Ein Schüler lernt zuhause

Die Schulen sind geschlossen, Kinder lernen jetzt zu Hause. Das stellt viele Familien vor teils unlösbare Aufgaben. Der Landeselternbeirat plädiert für die Abschaffung von Homeschooling. Ein Schulleiter sieht in der Krise eine Chance.

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Der Begriff Homeschooling ist derzeit in aller Munde. Weil die Schulen geschlossen sind, bekommen Schülerinnen und Schüler auf den unterschiedlichsten Wegen Aufgaben zugeschickt, die sie zu Hause erledigen sollen. Das geschieht teilweise per Mail, über verschiedene Messenger oder schuleigene Portale, in die sich die Kinder und Jugendlichen einloggen können. Damit soll die Schulbildung auch in Zeiten von Corona gesichert bleiben.

Was gut gemeint ist, gestaltet sich in der Realität jedoch oft kompliziert. Auf welchen Wegen auch immer die Aufgaben zu den Lernenden kommen - ohne Hilfe der Eltern sind viele von ihnen von den neuartigen Anforderungen überfordert.

Beim Landeselternbeirat steht das Telefon nicht still

Der Landeselternbeirat schlägt deswegen bereits Alarm. "Bei uns kommen sehr viele Hilferufe an. Das Telefon steht seit einer Woche nicht mehr still", sagte der Vorsitzende Korhan Ekinci am Freitag dem hr. Hilferufe von verärgerten, besorgten und schlicht überforderten Eltern.

Viele Eltern suchten verzweifelt nach einer Möglichkeit, Beruf und Kinderbetreuung in Einklang zu bringen. "In der aktuell schwierigen Situation sind Eltern nicht auch noch in der Lage, den Kindern als Lehrkräfte zur Verfügung zu stehen", sagte Ekinci - zumal die meisten Eltern dafür ja auch gar nicht ausgebildet seien. Er fordert deswegen das Ende von Homeschooling: "Ich würde mir wünschen, dass die Politik einfach sagt: Wir befreien die Kinder jetzt drei Wochen vom Unterricht. Das wäre auch kein Weltuntergang."

Für Ekinci ist der zusätzliche Zeitaufwand für alle Beteiligten aber nicht das einzige Argument gegen Homeschooling. "Es gibt viele Eltern, die sprachlich oder intellektuell gar nicht in der Lage sind, mit Schülern und Schülerinnen den Unterricht so durchzugehen, wie es eine Lehrkraft tun würde." Kinder, die zu Hause keine oder wenig Hilfe bekommen, blieben somit hinter den anderen zurück. Der Abstand werde immer größer, je länger die Krise dauere, befürchtet Ekinci: "Damit zerstören wir Existenzen."

Schulleiter warnt vor Kurzschlussreaktion

Thomas Schmidt, Schulleiter des Justus-Liebig-Gymnasiums in Darmstadt, kann Ekincis Bedenken nachvollziehen, hält seine Forderung nach Abschaffung von Homeschooling aber für überzogen. "Das wäre eine Kurzschlussreaktion und ein fatales Signal an die Schülerinnen und Schüler", sagte Schmidt im Gespräch mit dem hr. Damit würde man der Bedeutung von Schule nicht gerecht.

Dass nicht alles rund läuft, weiß auch Schmidt. Er wirbt um Verständnis: "Die Katastrophe ist quasi über das Wochenende über uns hereingebrochen." Er und seine etwa 70 Lehrkräfte hätten in extrem kurzer Zeit Lösungen für rund 800 Schülerinnen und Schüler ausarbeiten müssen.

Im Idealfall hätten das Aufgaben sein sollen, die die Kinder und Jugendlichen selbstständig erledigen können. "Viele der Lösungen sind aber spontan entstanden", berichtet Schmidt. Erschwerend komme hinzu, dass viele Schulen nicht die nötige Ausstattung hätten, um eine einheitliche, digitale Kommunikation zu ermöglichen. Normalerweise würde es zwei bis drei Jahre dauern, um einen solchen Prozess vernünftig vorzubereiten.

"Großes Lob" an die Eltern

Dass unter diesen Umständen Fehler passieren, sei unausweichlich. Schmidt kann die Sorgen der Eltern verstehen und möchte ihnen ein "großes Lob" aussprechen. Die meisten Eltern, mit denen er im Austausch stand, hätten besonnen reagiert und großes Verständnis gezeigt.

Frei nach dem Motto "In jeder Krise steckt auch eine Chance" sei es nun umso wichtiger, sich die Situation genau anzuschauen und zu bewerten: Welche positiven Effekte sehen wir? Wo sind die Schwachstellen? Was können wir daraus lernen, um es in Zukunft besser zu machen?

"Meine Kollegen und ich haben die Hoffnung, dass die Erkenntnisse aus dieser Notsituation dem Thema Digitalisierung an den Schulen einen großen Schub geben", sagte Schmidt. Eine Hoffnung, die auch der Landeselternbeirat hegt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.03.2020, 19.30 Uhr