Wie führe ich eine Gehaltsverhandlung? Was kann ich von der Steuer absetzen? Nicht alle Kurse an der Goethe-Universität Frankfurt werden von Dozenten gehalten. Manchmal sind es Vertreter des Finanzdienstleisters MLP. Dem Seminar folgen kostspielige Vertragsangebote.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kritik an Uni-Kooperation mit Finanzdienstleister

Eine Hand mit Stift unterschreibt Papiere.
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Altersvorsorge, Versicherungen, Vermögensaufbau, der Finanzdienstleister MLP aus Wiesloch berät in allen Fragen rund ums Geld. Nach eigenen Angaben hat sich MLP im Privatkundengeschäft auf Akademiker spezialisiert. So ist es kaum verwunderlich, dass an den hessischen Hochschulstandorten über 30 MLP-Berater aktiv sind. Ihr Interesse gilt den Studierenden, denen sie zum Erstkontakt kostenlose Seminare anbieten.

Vertragsangebote beim Nachfolgegespräch

Wie so etwas abläuft, schildert der 28 Jahre alte Jonas Blum (Name geändert, d. Red.). Blum nahm an einem kostenlosen Steuer-Seminar speziell für Studierende teil. Ein MLP-Berater erklärte, was alles steuerlich abgesetzt werden kann, erzählt der Darmstädter: "Was mich gestört hat, war, dass ich keine Rückfragen stellen konnte. Dafür war nach Aussagen des Beraters keine Zeit, er empfahl ein Nachfolgegespräch."

Bei einem weiteren Termin einige Tage später sei ihm unter anderem empfohlen worden, ein Konto zu eröffnen, für das er hohe Gebühren bezahlt hätte. "Ich hatte teilweise schon den Eindruck, dass man mir Sachen aufzwingen will, die nicht ganz in meinem Interesse sind." Dazu heißt es von MLP, dass man Studierenden auch kostenfreie Kontenmodelle anbiete.

Verein fodert "Runter vom Campus"

Die Bürgerbewegung Finanzwende sieht MLP schon länger kritisch und fordert in einer Mailaktion "Runter vom Campus!". Das Ziel der Kampagne: "Studierende vor den Vermittlern zu schützen". Der Protest richtet sich gezielt an die Goethe-Universität Frankfurt, die seit zwölf Jahren Seminare von MLP-Vertretern anbietet. Das Unternehmen darf seine Seminare - etwa zu den Themen Steuern oder Gehaltsverhandlung - über die uni-eigene Webseite bewerben.

"Für jeden vermittelten Vertrag bekommen die Berater eine Provision, und deswegen steht nicht der tatsächliche Bedarf der Studenten im Vordergrund, sondern die Provision des Vermittlers", betont Lena Blanken, Leiterin der Finanzwende-Kampagne. Die Beratung sei somit nicht wirklich unabhängig. "Letztlich verkaufen sie Finanzprodukte, an denen sie selbst verdienen." Das sei an sich völlig legal, aber für Studenten nicht immer leicht zu durchschauen.

Vertragsmodelle schwer zu durchschauen

Oft würden mehrere Finanzprodukte kombiniert, etwa eine Berufsunfähigkeitsversicherung zusammen mit einer Rentenversicherung. "Die Verträge scheinen anfangs lukrativ. Sie können aber teuer werden", erläutert Blanken.

"Wir haben mal einen Beispielvertrag durchgerechnet und festgestellt, wenn ein Student mit Anfang 20 so einen Vertrag abschließt, würde er im Laufe seines Lebens ganze 22.000 Euro Abschlusskosten zahlen." Und bis die Betroffenen so etwas bemerken, könne es Jahre dauern, warnt Finanzwende. Nach Aussagen von MLP kann der Kunde dagegen selbst über die Erhöhung der Beiträge und damit einhergehend der Leistungen entscheiden. Er werde dazu auch von seinem Versicherer jährlich angeschrieben.

MLP weist die Vorwürfe zurück

In einer schriftlichen Stellungnahme weist MLP die Vorwürfe als nicht substanzhaltig zurück. Man biete Studenten ein wertiges Workshop-Angebot. Das erfolge transparent und ohne Verpflichtung für die Teilnehmer. "Unsere gegebenenfalls anschließende Finanzberatung, in Folge derer wir Studierenden unter anderem die für sie passenden Versicherungsprodukte vermitteln, richtet sich nach dem Bedarf des jeweiligen Interessenten." Dabei kämen auch die Abschlusskosten des Produktes zur Sprache.

Der Verein Finanzwende fordert die Goethe-Universität dazu auf, die Kooperation umgehend zu beenden. Dafür sieht die Uni nach eigenen Angaben aber keinen Grund. Die Goethe-Universität verstehe sich als Teil der Bürgergesellschaft, und dazu gehörten auch Kooperationen mit externen Partnern, sagt Universitätssprecher Olaf Kaltenborn. Die Seminare seien stark nachgefragt und würden von den Studierenden auch sehr gut bewertet.

Universität verweist auf hohen Nutzen der Kurse

"Die Seminare unterliegen einer ständigen Qualitätskontrolle", sagt Kaltenborn. Insbesondere werde darauf geachtet, dass hier keine Finanzprodukte vertrieben würden und es für die Teilnehmer keinerlei Verpflichtungen gebe. "Die Rückmeldungen von Studierenden belegen, dass die von MLP angebotenen Seminare für diese einen hohen Nutzen haben."

Für den AStA der Uni ist dagegen klar, dass das Unternehmen die Seminare nicht aus Selbstlosigkeit anbiete, sondern zu Profitzwecken. Es gehe allein darum, an die Kontaktdaten von Studenten zu kommen und neue Kunden anzuwerben. Deswegen schlägt der AStA vor, dass in Zukunft Dozenten der Uni derartige Seminare übernehmen sollen.

Sendung: hr-iNFO, 05.11.2020, 16.23 Uhr