrist von mindestens sechs Jahren, "um die hohen Investitionen für die Sanierungen leisten und gleichzeitig den Sportbetrieb auf den betroffenen Sportanlagen aufrechterhalten zu können". Auch der Hessische Fußballbund schlägt wegen des angedachten Verbotsdatums von 2022 Alarm.

Auch Karsten Schütze wünscht sich genügend Zeit für den Wechsel zur umweltfreundlicheren Variante. "Wir versuchen, die Plätze 15 Jahre und länger zu verwenden." Danach müsse der Platz sowieso saniert werden, dabei könne man dann umrüsten. Bis die Plätze mit Gummigranulat dran seien, werde es allerdings noch dauern, weil sie neuer seien als die mit Sand. Er warnt auch vor Panik: "Im Moment ist noch viel Spekulation dabei."

Hohe Kosten für Kommunen und Vereine

Nicht alle Städte stehen vor gleich großen Problemen. "Wir haben uns vor zwei, drei Jahren bewusst dafür entschieden, nur noch sandverfüllte Plätze zu bauen", sagt der stellvertretende Sportamtsleiter Karsten Schwartz in Kassel. Dort gibt es nur einen einzigen städtischen Kunstrasenplatz, die anderen städtischen zehn Plätze sind mit dem umweltfreundlichen Sand befüllt, der auch günstiger ist. Schwartz: "Das hatte auch etwas mit Glück zu tun, weil damals in der Diskussion noch gar nicht klar war, wie gefährlich das Granulat ist."

Auch in Darmstadt befürchtet man zunächst keine Probleme, zumindest für die Stadt. Die Sportplätze hier gehören den Vereinen, diese allerdings werden sich mit dem Thema befassen müssen. In Frankfurt berichtet das Sportamt, dass es in der Stadt natürlich mehr Kunstrasenplätze gebe als in anderen Gemeinden. Ansonsten wolle man sich derzeit nicht zu dem Thema äußern.

Details müssen auf EU-Ebene noch geklärt werden

Auch die Europäische Chemikalienagentur selbst wartet noch ab und hört sich die Befürchtungen an. Bis September können sich die Betroffenen mit Anmerkungen an die Institution wenden, dann sollen ECHA und EU-Kommission innerhalb eines Jahres die endgültigen Details klären.

Auch wenn diese bis jetzt noch nicht feststehen: Plätze mit Kunststoffgranulat dürfte die Stadt Wiesbaden nicht mehr bauen. Das haben die Stadtverordneten schon entschieden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.05.2019, 19.30 Uhr