Sara Najafi tastet die Brust einer Patientin ab

Je früher Frauen auf verdächtige Knötchen in ihren Brüsten stoßen, desto größer sind die Heilungschancen bei einer möglichen Krebserkrankung. Eine Frankfurterin hat sich zur medizinisch-taktilen Untersucherin ausbilden lassen - dass sie blind ist, hilft ihr dabei.

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hessenschau 19:30 05.03.2021 Thumbnail
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Sara Najafis Fingerspitzen entgeht so gut wie nichts. Stück für Stück tastet sie in der Praxis einer Bad Homburger Frauenärztin das Brustgewebe der Patientin Katharina Gagnus ab. Mal lässt sie die Finger kreisen, mal drückt sie leicht auf das Gewebe. Najafi selbst spricht von einem Drei-Takt-Kreise-Rhythmus. Gagnus' Brust hat sie vorher mit rot-weißen Klebestreifen in mehrere Zonen unterteilt. So will Sara Najafi garantieren, dass sie keinen Millimeter auslässt, sie nichts überfühlt.

Mehr als 5.600 Hessinnen erkranken jährlich an Brustkrebs

Dass die 33-Jährige von Geburt an blind ist, ist Teil des Konzepts. Ihr umso ausgeprägterer Tastsinn verhalf Sara Najafi zu ihrem heutigen Job. Sie ist Hessens erste Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU). Ausgebildet in dieser Form der Brustkrebsvorsorge wurde sie vom genau darauf spezialisierten Start-up Discovering Hands mit Sitz in Berlin (Webseite mit Praxisfinder).

Brustkrebs ist die am häufigsten diagnostizierte Krebsart bei Frauen. 2016 erkrankten mehr als 5.600 Hessinnen daran, jüngere Zahlen gibt es nicht. In ganz Deutschland erhalten jährlich etwa 70.000 Frauen die Diagnose.

"Ich habe etwas gesucht, das auf mich, auf mein Handicap zugeschnitten ist", sagt die Frankfurterin: "Dass dabei meine Fähigkeit im Vordergrund steht und das Handicap im Hintergrund, das hat mich damals fasziniert. Ich war sehr interessiert daran, das ausüben zu können."

Najafi entdeckt ein Drittel mehr Auffälligkeiten als Sehende

Als einzige MTU in Hessen ist Sara Najafi gleich in mehreren Praxen tätig. Je nach Wochentag bietet sie ihre Untersuchungen in Frankfurt, Rüsselsheim und Bad Homburg an. Im Vergleich zu den Ärztinnen und Ärzten entdecke sie bis zu 30 Prozent mehr Auffälligkeiten im Brustgewebe, sagt sie selbst: "Ich habe allgemein einen sensibleren Tastsinn gegenüber sehenden Menschen, die sich einfach nie bewusst mit dem Tastsinn beschäftigt haben."

So entsteht eine enge Zusammenarbeit mit den Gynäkologinnen und Gynäkologen. Sobald die Brustabtasterin mit ihrer Untersuchung in einer Praxis fertig ist, schickt sie die Patientin mit dem Ergebnis direkt zur ärztlichen Nachbesprechung. Nur die Ärztin oder der Arzt darf aufgrund dessen eine Diagnose stellen. Sara Najafis Test ist als Ergänzung zu Ultraschall und Mammografie gedacht, ersetzen kann die MTU die ärztlichen Untersuchungen nicht.

Herkömmliche Untersuchungen übernehmen die Kassen erst spät

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für diese maschinengestützten Untersuchungen allerdings erst bei Frauen ab 50 Jahren. Dagegen bezahlen 27 Krankenkassen, gesetzliche und private, die taktile Brustuntersuchung (TBU) auch für jüngere Frauen. Einmal im Jahr wird ein solcher Test empfohlen. Für Selbstzahlerinnen berechnet Sara Najafi 58,80 Euro für die TBU.

Die Bad Homburger Gynäkologin Fatma Nassir, in deren Praxis Katharina Gagnus sich abtasten lässt, empfiehlt taktile Untersuchungen Frauen ab Mitte 20. Je eher Brustkrebszellen gefunden werden, desto höher sind die Heilungschancen. Die Ärztin bezeichnet die TBU und das Selbstabtasten als dritte Säule der Brustkrebsvorsorge - neben Ultraschall und Mammografie.

Selbst abtasten soll sich jede Frau trotzdem regelmäßig

Katharina Gagnus, die Patientin in der Bad Homburger Praxis, sagt, normalerweise taste sie sich selbst ab. Die Untersuchung durch die professionelle Abtasterin gibt ihr ein beruhigendes Gefühl, wie die 35-Jährige sagt: "Frau Najafi hat das behutsam gemacht, und ich habe mich in keinem Moment unwohl gefühlt."

Sara Najafi empfiehlt auch Frauen, die ihre taktile Brustuntersuchung in Anspruch genommen haben, regelmäßiges Selbstabtasten. Stoße man auf etwas Auffälliges, müsse das nicht gleich Krebs bedeuten - mit ihren Untersuchungen will die Frankfurterin ihren Patientinnen auch die Angst vor einer negativen Diagnose nehmen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 05.03.2021, 16.45 Uhr