Kultusminister Alexander Lorz (CDU)

Seit drei Wochen sind die Schulen in Hessen geschlossen. Seitdem heißt es: Homeschooling. Wie soll dieses Halbjahr bewertet werden? Kultusminister Lorz erklärt das weitere Vorgehen.

hr3: Geht es nach den Ferien wieder in die Schule?

Alexander Lorz: Darauf hoffe ich nach wie vor, aber man muss ehrlicherweise sagen, wir müssen uns auch auf den anderen Fall vorbereiten, dass wir die Schulen noch länger geschlossen halten müssen. Das können wir erst relativ kurzfristig entscheiden, vermutlich um Ostern herum, auf Basis der Infektionslage und was die medizinischen Experten sagen.

hr3: Im Moment schreiben hessische Schüler*innen unter diesen außergewöhnlichen Umständen ihr Abitur. Was hören Sie, wie läuft das?

Lorz: Ein großes Kompliment an die Schüler*innen und die Lehrkräfte, die das gewährleisten mit ihrem Einsatz, aber vor allem die Abiturient*innen, die diese Prüfungen mit einer unglaublichen Disziplin, einem unglaublichen Engagement absolvieren. Mir tut dieser Jahrgang echt leid, unter den Bedingungen hätte ich nicht Abi schreiben wollen, wenn man es hinterher nicht mal feiern kann, ganz zu schweigen von dieser Belastung. Das wird auch jeder wissen, der später mal auf den Abi-Jahrgang 2020 blickt, dass dieser Jahrgang unter ganz besonderen Umständen unterwegs war. Das gilt aber auch wieder deutschlandweit, völlig unabhängig von den Terminen, zu denen geschrieben wird. Das wird die, die im Mai schreiben, ganz genauso treffen. Insofern haben wir wenigstens eine Vergleichbarkeit der schlechten Bedingungen. Über 95 Prozent haben diese Prüfungen in Hessen jetzt absolivert, das finde ich unter diesen Umständen eine großartige Leistung.

hr3: Jetzt sind wir alle keine Lehrer. Was mache ich, wenn ich es zuhause nicht hinkriege mit dem Homeschooling meiner Kinder? 

Lorz: Natürlich haben wir versucht, den Schülern in den drei Wochen vor den Osterferien nicht den Eindruck zu vermitteln, sie hätten jetzt fünf Wochen Ferien. Aber wir gehen nicht mit dem Ehrgeiz ran, diese drei Wochen, die sie eigentlich in der Schule gewesen wären, Eins-zu-eins zuhause abzubilden. Das ist überhaupt nicht möglich, das können wir von den Eltern nicht erwarten und ihnen nicht zumuten. Der Sinn der Aktion ist, dass die Schüler nicht völlig aus dem Lernprozess herausfallen, dass man ein bisschen in der Übung bleibt und der Kontakt zur Schule gehalten wird. Ich will allen Eltern sagen: Machen Sie sich bitte keinen Kopf, wenn das Kind am Ende nicht alle Aufgaben perfekt gelöst hat oder den ganzen Stoff, der gekommen ist, in sich aufgenommen hat. Das holen wir in der Schule schon wieder rein.

hr3: Wie wird dieses Schuljahr bewertet?

Lorz: Wenn es so kommen würde, dass wir die Schulen länger geschlossen halten müssen, würden wir das Schicksal mit allen anderen Ländern teilen. Wir haben in der Kultusministerkonferenz bereits verabredet, dass dieses Schuljahr auf keinen Fall annuliert wird. Die Kinder fallen nicht ein Jahr zurück oder verlieren ein Jahr. Wir werden eine Möglichkeit finden, das zu bewerten, aber natürlich in der eingeschränkten Form, die möglich ist, wenn das Schuljahr so stark verkürzt werden sollte. Klar müssen wir dann unsere Bildungsstandards und Curricula anpassen für diesen Jahrgang in den entsprechenden Klassen, da brüten unsere Fachleute auch gerade drüber. Aber auch da möchte ich beruhigend wirken: Da finden wir auf jeden Fall einen Weg, ohne dass die Schüler oder die Eltern unzumutbar belastet werden. Das alles gilt immer unter der Voraussetzung, dass die Schulen länger geschlossen bleiben. Die drei Wochen vor den Osterferien machen an der Stelle keinen so entscheidenden Unterschied. Aber wenn es deutlich über Ostern hinausgeht, müssen wir natürlich abspecken, anders geht das gar nicht. 

