Ein fotografischer Blick auf den Schreibtisch eines Schülers. Zwischen den Arbeitsmaterialien liegt eine OP-Maske.

Die Opposition im Landtag und Bildungsgewerkschaften haben die Lockdown-Regelungen der Landesregierung für die Schulen kritisiert. Besonders das dreiwöchige Aussetzen der Präsenzpflicht bis zur sechsten Klasse sorgt für Empörung.

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zum Video Kommentar von Ute Wellstein: "Wäre besser gewesen, die Weihnachtsferien zu verlängern"

Ute Wellstein, Leiterin des Landtagsstudio in Wiesbaden
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Viele Schülerinnen und Schüler in Hessen bleiben auch nach den Weihnachtsferien vorerst zuhause, wie die Landesregierung am Mittwoch mitteilte. Was der erweiterte und verschärfte Corona-Lockdown im Detail für den Unterricht in den kommenden drei Wochen bedeutet, sorgte bei Oppositionsparteien im Landtag und Bildungsgewerkschaften für Kritik.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hatte erläutert, dass Schülerinnen und Schüler ab Jahrgang 7 von Montag an für vorerst drei Wochen nicht in die Schule kommen, sondern in den Distanzunterricht gehen - mit Ausnahme der Abschlussklassen, die in der Schule unterrichtet werden sollen.

Grundschüler sowie Fünft- und Sechstklässler sind vom Präsenzunterricht befreit und sollen - wenn möglich - zuhause bleiben. Wer doch in die Schule kommt, soll laut Kultusminister genauso unterrichtet werden wie die Schüler im Distanzunterricht. "Das bedeutet keinen Unterschied im Lernfortschritt", sagte Lorz.

Gewerkschaft: "Völlig an der Realität vorbei"

Vor allem diese Regel für die Jahrgänge 1 bis 6 sorgte am Mittwoch für Kritik. Das Versprechen, dass das Lernangebot für Kinder, die zu Hause bleiben gleichwertig ist mit dem Unterricht in der Schule, geht völlig an der Realität vorbei und weckt schon wieder Erwartungen bei den Eltern, die nicht erfüllt werden können", sagte Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen.

"Ein Live-Stream aus dem Unterricht, wie ihn der Kultusminister als eine Möglichkeit für den 'gleichwertigen' Unterricht nannte, ist an den allermeisten Grundschulen kaum denkbar", sagte Wesselmann. Nach wie vor fehle die technische Infrastruktur, viele bedürftige Schülerinnen und Schüler hätten keine Notebooks.

Kultusminister Lorz hatte am Mittwoch auf Nachfrage eines Journalisten gesagt, wenn man den Unterricht aus dem Klassenzimmer live an die Kinder zuhause streamen könne, wäre das "natürlich super". Er räumte aber ein, dass das "noch nicht an allen Orten in Hessen möglich" sei - gerade an Grundschulen.

"Wie soll Unterricht umgesetzt werden?"

Ähnlich wie die VBE argumentierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen und nannte die Aufhebung der Präsenzpflicht "konzeptionslos". Weil die Eltern über den Schulbesuch entschieden, könne es also sein, dass alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse zum Unterricht in die Schule kämen oder eben niemand. "Wie soll dann der Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler umgesetzt werden?"

Kultusminister Lorz hatte am Beispiel der Jahrgänge 3 und 4 Wochenpläne mit Aufgaben angekündigt. Das seien für die Schüler zuhause die gleichen wie für diejenigen, die in der Schule seien.

Opposition befürchtet Chaos

Die Oppositionsfraktionen im Landtag, SPD und Linke, befürchten ein Chaos in Schulen und Familien, wie sie am Mittwoch mitteilten. SPD-Fraktionschefin Nancy Faeser sagte, die Aufhebung der Präsenzpflicht für die Klassenstufen 1 bis 6 sei faktisch eine "Schulschließung durch die Hintertür".

Die Behauptung, es werde beim Lernfortschritt keinen Unterschied geben zwischen solchen Kindern, die in den nächsten drei Wochen weiterhin zur Schule gehen, und denen, die zuhause bleiben, sei haltlos, sagte Faeser. Es sei nicht selbstverständlich, dass alle Schüler Zugriff auf die technischen Mittel haben, die für einen sinnvollen Distanzunterricht nötig sind. Nach wie vor gebe es keine landeseinheitlichen Konzepte für den Distanzunterricht.

