Spaziergänger lieben sie, für Tiere sind sie ein wichtiger Lebensraum: Feldwege. Naturschützer kritisieren, dass sie zunehmend verschwinden und zu Ackerland werden. Kommunen halten so gut sie können dagegen. Landwirte werben um Verständnis.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Hier beginnt das Artensterben": Feldwege werden zu illegalen Äckern

Mann steht auf Ackerfläche und zeigt in die Ferne
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Heino Steinmetz zeigt, wo sich Feldwege durch die leicht hügelige Ackerlandschaft von Reiskirchen (Gießen) ziehen. Zumindest tun sie das auf dem Papier. Er zeigt auf die eingezeichneten Wege auf der Flurkarte, sie trennen mehrere Flächen voneinander. "Aber sie sehen, dass sie nichts sehen", sagt Steinmetz mit Blick auf die Wiese, die vor ihm liegt: eine einzige große grüne Weide, auf der ein paar Kühe grasen.

Steinmetz ist Sprecher des Arbeitskreises Feldwege, den der Landkreis Gießen ins Leben gerufen hat. Gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) kritisiert der Arbeitskreis: In ganz Deutschland verschwinden seit Jahren die Feldwege. Die Umweltschützer sagen: Die Wege werden illegal zu landwirtschaftlichen Flächen umfunktioniert, weil Landwirte mehrere nebeneinander liegende Felder zu einem großen machen. "Und keinen interessiert's", sagt Steinmetz.

"Wie auf einem Golfplatz"

Manche Wege existierten zwar noch, sind aber ökologisch nutzlos, erklärt Steinmetz und zeigt auf einen kahlen Grünstreifen zwischen zwei Feldern. "Es wird alles gemäht, gemulcht, sauber gehalten - als wären Sie in einem schönen Stadtpark oder auf einem Golfplatz." Aber das sei nicht die Funktion einer Feldflur, erklärt der gelernte Landwirt, der sich seit Jahrzehnten für den Umweltschutz engagiert. "Wo soll sich hier ein Tier aufhalten?"

Die immer seltener werdenden Rebhühner oder Feldhasen zum Beispiel bräuchten hohes Gras und Sträucher, sagt er. "Und alle reden vom Insektensterben - aber die haben ja gar keine Orte mehr, zu überwintern." Steinmetz ist der Meinung: In Brüssel erscheinen zwar die Berichte, dass das Artensterben ungebremst weitergeht. Aber es beginnt genau hier, auf kleinen Feldwegen wie in Reiskirchen.

Gemeinde erstattet Anzeige

Die Wege gehören in der Regel den Kommunen - und die kennen das Problem. Auf hr-Anfrage teilten etwa die Bürgermeister der Gemeinden Hungen und Buseck (Gießen) mit: Man gehe dagegen ganz gezielt vor.

Die Gemeinde Hungen hat vor fünf Jahren eine Feldwegesatzung erlassen, bis zu 1.000 Euro Bußgeld sind demnach möglich. Wenn es trotzdem immer wieder vorkomme, könne einem Pächter auch fristlos gekündigt werden, berichtet Bürgermeister Rainer Wengorsch (parteilos). Vorgekommen sei das aber in der Praxis noch nie. "Es ist auch gar nicht so leicht, das zu kontrollieren." Die Gemeinde habe aber erst vor wenigen Wochen Anzeige gegen einen Landwirt erstattet.

Hier träfen sehr unterschiedliche Interessen aufeinander: die der Landwirte und die der Naturschützer. Man versuche, die Gruppen an einen Tisch zu bringen und setze auf Aufklärung. "Manchmal ist es auch einfach Unwissenheit, wenn zu viel weggemäht wird und dadurch Strukturen zerstört werden", sagt Wengorsch.

Der Busecker Bürgermeister Dirk Haas (SPD) berichtet, dass es immer wieder Anträge von Landwirten gebe, die ganz offiziell Flächen zusammenlegen wollen. "Früher haben wir das mit Ausgleichmaßnahmen an anderer Stelle genehmigt - zum Beipiel Blühstreifen am Feldrand." Inzwischen werde auch das nicht mehr genehmigt. "Wir brauchen diese Wege, damit Tiere wie die Haselmaus von einer Ecke zur anderen kommen können."

Bauernverband: Landwirte brauchen größere Felder

Auch im hessischen Bauernverband sind die Feldwege immer wieder Thema. Nach Auskunft von Generalsekretär Peter Voss-Fels lehnt der Bauernverband dieses Verhalten klar ab. Man kläre die Landwirte darüber auf, dass sie sich an die Grenzen ihrer eigenen oder gepachteten Grundstücke zu halten und den Naturschutz zu achten haben. Voss-Fels spricht auch von Einzelfällen und "schwarzen Schafen" wie es sie überall gebe.

