Teilnehmer der Aktion "Schreiben gegen das Vergessen" schreiben die Namen der Frankfurter Opfer des Holocausts auf die Straße

Es ist eine Aktion, die nur gelingen kann, wenn viele an ihr teilnehmen. Denn Frankfurts Bürger sind dazu aufgerufen, die Namen der 11.908 in der Shoah ermordeten Frankfurter Jüdinnen und Juden mit Kreide am Mainkai auf die Straße zu schreiben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Sichtbar machen, wie viele Menschenleben der Holocaust ausgelöscht hat"

Eine Teilnehmerin der Aktion "Schreiben gegen das Vergessen" schreibt den Namen eines Frankfurter Opfers des Holocausts auf die Straße
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Claire Berger, Judis Baum, Siegfried Benjamin - auch wenn wir die Geschichte des Holocausts kennen, die vielen Opfer des Massenmords bleiben oft namenlos. In Frankfurt hat am Sonntag die Aktion "Schreiben gegen das Vergessen" begonnen. Alle Namen der bekannten jüdischen Opfer der Shoah aus Frankfurt werden von Freiwilligen auf die Straße am Frankfurter Mainkai geschrieben. Die erstgenannten sind nur einige der insgesamt 11.908 Ermordeten, die nun in den kommenden Tagen niedergeschrieben werden.

Die Initiatorin des Projekts, Margarete Rabow, zeigte sich zufrieden mit dem Auftakt der Veranstaltung: "Es war toll. Es sind so viel mehr Anmeldungen zum Mitschreiben gekommen, als Plätze da sind", sagte sie zu hessenschau.de. Vor allem freue sie, wie viel Aufmerksamkeit die Aktion schon am ersten Tag auf sich gezogen habe: "Es sind unglaublich viele Passanten stehengeblieben, um sich die Aktion anzusehen oder nachzufragen, was wir machen." Genau dafür sei das Projekt gedacht, sagt Rabow. "Zum Nachdenken anregen, zum Erinnern, zum Sichtbarmachen."

"Ich wollte nicht länger mit der Verdrängung weiterleben"

Am Samstag zwischen 10 und 17 Uhr beteiligten sich laut Rabow 10 bis 15 Schreibende pro Stunde; darunter auch Angehörige Ermordeter. Von der insgesamt 199-seitigen Namensliste der Frankfurter ermordeten Juden haben die Schreiber sich bereits am ersten Tag der Aktion bis Seite 72 vorgearbeitet - also 4.320 Namen der insgesamt 11.908 Personen niedergeschrieben. "Wir müssen jetzt sogar ein bisschen langsamer machen, dass wir noch etwas übrig haben für die nächsten Tage", sagt die Künsterlin Rabow. Denn bis Ende der Aktion am Donnerstag haben sich auch noch ganze sechs Schulklassen angekündigt.

Rabow, eine in Frankfurt lebende Künstlerin, stammt selbst aus einer Familie, die im Holocaust leiden musste. Ein Angehöriger väterlicherseits wurde 1938 von Wetzlar erst nach Frankfurt mit anderen Juden verschleppt - und dann nach Buchenwald deportiert. "Ich wollte nicht länger mit der Verdrängung weiterleben, sondern das aktiv angehen", sagt Rabow. Die Resonanz auf ein erstes Kreideprojekt im KZ Buchenwald, wo sie die Namen der mit ihrem Verwandten Deportierten auf die Lagerstraße geschrieben hatte, habe so eine positive Resonanz gehabt, dass sie seither verschiedene weitere Aktionen initiiert hat.

Aktion dauert noch bis Donnerstag an

Täglich werden in den kommenden Tagen bis Donnerstag die weiteren Namen von 11 bis 16 Uhr mit Kreide auf die Straße geschrieben. Es habe zwar viele Voranmeldungen gegeben, aber da es immer wieder Ausfälle gebe, hätten kurzfristig entschlossene Freiwillige durchaus eine Chance, sich an der Aktion zu beteiligen, sagt Rabow. Und: Auch wer nicht vor Ort ist, hat die Chance, das Projekt zu verfolgen. Denn die Niederschrift wird auf Youtube live gestreamt. Am Sonntag findet im Haus am Dom die bereits ausgebuchte Abschlussveranstaltung statt.

Von jedem Kreide-Namen wird mit einer Kamera zudem ein Einzelbild gemacht - aus dem ein Film entstehen wird. "Die Kreide auf der Straße wird vergehen. Was bleibt ist der Film", liest man auf der Projektwebsite.

Sendung: hr-iNFO, 23.08.2020, 8.00 Uhr