Auf der Facebook-Seite des Landtags gepostetes Foto: Mitarbeiter stellen eine Erntekrone im Landtag auf

Seit einem Monat ist der Landtag aktiv bei Twitter und Facebook. Was macht er dort? Nicht viel richtig, findet Politikberater Martin Fuchs. Der Landtag baue keine Community auf und kommuniziere völlig falsch über seine Kanäle.

Am 12. August meldete sich der Landtag zurück auf Facebook und Twitter. "Die Präsenz in Sozialen Netzwerken wird zukünftig ein Bestandteil unserer Öffentlichkeitsarbeit sein. Wir möchten die Sozialen Netzwerke nutzen, um Informationen über das Parlament und seine Arbeit weiter zu verbreiten", ließ sich Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) in einem Post zitieren.

Seitdem vermeldet der Landtag jeden Tag etwas: dass die neue bulgarische Botschafterin da war, zum Beispiel, oder dass kommende Woche Bürgersprechstunde des Petitionsausschusses ist. Auf Twitter finden sich identische Beiträge.

Likes selbst im niedrigen zweistelligen Bereich oder Rückmeldungen von Followern ruft das selten hervor. Was macht das Social-Media-Team des Landtags falsch? Das erklärt hier der Politikberater und Social-Media-Experte Martin Fuchs (@wahl_beobachter).

hessenschau.de: Herr Fuchs, vor vier Jahren warben Sie mit der Initiative "Landtag von unten" beim hessischen Landtag dafür, in den Sozialen Medien aktiv zu werden.

Martin Fuchs: Ich hatte mich damals ein wenig geärgert. In Zeiten, in denen viele andere Landesparlamente bereits aktiv digitalen Bürgerdialog machten, sagte die Landtagsverwaltung, dass ein Facebook-Auftritt als Mittel des Bürgerdialogs für sie nicht infrage komme. Ich habe dann spontan einige Ideen für eine Mehrwertkommunikation entwickelt für Leute, die sich nicht täglich mit Politik beschäftigen: wie man möglichst niedrigschwellig erklärt, wie Demokratie funktioniert.

hessenschau.de: Der Landtag ging darauf nicht ein. Nun ist er aber seit vier Wochen aktiv auf Twitter und Facebook. Wie beurteilen Sie den Auftritt?

Martin Fuchs: Sowohl auf Twitter als auch auf Facebook wirkt er wie ein Fremdkörper - als wäre er von Leuten gemacht, die gar keine Lust haben auf Soziale Medien. Positiv kann man vermerken, dass die Kanäle jeden Tag bestückt werden. Aber womit? Das hat null Impact, stößt keine Debatte an, begeistert nicht für den Landtag. Dann kann man es eigentlich auch sein lassen. Mit seinem Social-Media-Auftritt steht der Landtag schlechter da, als er es ohne ihn täte.

hessenschau.de: Was bemängeln Sie konkret?

Martin Fuchs: Es sind kein roter Faden und keine wirkliche Strategie erkennbar, warum der Landtag diese Accounts überhaupt betreibt. Vor allem ist kein Dialog möglich: Man kann weder auf Twitter noch auf Facebook direkte Nachrichten verschicken, und wenn jemand im Kommentarfeld eine Anfrage, Kritik oder Anregung postet, gibt es darauf keine Antwort. Gepostet werden fast nur Links auf Pressemitteilungen auf der Webseite des Landtags, aber so funktioniert das nicht. Das ist Social-Media-Kommunikation auf dem Stand von 2005.

Politikberater und Social-Media-Experte Martin Fuchs

Ich habe das Gefühl, dass der Landtag gar kein Interesse an einer Community und Austausch hat - das zeigt sich auch darin, dass der Landtags-Twitteraccount niemandem folgt oder das der seit Jahren in Hessen gebräuchliche Hashtag zu Landtagsthemen #hlt nicht verwendet wird. Dafür wird ein eigener benutzt, der nach Verwaltungsvorschrift aussieht und von niemand anderem genutzt wird. Zwar hat der Landtag mittlerweile selbst um die 600 Follower, die aber fast alle seit den allerersten Tagen. Seitdem kamen kaum neue Follower hinzu.

hessenschau.de: Wie erklären Sie sich das?

Martin Fuchs: Die Kommunikation sieht für mich so aus, als hätte im Team bisher niemand groß Erfahrung mit Sozialen Medien. Zudem habe ich rausgehört, dass der Auftritt ein Wunsch des Landtagspräsidenten war, den die Verwaltung jetzt abarbeitet. Lediglich klassische Pressearbeit auf Twitter oder Facebook zu übertragen, funktioniert aber nicht. Vielleicht hat man auch Angst vor dem Medium und will keine Fehler machen - das kenne ich von anderen ähnlichen Organisationen, die ich für ihre Social-Media-Auftritte beraten hab. Genau durch diese Fehlerangstkultur macht man aber erst Fehler: Man produziert nämlich komplett an der Zielgruppe vorbei.

hessenschau.de: Gibt es denn Landtage in Deutschland, die es besser machen als der hessische?

Martin Fuchs: Best practice in diesem Bereich bietet das Abgeordnetenhaus von Berlin. Sehr gut finde ich auch die Social-Media-Aktivitäten der Landtage von Thüringen und Rheinland-Pfalz sowie des Landtags von Brandenburg, den ich in der Sache beraten habe. Sie alle haben begriffen, dass man die Netzkultur aufgreifen und Diskussionen pflegen muss.

hessenschau.de: Es fällt auch auf, dass der hessische Landtag exakt dieselben Sachen auf Twitter wie auf Facebook postet.

Martin Fuchs: Eben. Dabei müsste man Twitter als Kanal für die Meinungsmacher, für die Journalisten und Politiker, pflegen und Facebook eher für die breitere Masse. Dort sollte man eine community aufbauen und eher demokratievermittelnd vorgehen.

hessenschau.de: Falls man Sie fragen sollte: Was würden Sie dem hessischen Landtag für seinen Social-Media-Auftritt empfehlen?

Martin Fuchs: Ich würde den Facebook-Account als behind-the-scenes-Kanal gestalten, also darstellen: Wer arbeitet da? Wie sieht der Landtag von innen aus? Wofür sind die Gremien zuständig? Um das umzusetzen, würde ich jemanden aus der Zielgruppe als Testimonial holen: wenn ich junge Menschen ansprechen will, also zum Beispiel einen Praktikanten, der aus der Zielgruppe kommt.

Man könnte regelmäßig einzelne Landtagsabgeordnete bei ihrer Arbeit zeigen, digitale Bürgersprechstunden anbieten, Punkte aus der Tagesordnung einer Plenarwoche vorstellen und erklären, wie sich die Arbeit der Politiker konkret auf das Leben der Bürger auswirkt. Dafür braucht man halt dann Mitarbeiter, die das machen wollen und können. Und man braucht Offenheit, Mut zum Kontrollverlust und natürlich ein wenig Verständnis von Netzkultur.

Das Interview führte Stephan Loichinger.