Schulbücher im islamischen Religionsunterricht

Der Moscheeverband Ditib hat laut Kultusministerium den Nachweis seiner Unabhängigkeit von der türkischen Regierung nicht erbracht. Trotzdem darf er mit dem islamischen Religionsunterricht an Hessens Schulen weitermachen – vorerst. Vieles spricht für ein Ende auf Raten.

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Bis Ende des vergangenen Jahres sollte der Moscheeverband Ditib dem Land Hessen belegen, dass er nicht von der türkischen Regierung ferngesteuert ist. Nach Prüfung der vom Ditib-Landesverband eingereichten Unterlagen ist Kultusminister Alexander Lorz (CDU) nun zum Schluss gekommen: An der Eignung des Verbandes, den islamischen Religionsunterricht an hessischen Schulen auch künftig auszurichten, bestehen weiterhin "grundlegende Zweifel".

Trotzdem scheut sich Lorz, die umstrittene Zusammenarbeit jetzt zu beenden. Das liegt aber offenbar nicht in erster Linie an den "ernsthaften Bemühungen", die Ditib in dem Prüfverfahren an den Tag gelegt habe. "Die entscheidenden Bedenken sind rechtlicher Natur", sagte der Minister am Mittwoch in Wiesbaden.

Lorz: Zentrale Fragen offen

Vor allem, um im Fall einer Klage Ditibs gegen die Beendigung der 2013 begonnen Kooperation auf der sicheren Seite zu sein, gibt das Land dem Moscheeverband demnach noch einmal Aufschub. Bis Ende April soll Ditib "offene Fragen vollumfassend beantworten". Problematisch sei weiterhin:

  • die mögliche Einflussnahme der türkischen Religionsbehörde Diaynet und des Ditib-Bundesverbandes auf den Landesverband - zum Beispiel durch die Auswahl von Vorstandsmitgliedern;
  • die Gewährleistung der theologischen Kompetenz von Mitgliedern jener Ditib-Kommission, die sich um die Ausgestaltung des Unterrichts kümmert;
  • die fehlende Verwaltungsstruktur und ein ebenso fehlendes, detailliertes Mitgliederverzeichnis. Aus ihm müsse hervorgehen, für welche Schüler Islamunterricht verpflichtendes Schulfach wäre.

Entscheidung bis Ende des Jahres

Bis Ende des Jahres will Lorz nach eigenen Angaben definitiv entschieden haben, ob es mit Ditib weitergeht. Um den Druck zu erhöhen und im Fall der Trennung nicht unvorbereitet zu sein, startet Hessen im kommenden Schuljahr einen bislang einzigartigen Schulversuch: Das Land selbst will an ausgewählten Schulen in Klasse 7 Unterricht anbieten, der muslimischen Kindern Wissen über ihre Religion vermittelt.

Die bisherigen Pläne hatten vorgesehen, auch bei diesem Angebotsausbau mit Ditib zusammenzuarbeiten. Bislang wird islamischer Religionsunterricht lediglich bis zur Klasse 6 angeboten. Beanstandungen gegen das von Ditib organisierte Angebot gab es bislang in Hessen nicht, wie der Kultusminister betonte.

Ditib will weitermachen und liefern

Ditib-Landeschef Salih Özkan kündigte am Mittwoch an, man werde weitere Unterlagen nachreichen. Der Landesverband der Moschee-Dachorganisation hatte Ende des vergangenen Jahres unter anderem eine Satzungsänderung präsentiert, um die Forderungen des Kultusministeriums zu erfüllen. Damals sagte Özkan, Ditib habe "die Hausaufgaben gemacht".

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Schüler im Islamunterricht
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Die oppositionelle SPD zeigte Verständnis für Lorz' Entscheidung, einen weiteren Aufschub zu gewähren. Es sei richtig, die Kooperation "nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen", meinte ihr bildungspolitischer Sprecher Christoph Degen. Denn als bekenntnisorientiertes Angebot könne die Akzeptanz des Islamunterrichts bei Schülern und Eltern am besten gewährleistet werden.

Andere werden ungeduldig: Schüler, Eltern und Lehrer hätten nun noch immer nicht die notwendige Klarheit, beklagten die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie der Landeselternbeirat. Die Linkspartei kritisierte, der Kultusminister ducke sich davor weg, endlich eine überzeugende Lösung anzubieten.

Erdogans verlängerter Arm?

Ditib steht im Verdacht, in den vergangenen Jahren fundamentalistischer und immer mehr zum verlängerten Arm des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan geworden zu sein. So hatte die Organisation zugegeben, dass Imame von Deutschland aus nach Ankara Informationen über die Gülen-Bewegung geliefert haben, die von Erdogan für den Putschversuch 2016 verantwortlich gemacht wird.

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Hessen schritt voran

Vor knapp sechs Jahren war Hessen das erste Bundesland, das einen bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht einführte, wie man ihn vom katholischen oder evangelischen Schulfach kennt. Für die inhaltliche Ausgestaltung und die Besetzung der Lehrerstellen hatte sich die damalige CDU/FDP-Landesregierung auf zwei Partner festgelegt: Neben Ditib ist dies die Ahmadiyya-Gemeinschaft, die aber nur eine Nebenrolle spielt und weitermachen darf wie bisher. Den Islamunterricht in Hessen besuchen derzeit rund 3.120 Schüler an 56 Grundschulen und zwölf weiterführenden Schulen. Die allermeisten von ihnen, knapp 3.000, werden nach dem Bekenntnis von Ditib sunnitisch unterrichtet.

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