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Audioseite Living-Lahn: EU-Projekt zieht Bilanz

Gisselberger Spannweite bei Marburg

Der Zustand der Lahn ist schlecht. Ein millionenschweres EU-Projekt soll Hessens zweitlängsten Fluss ökologisch aufwerten und für Menschen attraktiver machen. Zur Halbzeit ziehen die Macher Bilanz. Was bringen die Maßnahmen?

Zurück zur Natur - mit dem Bagger: An der Gisselberger Spannweite im Süden Marburgs wurde vergangenes Jahr ein eineinhalb Kilometer langer Abschnitt des Lahnufers bearbeitet. Mehr als 100.000 Kubikmeter Erde wurden bewegt, Kiesbänke aufgeschüttet, Totholz herangeschafft.

Es war ein massiver Eingriff mit dem Ziel einer Renaturierung. Das Flussbett ist an dieser Stelle nun drei mal so breit und viel flacher und kurvenreicher als vorher. 1,8 Millionen Euro hat die ungewöhnliche Baumaßnahme gekostet - deutlich mehr als ursprünglich geplant.

Am umgestalteten Lahnufer sollen sich einerseits die Menschen wohler fühlen, aber auch bedrohte Tier- und Pflanzenarten, vor allem sogenannte Klimaverlierer - also Tiere, denen der Klimawandel besonders zusetzt. Dazu gehören etwa Kreuzkröte, Kiebitz und seltene Fledermausarten.

15,7 Millionen Euro für die Lahn

Die Gisselberger Spannweite ist das Vorzeigebeispiel des Millionen-Projekts "LiLa – Living Lahn", das seit 2015 läuft und nun eine Halbzeit-Bilanz gezogen hat. Dabei handelt es sich um ein bisher deutschlandweit einzigartiges Fluss-Aufwertungsprojekt, mit 15,7 Millionen Euro von EU, Bund und Ländern gefördert.

Mit 166 Kilometern Fließstrecke ist die Lahn nach der Fulda Hessens zweitlängster Fluss. Das EU-Projekt soll sie ökologisch verbessern und für Menschen attraktiver machen. Besonders ersteres ist dringend notwendig:

Die Lahn ist - wie die meisten Flüsse in Deutschland - in keinem guten Zustand. Nach Zahlen des Umweltbundesamt von 2016 traf dies nur auf sieben Prozent der deutschen Fließgewässer zu. Dem Großteil der Flüsse und auch der Lahn wurde ein unbefriedigender oder teilweise sogar schlechter ökologischer Zustand bescheinigt.

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Gewässerqualität

Ausschlaggebend für die Bewertung der Gewässerqualität sind verschiedene Faktoren, etwa die Zusammensetzung der Lebewesen im Wasser wie Algen und wirbellose Tiere am Gewässerboden oder die Zahl der Fische. Laut Umweltbundesamt gibt es zwei Hauptursachen für den schlechten Zustand der Flüsse: zum einen Belastungen aus der Landwirtschaft. Zum anderen die Verbauung, Begradigung und durch Wehre unterbrochene Durchgängigkeit. Die EU forderte einen guten Zustand für alle Flüsse mit ihrer Wasserrahmenrichtlinie schon für das Jahr 2015. Das wurde in Deutschland nicht erreicht. Das aktuelle Ziel des Bundesumweltamts lautet 2027.

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50 Maßnahmen geplant - wenige abgeschlossen

Im Rahmen des LiLa-Projekts sollen bis 2025 rund 50 Maßnahmen rund um die Lahn durchgeführt werden. Bei der Veranstaltung zur Halbzeit-Bilanz wurde klar: Abgeschlossen, so wie etwa an der Gisselberger Spannweite, sind davon bisher die wenigsten.

So wurde etwa ein neues Monitoring-System zu Sedimenten im Wasser entwickelt. Außerdem gibt es nun verschiedene neue Einrichtungen, um Bürger besser über den Fluss zu informieren oder die Lahn für Kanus leichter befahrbar zu machen. Weitere bauliche Umstrukturierungs- und Renaturierungsmaßnahmen sind geplant oder in Arbeit.

Stephan von Keitz leitet das Projekt und erklärt: Die größte Herausforderung für die Lahn sei, dass so viele Interessengruppen ganz Unterschiedliches von ihr wollen: etwa Angler, Kanufahrer, Spaziergänger, Wasserwerke und Anwohner. "Über das Ziel ist man sich im Grunde einig: Alle wollen, dass es der Lahn gut geht", so von Keitz. Aber über den Weg dahin sei das nicht immer der Fall.