Voss-Fels wirbt aber auch für Verständnis für die Interessen der Landwirte: "Wir haben in Hessen eine sehr klein parzellierte Agrarlandschaft, die in der Geschichte so entstanden ist." Die Zeiten hätten sich nun geändert. Die Bauern bräuchten größere Felder, um effektiver arbeiten zu können. Die Landmaschinen seien heutzutage viel größer als früher, häufiges Wenden koste Zeit und Geld. Auch das sei wegen des höheren Kraftstoffverbrauchs schlecht für die Umwelt.

Der Bauernverband plädiert deshalb dafür, dass Landwirte mit Genehmigung mehrere Felder zusammenlegen dürfen. Es gebe inzwischen viele positive Beispiele für Ausgleichmaßnahmen im Sinne des Arten- und Naturschutzes.

Landkreis: Bei manchen stößt man auf Granit

"Es ist ein zähes Ringen um die Feldwege", sagt Christiane Schmahl, die Umweltdezernentin des Landkreises Gießen. Als Kreisverwaltung habe man leider keine direkte Handhabe, außer die Bürgermeister immer wieder auf die Problematik hinzuweisen. "Bei manchen muss man da nicht viel sagen, andere muss man immer wieder darauf hinweisen, bei manchen stößt man auf Granit."

Wichtig ist laut Schmahl, dass die Gemeinden eigene Feldwegesatzungen erlassen - und diese dann auch tatsächlich umsetzen. Das hätten einige in den letzten Jahren getan. Außerdem sagt sie: Neben den Landwirten müssten auch die Mitarbeiter der Bauhöfe der Gemeinden geschult werden, die für die Pflege der Wege zuständig sind.

"Für viele immer noch ein Kavaliersdelikt"

"Es gibt da immer noch viele Leute, die meinen, es muss alles ganz ordentlich sein: ratzekurz und abgemäht", sagt Schmahl. Das werde manchmal auch von den Bauhofmitarbeitern verlangt. Durch selteneres oder versetztes Mähen, etwa immer nur an einer Seite eines Feldweges oder Wassergrabens, könne wichtiger Lebensraum für Tiere erhalten werden, erklärt die Umweltdezernentin. "Das wissen viele aber nicht."

Wenn es zu mutwilliger Zerstörung des Lebensraums von bedrohten Arten komme, sei das zwar gesetzlich verboten, aber leider äußerst schwer nachzuweisen - wie bei allen Umweltdelikten. Schmahl beobachtet: Leider gelte das für viele immer noch als Kavaliersdelikt. "Wir hören dann ganz oft so was wie: Hab ich doch nicht gewusst, dass da ein Rebuhn brütet."

Sendung: hr4, Die hessenschau für Mittelhessen, 22.10.20, 15.30 Uhr

Ihre Kommentare Wie sind Ihre Erfahrungen mit Feldwegen in Ihrer Region?

30 Kommentare

  • Viele Feldwege sind betoniert/asphaltiert zu meinem Leidwesen. Es ist zwar schön seinen Hof gut zu erreichen, aber die Tatsache, dass der Feldweg unerlaubt zu Abkürzungen von Autofahrern genutzt wird, die mit zum Teil 80 km/h am Hof und den Tieren vorbeirauschen, finde ich nicht gut. Dann lieber den Feldweg zur Wiese gemacht und mit dem SUV zum eigenen Hof fahren. Dann würde man sich die täglich ca 50 unerlaubten Autofahrer ersparen und könnte ohne Gefahr seine Tiere zu Koppeln führen.

  • Ich bin in der Landwirtschaft aufgewachsen, der Betrieb wurde in den 90er Jahren aufgegeben. Heute bin ich Beamter und Hobbyimker. Gerne erinnere ich mich an meine alte Heimat, im nordhessischen Ederbergland sind die Felder noch kleiner, aber können die Landwirte noch existieren? Mein Onkel war Schäfer und hat mit seiner Herde manche Fläche in der Gemarkung gepflegt. Heute sehe ich einen langen Weg zwischen dem Produzenten der landwirtschaftlichen Produkte und dem Endverbraucher. Dazwischen sehe ich die Nahrungsmittelindustrie und die Macht der großen Handelsketten. Lieber Verbraucher, freust Du dich, wenn das Pfund Hackfleisch wieder billiger ist? Dann könnte es sein, dass der Landwirt, gerade durch die Preisgestaltung am "Markt" gezwungen wurde, mehr zu produzieren, um seine eigenen Brötchen bezahlen zu können. Fazit: Die Endverbraucher haben ganz viel Macht, durch gezielten Einkauf den Markt und die Umwelt zu verändern.

  • Das Phänom beobachte ich schon lang..Du bist längere Zeit eine Stecke nicht gelaufen..Da läufst du, diese wieder einmal, und wunderst dich- wo der Feldweg - der immer da war- geblieben ist
    Vor Jahren gab es noch einen Feldschütz....Der hat aufgepasst.

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