Jan Gils von der Firma Alpha-Ärzte
"Alpha-Arzt" Jan Gils auf Hausbesuch bei einer Patientin. Bild © hr

Warten in überfüllten Notaufnahmen oder auf einen Termin beim Arzt? Wer es sich leisten kann, bestellt den Doktor nach Hause und zahlt bar. Die "Alpha-Ärzte" aus Frankfurt bieten diesen Service rund um die Uhr. Die Kassenärztliche Vereinigung sieht das kritisch.

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hs

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Jan Gils ist einer von zwölf "Alpha-Ärzten", einem privaten Ärzteteam aus Frankfurt. Eigentlich hat er schon den ganzen Tag in seiner Praxis gearbeitet, jetzt steht noch eine Spätschicht an. Es ist 20 Uhr, der erste Hausbesuch des Abends. Die Patientin Adriane Sajonz klagt über starkes Herzrasen, fürchtet sich vor einem Herzinfarkt. Gils nimmt Blut ab, macht ein EKG, checkt die Werte und kann dann beruhigen. Keine akute Gefahr. Etwa 45 Minuten nimmt sich der Arzt Zeit, dann geht es zum nächsten Termin.

"Wir helfen Ihnen jederzeit. Zu Hause, an Ihrem Arbeitsplatz oder im Hotel. Jetzt auch per Videosprechstunde", wirbt das Alpha-Team. Über eine Hotline können Patienten die Privatmediziner rund um die Uhr kontaktieren und schnell einen Termin für einen Hausbesuch ausmachen. Das kostet natürlich - gesetzlich Versicherte zahlen 180 Euro. Privatversicherte wie Gils Patientin Sajonz können sich die Kosten dagegen erstatten lassen.

Kassenärztliche Vereinigung verweist auf Bereitschaftsdienst

Mediziner Raphael Weiland, Geschäftsführer der Firma Alpha-Ärzte
Raphael Weiland, Geschäftsführer der "Alpha-Ärzte" Bild © picture-alliance/dpa

Vom Rhein-Main-Gebiet aus will die Firma "Alpha-Ärzte" bundesweit expandieren, wie Geschäftsführer Raphael Weiland sagt. Der 27-Jährige hat das Bundesgebiet im Blick. "Die Überlegung war von vornherein eine deutschlandweite Abdeckung." Im April 2017 wurde in Frankfurt der erste Patient behandelt, danach folgten Darmstadt, Offenbach, Wiesbaden und Mainz, im vergangenen Jahr dann Hamburg und der Raum Nürnberg/Erlangen/Fürth. 2019 sollen München, Köln, Düsseldorf und Berlin dazukommen, sagt Weiland.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen ist von der Geschäftsidee der "Alpha-Ärzte" nicht begeistert: Es gebe schließlich einen Ärztlichen Bereitschaftsdienst. An den können sich Patienten wenden, wenn die Praxen geschlossen sind, also nachts und am Wochenende. Er ist bundesweit unter der Nummer 116117 erreichbar - und kostenlos.

"Keine Versorgungslücke, nur eine Bequemlichkeitslücke"

Die Firma habe keine Lücke im Gesundheitssystem entdeckt, sondern ein Geschäftsmodell, sagt KV-Sprecher Karl Matthias Roth. Sie verdiene an der Bequemlichkeit der Menschen, die es sich leisten können. "Es gibt keine Versorgungslücke, es gibt nur eine Bequemlichkeitslücke - das ist ein Unterschied."

Hausbesuche und Videosprechstunden - die "Alpha-Ärzte", aber auch Wettbewerber wie das Berliner Unternehmen Medlanes, bieten einen Service, den Kassenärzte immer weniger leisten können oder wollen. So sank die Zahl der Hausbesuche in den vergangenen Jahren um mehr als fünf Millionen.

Ärzte, die Hausbesuche durchführen, also vor allem Kinder- und Hausärzte, seien in ihren Praxen inzwischen so überlastet, dass ihnen dafür kaum Zeit bliebe, sagt Frank Dastych von der KV. "Und zweitens: Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen gerade mal müde 23 Euro mehr für einen Hausbesuch."

Landesärztekammer mit Zweifeln am Geschäftsmodell

Die Landesärztekammer Hessen hat sogar Zweifel, ob das Modell der "Alpha-Ärzte" legal ist. "Nach der ärztlichen Berufsordnung müssen Ärzte, die Hausbesuche durchführen, niedergelassen sein. Die Ausübung ärztlicher Tätigkeit im Umherziehen ist berufswidrig", erklärt Sprecherin Katja Möhrle. Auch private Krankenversicherer zahlten nur bei niedergelassenen Ärzten. "Weitere Voraussetzung für die Übernahme der Kosten ist, dass es sich um eine medizinisch erforderliche Leistung handelt."

Da die "Alpha-Ärzte" privatärztlich tätig sind, benötigen sie keinen Kassensitz, argumentiert dagegen Aplpha-Geschäftsführer Weiland. Alle Mediziner seien approbiert, jede Behandlung werde für den Hausarzt dokumentiert, abgerechnet werde nach der Gebührenordnung für Ärzte.

"So ist es einfach komfortabler"

So oder so: Dienstleistungen für Privatversicherte und Selbstzahler seien im Kommen, meint Gesundheitsexperte Thilo Kaltenbach von der Unternehmensberatung Roland Berger. "Sicherlich ist der Markt für diese Art von Diensten momentan noch sehr klein, doch dahinter steckt noch Potenzial."

So sieht es auch Patientin Adriane Sajonz. "Wenn ich jetzt zum Arzt fahren müsste, müsste ich Termine ausmachen und würde wahrscheinlich sehr lange warten", meint sie. "So ist es einfach komfortabler."