Konfliktpunkt Durchlässigkeit

Besonders deutlich zeigt sich diese herausfordernde Kompromissfindung am Beispiel der Durchlässigkeit: Wie die meisten Flüsse fließe die Lahn nur an ganz wenigen Stellen wirklich frei, erklärt der Biologe von Keitz. "Meistens reicht ein Rückstau direkt an den nächsten."

Der Konflikt: Während Wasserwerke Staustufen brauchen, um ihre Turbinen zu betreiben, sind Wehre nicht nur Hindernisse für Kanufahrer, sondern werden vor allem wandernden Fischarten zum Verhängnis. Von Keitz erklärt: "Aale werden an Turbinen von Wasserwerken zerhäckselt oder so verletzt, dass sie krank werden". Eine weitere Folge von Anstauungen: Flüsse erwärmen sich leichter und die Sauerstoffkonzentration sinkt.

Lahn bei Wetzlar

Werden Fischtreppen angenommen?

Im Rahmen des LiLa-Projekts sollen deshalb stellenweise Fischtreppen gebaut werden. Jedoch stehen solche Anlagen immer wieder in der Kritik, viel Geld zu kosten aber nicht gut angenommen zu werden. Das räumt auch von Keitz ein: "Es ist tatsächlich ein Problem und eine besondere Herausforderung, Fischtreppen so zu bauen, dass sie auch funktionieren und kein rausgeschmissenes Geld sind."

Aus seiner Sicht wäre die ökologischste Lösung, die Lahn mehr fließen zu lassen und "Staustufen sehr kritisch zu begutachten". Doch das vertrage sich nicht mit der Nutzung für Wasserkraft. Deshalb sei man mit Wasserkraftwerken im Gespräch, um ein fischverträglicheres Turbinen-Management zu erarbeiten. "Aale wandern zum Beispiel nur wenige Tage im Jahr, deshalb würde es schon helfen, in genau diesem Zeitraum die Turbinen herunterzufahren."

Beteiligungsplattform soll Lahn-Konzept entwickeln

Um all die unterschiedlichen Wünsche, Bedürfnisse und Sichtweisen rund um die Lahn an einen Tisch zu bringen, wurde im Rahmen des LiLa-Projekts auch eine umfangreiche Beteiligungsplattform aufgebaut.

29 Veranstaltungen haben bisher stattgefunden. Interessengruppen und Bürger sollen sich miteinander austauschen, um sich schlussendlich auf gemeinsame Ziele und Vorgehensweisen für die Zukunft der Lahn zu verständigen. Bis dieses Konzept wirklich steht, wird es allerdings noch bis 2025 dauern. Am Ende soll dann eine sogenannte Lahn-Deklaration stehen.

Gisselberg Marburg

Und was bringt’s?

Auch das gehört zur Bilanz: Ist die Lahn durch das Projekt schon tatsächlich lebendiger geworden? Hat sich ihr Zustand, abgesehen von einer Reihe Einzelmaßnahmen, nachweislich verbessert?

So richtig klar will das der bei der Halbzeit-Bilanz per Video zugeschaltete Staatssekretär Oliver Conz vom hessischen Umweltministerium nicht beantworten. Er formuliert es lieber so: Was den Zustand der Durchgängigkeit und der Auen angehe, sei man bei der Lahn schon "sehr weit gekommen". An Rhein, Main oder Weser sei man noch nicht so weit.

Projektleiter Stephan von Keitz sagt klar: Bisher ist noch keine deutliche Verbesserung nachzuweisen. Der Weg bis zu einem guten Zustand sei noch lang. "Auch 2027 wird der in vielen Flüssen in Deutschland noch nicht erreicht sein." Sein Ziel sei dennoch, bis dahin zumindest wichtige Weichen zu stellen, damit die Lahn sich erholen kann. "Wir haben über 200 Jahre Flüsse begradigt, verbaut und aufgestaut - das zurückzubauen ist ein Generationenprojekt."

Von Keitz ist dennoch überzeugt: Maßnahmen wie etwa die Gisselberger Spannweite haben einen Leuchtturm-Charakter. "Da kann man sehen, wie ein Gewässer eigentlich aussieht. Und wenn wir nicht irgendwo anfangen, wie sollen wir denn dann weiterkommen?"

Anm. d. Red.: In einer früheren Version hieß es, dass sich Flüsse als Folge von Anstauungen leichter erwärmen und die Sauerstoffkonzentration dadurch steigt. Korrekt ist, dass die Sauerstoffkonzentration dadurch sinkt. Wir danken für die Nutzerhinweise und entschuldigen uns für den Fehler.

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