hr3: Kann man aus dieser Situation etwas lernen für die Zukunft der Bildung?  

Lorz: Man muss in der Tat immer versuchen, aus dem Schlechten möglichst Gutes zu ziehen. Das ist etwas, was wir in der Schule auch tun werden. Wir waren natürlich beim Prozess der Digitalisierung niemals darauf ausgerichtet, den Präsenzunterricht zu ersetzen. Sie sollte immer im Präsenzunterricht eingesetzt oder ergänzend dazu eingesetzt werden. Es konnte sich ja niemand vorstellen, dass wir mal wochenlang oder vielleicht sogar monatelang unsere Schulen schließen müssen. Insofern ist natürlich im Moment viel Improvisation unterwegs und gefragt, bei den einzelnen Lehrern, aber auch in der Bildungsverwaltung und der Lehrkräfteakademie. Das sind die Leute, die gerade die Support-Seiten aufbauen, um den Lehreren entsprechend Material an die Hand zu geben. Das, was wir da an Erfahrung sammeln, werden wir hinterher gut verwerten können. Vor allem wird die Hemmschwelle, die ja doch bei einigen vorhanden ist, nach diesem Prozess gesunken sein. Das wird es deutlich einfacher machen, auf diesem Weg weiter voranzukommen.

Diese Tipps zum Homeschooling gibt ein Psychologe

Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Christian Lüdke empfiehlt, einen Tagesplan für das Homeschooling aufzustellen. Er empfiehlt, mehrere Lerneinheiten von 45 bis maximal 90 Minuten über den Tag zu verteilen und Pausen einzuhalten. "Lerneinheiten, also Anstrenungen, sollten sich immer mit Ruhe- und Ausgleichsphasen abwechseln. Wir müssen dann gar nicht schlafen, sondern können Musik machen, eine Serie gucken, mit den Freunden chatten oder an die frische Luft gehen", so der Experte.

Er plädiert dafür, sich so lange an diese Tagesstruktur zu halten, bis die Maßnahmen wieder gelockert werden – auch in den Ferien. "Die Ferien sind normalerweise immer eine schöne Unterbrechung der Schulzeit. Weil aber alles anders ist, gelten jetzt auch zuhause andere Regeln. Ich sollte also auch jetzt, wo normalerweise Ferien wären, den Kindern zumuten, weiter zu lernen, Wissenslücken zu schließen und ein bisschen wieder aufzuholen, trotzdem aber genügend Zeit zum Ausruhen zu haben."

Chancen für den regulären Schulbetrieb

Eltern sollten sich nicht als Hilfslehrer fühlen, sondern unterstützend wirken. In der aktuellen Situation sieht der Psychologe auch Chancen: individuelles Lernen und Lerngruppen von Schüler*innen für Schüler*innen könnten sich als neue Lerntechnik etablieren und auch im Regelbetrieb eingesetzt werden.

Lüdke hat dabei keine Bedenken, dass die Schüler*innen überfordert würden, sobald die Schulen wieder geöffnet sind. "Wir brauchen jetzt nicht die Befürchtung zu haben, dass es dann wie eine Druckbetankung ist und alles in die Schüler*innen reingepresst wird. Es werden weiterhin alle didaktischen und methodischen Lernkonzepte angewandt, um die Lerngeschwindigkeit der einzelnen Schüler*innen zu berücksichtigen."

 Sendung: hr3, "Die hr3 Morningshow", 01.04.2020, 05:00 Uhr