Notaufnahme in einem Krankenhaus

Fäkalsprache, Schläge und Spuckattacken: Immer öfter werden Mitarbeiter in Hessens Notaufnahmen Opfer von Gewalt. Die Krankenhausgesellschaft fordert speziell geschultes Personal zum Schutz der Mitarbeiter.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Immer mehr Angriffe auf Klinik-Personal

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Angesichts vermehrter Berichte über Gewalt in Notaufnahmen fordert die Hessische Krankenhausgesellschaft (HKG) speziell geschultes Personal zum Schutz der Mitarbeiter. "Aggressives Verhalten in den Notaufnahmen nimmt deutlich zu", sagte HKG-Geschäftsführer Steffen Gramminger. Sozialarbeiter, Mediatoren und Sicherheitspersonal müssten eingesetzt werden, um das Personal zu entlasten und zu schützen.

Dass das nötig ist, "muss erkannt und akzeptiert und somit auch finanziert werden". Die Krankenhäuser dürften mit dem Problem nicht alleine gelassen werden. "Gut ausgebildetes Deeskalationspersonal kann schon viel eindämmen, bevor es überhaupt zur Eskalation kommt. Das kann aber unser medizinischen Personal nicht leisten." Die HKG ist der Dachverband der Krankenhäuser in Hessen.

Notaufnahmen als "Spiegelbild unserer Gesellschaft"

Ein Grund für die steigende Aggression ist aus Sicht der Krankenhausgesellschaft Überlastung. Neben echten Notfällen würden in den Notaufnahmen Millionen ambulante Notfälle versorgt. Dafür gebe es weder genug Platz noch Personal noch eine ausreichende Finanzierung, kritisierte Gramminger. "Andererseits sind die Notaufnahmen aber auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft." Auf engstem Raum - und noch dazu in einer Ausnahmesituation - träfen hier die unterschiedlichsten Menschen aufeinander.

Zuletzt hatte eine Umfrage bei den Kliniken in Frankfurt gezeigt, was sich die Mitarbeiter teilweise von Patienten und Angehörigen gefallen lassen müssen. Das Gesundheitsamt hatte die Kliniken der Stadt gebeten, über "Angriffe auf medizinisches Personal in den Notaufnahmen der Frankfurter Krankenhäuser" zu berichten.

Uniklinik zählt über 500 Angriffe in einem Jahr

Die Frankfurter Uniklinik verzeichnete in dem Bericht zwischen März 2017 und Februar 2018 insgesamt 544 Angriffe. Davon waren jeweils rund 18 Prozent nur körperlich oder nur verbal, der überwiegende Teil wurde als "verbale Gewalt mit aggressivem Verhalten" beschrieben. Im Klinikum Höchst "kommt es nahezu täglich zu verbalen Übergriffen", wie es in der Antwort heißt. "Der weitaus häufigste Grund sind (gefühlt) lange Wartezeiten."

Besonders deutlich wird der Geschäftsführer des Clementine Kinderhospitals, Wolfgang Heyl: "Die Problematik der zunehmenden verbalen und körperlichen Gewalt nimmt zu und verunsichert betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr." Das Personal werde "mit Schimpfworten und Fäkalsprache" beleidigt, berichtet Heyl. Zum einen seien das alkoholisierte Patienten, zum anderen Eltern mit Kindern, die sich über zu lange Wartezeiten beschwerten, die dritte Gruppe seien "Familienclans", die mit großer Personenstärke auftauchen und sich "oft in keiner Weise an geregelte Abläufe halten."

Hohe Dunkelziffer vermutet

In den wenigsten Krankenhäusern werden Angriffe systematisch erfasst. Viele Kliniken berichten aber, dass vor allem verbale Gewalt zugenommen habe. Die Zahl der körperlichen Angriff ist zum Teil gering: ein Fall, keiner, sehr wenige, nicht bekannt lauten die häufigsten Antworten auf die Umfrage. "Wahrscheinlich gibt es hier eine hohe Dunkelziffer", heißt es in einer Rückmeldung.

Dass das Thema nicht auf Frankfurt beschränkt ist, zeigt die Umfrage einer Forschungsgruppe der Hochschule Fulda. Erste Ergebnisse wurden Anfang 2018 veröffentlicht. 51 Notaufnahmen in Hessen waren dafür angeschrieben worden, 354 Personen hatten den Online-Fragebogen ausgefüllt. Von ihnen gaben knapp 76 Prozent an, in den letzten zwölf Monaten mindestens eine Form körperlicher Gewalt erlebt zu haben. Bei verbaler Gewalt lagen die Zahlen mit 97 Prozent noch deutlich höher.

Selbstverteidigungskurse und "Panik-Knopf"

Die Frankfurter Kliniken arbeiten an Strategien, ihr Personal zu schützen. In fast allen werden Mitarbeiter in Deeskalation geschult, einige bieten Selbstverteidigungskurse an. An der Uniklinik wurde ein "Panik-Knopf" eingebaut, der direkt die Polizei alarmiert. In Höchst wurde die Erreichbarkeit des Sicherheitsdienstes verbessert. 2019 wurde ein neues Notruf-System installiert.

Von der Polizei kommt nach Erfahrung einiger Kliniken wenig Hilfe. Die Frankfurter Uniklinik schreibt in dem Bericht des Gesundheitsamts, man stelle zwar Strafanzeigen, diese würden "aber oftmals mit der Begründung, es bestünde kein öffentliches Interesse, nicht weiterverfolgt". Die Mitarbeiter scheinen inzwischen einiges gewöhnt zu sein. Das Klinikum Höchst berichtete dem Gesundheitsamt, dass "einfache körperliche Gewalt", wie etwa Schubsen oder Anspucken, von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erst gar nicht strafrechtlich verfolgt oder bei den Vorgesetzten angezeigt werde.

Sendung: hr-iNFO, 19.01.2020, 14 Uhr