Portrait des Künstlerduo "glitterclit" und ein Kunstwerk von ihnen.

Eine Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat eine Diskussion über sexuelle Bildung an Schulen ausgelöst. Um die zu fördern, hat ein Frankfurter Kunstprojekt einen ganz eigenen Weg gewählt: "Glitterclit" näht glitzernde Modelle von Vulva und Klitoris.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lina Blatt und Noa Peifer erklären ihr Kunstprojekt "Glitterclit"

Lina Blatt und Noa Peifer von "Glitterclit"
Ende des Audiobeitrags

"Mama, das ist falsch, was da drin steht." Mit diesen Worten ordnete die 9-jährige Tochter von Christina Mundlos Ende April eine Aufklärungs-Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ein, die sie in der Schule erhalten hatte.

Gemeint war der Punkt "Hymen/Jungfernhäutchen" im "Kleinen Körper ABC". Da heißt es unter anderem, es handele sich dabei um ein Häutchen, das beim ersten Sex eingedrückt werde. Dabei könne es "ein paar Tropfen Blut" geben. In verschiedenen Religionen sei es sehr wichtig und solle bis zur Hochzeitsnacht "heil bleiben".

"Das als Normalzustand zu verkaufen, ist falsch"

Diese Beschreibung des Hymen ist faktisch falsch: Es handelt sich um keine Haut, sondern eine Art Schleimhautsaum - und den haben nicht nur Jungfrauen. Mundlos, die in Kassel unter anderem Soziologie und Frauen- und Geschlechterforschung studiert hat, ist entsetzt: "Bluten nach dem Sex als Normalzustand zu verkaufen, ist falsch", sagt sie, und: "Warum wird da eine Meinung einer Religion unreflektiert übernommen?"

Das Cover von "Das kleine Körper ABC" der BZgA

Die BZgA bietet das Lexikon gemeinsam mit weiterem Infomaterial für Lehrkräfte und Eltern an. Geeignet sei es für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. Mundlos findet weitere falsche und in ihren Augen tendenziöse Erklärungen darin, unter anderem zur Beschreibung der Klitoris. Sie wendet sich an die BZgA. Die Antwort der Behörde fällt wenig überzeugend aus: Die Broschüre sei fachlich geprüft, man werde ihre Hinweise bei der nächsten Überarbeitung aber berücksichtigen.

Sie startet eine Petition, die eine Überarbeitung der Broschüre fordert. Das Ziel: 50.000 Unterschriften. Dann muss sich der Petitionsausschuss im Bundestag in einer öffentlichen Sitzung mit der Forderung befassen. "Das ist ein staatliches Organ, was falsche Informationen vermittelt. Wie soll man da von einzelnen Lehrkräften erwarten, dass sie es richtig machen?", so Mundlos.

BZgA als Teil des Problems

Auch Noa Peifer und Lina Lätitia Blatt vom Frankfurter Kunstprojekt "Glitterclit" sehen die sexuelle Bildung hierzulande als unzureichend an. Sie engagieren sich ehrenamtlich in dem Bereich, arbeiten beispielsweise mit Schülerinnen und Schülern, und stellen fest: Immer noch kursieren viele Tabus und Mythen. Die BZgA sei mit ihrer Broschüre Teil des Problems, weil sie nicht nur falsche Informationen vermittle, sondern auch Genderrollen manifestiere. "Das kann Schaden anrichten", meint Peifer.

Glitterclit

Besonders die Anatomie von Vulva, Vagina und Klitoris werde bei der Aufklärung von Schülerinnen und Schülern unzureichend vermittelt. 2019 starten sie deshalb ihr Kunstprojekt. Noa Peifer entwickelt Schnittmuster und näht Modelle von Vulva, Vagina und Klitoris aus glitzernden Stoffen. "Das ist der große Vorteil an dem Design, weil sie einfach erst einmal aussehen wie ein glitzerndes Kuscheltier, da ist die Hemmschwelle viel geringer", stellt er fest.

Ganz wichtig ist den Kunstschaffenden, dass ihre Modelle in Handarbeit produziert werden, sagt Lina Blatt: "Wenn Noa mal einen schlechten Tag hat, dann ist vielleicht auch eins mal schief. Das ist okay, weil jeder Körper unterschiedlich ist und wir genau das transportieren möchten."

"Die Menschen da abholen, wo sie sind"

Glitterclit

Peifer und Blatt verstehen "Glitterclit" als Schnittstelle zwischen Kunst, sexueller Bildung und politischem Aktivismus. "Weil Bilder, die verschiedene Körper zeigen, verändern, wie wir über Körper, die eine Vulva, eine Vagina, eine Klitoris haben, nachdenken", so Blatt. Mit ihren Modellen sind die beiden beispielsweise auf Kreativ-Weihnachtsmärkten, Stadtfesten oder Kunstausstellungen vertreten.

Außerdem arbeiten sie an einem Kinderbuch und bieten Workshops an, in denen die intime Anatomie vermittelt und deren gesellschaftliche Sichtbarkeit diskutiert wird. Blatt erklärt: "Wir wollen vielerlei Angebote schaffen, um die Menschen da abzuholen, wo sie sind und sie einladen, ihren Körper und ihre Sexualität besser kennenzulernen."

Ein Projekt für Menschen aller Gender

Bisher erreichen sie mit ihrer Arbeit hauptsächlich Menschen, die sich schon einmal mit dem Thema beschäftigt haben, erzählt Peifer. "Das sind häufig Leute aus einer feministischen Bubble." Aus dieser Blase wollen die beiden aber mehr und mehr ausbrechen - schließlich wollen sie "Menschen aller Gender und Körper ansprechen", wie Blatt beschreibt. "Unser Projekt ruft ganz laut: Hey, beschäftige dich mit diesem Teil des Körpers, denn er ist wichtig und bisher gesellschaftlich viel zu unsichtbar."

Und wenn die BZgA auf sie zukäme, um die Broschüren zu überarbeiten? Da sind sich Noa Peifer und Lina Blatt einig: "Das würden wir sofort machen!"