Regine Ebert sammelt Wildkräuter auf dem Frankfurter Hauptfriedhof

Schon mal auf einem Friedhof nach etwas Essbarem gesucht? Regine Ebert zeigt bei ihren Führungen, wo es auf dem Frankfurter Hauptfriedhof die besten Wildkräuter gibt. Kräutersammeln mit Blick auf die Grabsteine: ein Erfahrungsbericht.

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Kräutertour Hauptfriedhof Frankfurt
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Vor dem großen Eingangsportal parkt ein Leichenwagen. Zehn Meter weiter steigt ein schwarz gekleideter Mann aus seinem Auto. In der einen Hand hält er ein Blumengesteck, in der anderen ein rotes Grablicht. Zügig geht er in Richtung Eingang. Wir machen ihm Platz und fühlen uns etwas beklommen dabei.

Denn während andere hier trauern, sind wir an diesem Vormittag zum Vergnügen da. Unser Plan: Wildkräuter sammeln auf dem Frankfurter Hauptfriedhof mit Regine Ebert, einer ausgebildeten Kräuterfrau.

Das sind die Kräuter auf dem Frankfurter Hauptfriedhof

Einmal Natur zum mitnehmen, bitte!

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Ganz ehrlich: Wir sind Botanik-Nullnummern. Und der Friedhof wäre uns zum Kräutersammeln nicht als erstes in den Sinn gekommen. Von den Gräbern pflücken ist tabu, doch wo finden wir die begehrten Blüten und Blätter?

Wir, das sind Antonia und Carla, zwei Volontärinnen des Hessischen Rundfunks und überzeugte Großstädterinnen, die einem Klischee entsprechen: Einerseits leben wir gerne in Frankfurt, Berlin oder Paris und genießen den Rummel der Großstadt, andererseits haben wir ein starkes Naturbedürfnis.

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Rezept Friedhofs-Pesto

  • 50 g Friedhofskräuter: eine Mischung aus Giersch, Brennnessel, Taubnessel, Labkraut, Löwenzahn waschen und zerkleinern.
  • mit 150-200 ml Olivenöl pürieren.
  • 3 EL geröstete Sonnenblumenkerne und 4 EL geriebenen Parmesan pürieren und hinzugeben.
  • mit Salz und Zitrone abschmecken.
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Damit sind wir nicht allein, wie Regine Ebert uns erklärt: "Ich glaube, die Großstädter haben ein großes Bedürfnis nach Natur und Ursprünglichkeit. Den Leuten, die zu mir kommen, fehlt einfach irgendwas." Sie hätten den Wunsch rauszugehen und etwas ganz Archaisches zu machen - nämlich ihre Nahrung selbst suchen.

Wildkräuter: Born to be wild

Na, dann los. Auf zur Nahrungssuche. Wir haben Hunger! Unser erster Friedhofsstopp führt uns zum Orangeroten Habichtskraut, keine 30 Schritte hinter dem Eingang. Die knalligen Blütenköpfe sind farblich auf einem Salat bestimmt ein super Topping. Doch nicht nur die Blüten, auch die pelzigen Blätter sollen essbar sein. Kräuterfrau Regine Ebert gibt uns jeweils ein Blatt zum Probieren. Ähm, höflich ausgedrückt ist unser Resultat: So muss bitteres Gras schmecken. "Doch gerade die Bitterstoffe sind wichtig für die Verdauung", sagt Regine Ebert.

Ebert zeigt Blatt vom Habichtskraut

Stadtpflanzen kommen zur Ruhe

Mit unserem Weidenkörbchen unter dem Arm ziehen wir weiter, vorbei an den Gräbern berühmter Persönlichkeiten. Adorno, Schopenhauer, Alzheimer. Der Hauptfriedhof ist 70 Hektar groß – sieben Mal so groß wie der Frankfurter Zoo – und die Wege zu den Kräutern sind entsprechend weit.

friedhof

Es ist anstrengend so viel zu laufen, aber je tiefer wir in den Friedhof eindringen, desto entspannter werden wir. Die imposanten Bäume werfen große Schatten und schlucken nach und nach den Lärm der umliegenden Straßen. Der Hauptfriedhof liegt mitten in der Stadt und ist der ideale Ort, um der Natur ganz nah zu kommen. So langsam nimmt auch unser Kräuterwissen deutlich zu.

Von Löwenzahn bis Giersch

Wir halten an einer brachliegenden Wiese am südöstlichen Ende des Hauptfriedhofs. Von den Gräbern selbst, ermahnt Regine Ebert nochmal, darf man natürlich nichts pflücken – auch wenn es bei alten Gräbern gesundheitlich unbedenklich ist. Auf der brachliegenden Wiese muss man sich darum aber gar keine Gedanken machen.

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Kräuterfrau Regine Ebert

Regine Ebert hat ihre Ausbildung in Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) im Vogelsberg gemacht. Sie gibt Führungen im Rhein-Main-Gebiet. Nach einer neunjährigen Schulung bei ihr darf man sich "Kräuterfrau" nennen.

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Noch vor einer Stunde wären wir wohl einfach an der Wiese vorbei gelaufen. Jetzt entdecken wir Löwenzahn, Schafgarbe, Labkraut und Giersch - den Feind vieler Gärtner, weil er sich so unnachgiebig breitmacht. Geschmacklich aber mit Abstand unser Favorit. Die jungen Gierschblätter erinnern an Karotte und Petersilie.

Trauer, Ruhe und Heiterkeit

Wichtig ist Regine Ebert der Respekt vor dem Friedhof. Und der Respekt vor den Kräutern, damit deren Bestand bewahrt bleibt. Sie empfiehlt beim Sammeln einer Pflanze "erst zu prüfen, ob sie gesund ist und nur den Teil zu nehmen, den wir brauchen". "Das sind meistens nur die oberen Triebspitzen, die schmecken sowieso am besten", so Ebert. Für den Transport nach Hause eignet sich ein feuchtes Tuch. So bleiben die Kräuter frisch.

Ebert sammelt Kräuter

Nach unserer Tour schlendern wir fröhlich weiter über den Friedhof, den Rucksack voller Kräuter, die darauf warten, verarbeitet zu werden. Zu Pesto, zu Suppe, zu Kräuterbutter?

Während wir darüber nachdenken, läuft hinter uns eine Trauergesellschaft in Richtung Ausgang vorbei. Es wird leise geplaudert, ein Vater nimmt seine kleine Tochter an die Hand. Aber der Anblick löst keine Beklommenheit mehr bei uns aus, er hat vielmehr etwas Tröstliches. Denn eigentlich ist es schön, dass auf dem Hauptfriedhof Trauer, Ruhe und Heiterkeit zusammenkommen.