Die ‚Aufhebung der Präsenzpflicht‘ für die Klassenstufen 1 bis 6 bezeichnet, ist faktisch eine #Schulschließung durch die Hintertür. Der Appell an die ‚Eigenverantwortung‘ der Eltern bedeutet ‚Seht selbst zu, wie Ihr zurechtkommt.‘ #Führungsschwäche

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"Die dümmste aller Möglichkeiten"

Die Vorsitzende der Linksfraktion, Janine Wissler, nannte die Regelung der Landesregierung für die Schulen "die dümmste aller Möglichkeiten": Die Eltern müssten selbst entscheiden, was sie tun. "So produziert man völliges Chaos."

Die Schulen wüssten nun nicht, wie viele Schüler zur Schule kommen und wie sie unter diesen Umständen den Schulalltag und vernünftigen Unterricht meistern sollten. "Nötig wäre ein Wechselmodell, das einen Rahmen für Eltern und Schulträger schafft."

FDP beklagt "faktische Schulschließungen"

Die AfD-Fraktion kritisierte, weder seien die versprochenen Lehrer-Laptops geliefert worden noch alle Schüler mit arbeitsfähigen Endgeräten versorgt. Der bildungspolitische Sprecher der Fraktion, Heiko Scholz, befürchtet daher laut Mitteilung "einen weiteren Monat ohne Lernerfolg" für die meisten Kinder und Jugendlichen. "Wir müssen endlich unsere Schulen auf Dauer pandemiesicher machen."

"Das sind faktische Schulschließungen“, kritisierte Moritz Promny, der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion. Die Klassen von eins bis sechs würden zudem eine "bildungspolitische Mogelpackung" erhalten, so Promny weiter. "Erneut wird viel Verantwortung auf Eltern abgewälzt, die Beruf und Homeschooling unter einen Hut bringen müssen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 06.01.2020, 19.30 Uhr

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135 Kommentare

  • Man beachte den heute auf Spiegel-Online erschienen Artikel im Zusammenhang mit den Schulöffnungen. Demzufolge spielen die Schulöffnungen sehr wohl zum allgemeinen Infektionsgeschehen bei:
    https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/corona-virus-breitet-sich-die-neue-variante-unter-kindern-besonders-aus-a-b651d2f5-a364-4b1a-b31b-04551071951d

  • Immer dieses Rumgejammere. Die Politiker können es euch Kritikern aber auch nie recht machen, was? Da geben Sie nun den Eltern die Entscheidung in die Hand, ob sie ihre Kinder der Corona-Gefahr in der Schule aussetzen wollen oder sie lieber zu Hause betreuen möchten und trotzdem wird sich wieder beschwert. Die Gesundheit der Kinder und Familienangehörigen geht vor und wer diese schützen möchte hat nun auch das Recht dazu dies zu entscheiden, was vollkommen richtig ist. Niemand wird gezwungen sie zu Hause zu lassen aber auch nicht sie in die Schule zu bringen!

  • Leider nicht überraschend: Das Ganze wird wieder auf die Eltern (und Schulen) abgewälzt - entweder Doppelbelastung durch Home Office und Homeschooling oder das immer größere Risiko, ernsthaft zu erkranken.Toll! Dass aus den Schulen nichts kommt, ist ja leider hinreichend widerlegt.
    Der hessische Kultusminister schafft es, gleichzeitig das zu machen, was er offensichtlich am besten kann - nämlich nichts. Keine Konzepte, nix Digitalisierung, immer noch keine wenigsten mittelfristige Pläne für Unterricht unter Pandemiebedingungen. Außer lüften ... Es ist ja nicht so, das das nicht schon im Sommer angemahnt wurde oder der Lockdown gar überraschend kommt.
    Dazu schafft es der KM sogar, zeitgleich auch das zu machen, was er offenbar am schlechtesten kann - pädagogische Aussagen. Selten so einen Schwachsinn gehört, wie dass es keinen Unterschied zwischen Homeschooling und Schulunterricht geben wird.
    Auch eine Leistung! Woanders werden solche Minister ausgetauscht ...

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