Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ärmere Länder bei Impfstoffverteilung außen vor

Ein Bushaltestellen-Plakat mit der Aufschrift "Deine Arbeit kann Leben retten - oder Profite maximieren" vor einem Firmengelände.

Mit einer Plakat- und Internetaktion fordert das Künstlerkollektiv Peng die Biontech-Mitarbeiter auf, die Herstellungsanleitung für den Corona-Impfstoff zu "leaken". Die Aktivisten kritisieren die globale Impfstoff-Verteilung und werfen der Pharmaindustrie Profitinteressen in der Krise vor.

"Deine Arbeit kann Leben retten – oder Profite maximieren", stand auf dem Plakat an einer Bushaltestelle direkt vor dem Biontech-Werk in Marburg. Es war versehen mit der Adresse einer Internetseite und der Aufforderung an die Biontech-Mitarbeiter: "Leake den Biontech Impfstoff." Nach wenigen Stunden war es schon wieder verschwunden - genauso wie ein ähnliches Plakat vor der Firmenzentrale in Mainz. Doch die medialen Wellen nach der Aktion vom Mittwoch ebben nicht ab.

Hinter der Kampagne steckt das sogenannte Peng-Kollektiv, nach eigenen Angaben ein Aktivisten-Zusammenschluss von rund 100 Personen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Mit der ungewöhnlichen Aufforderung meine es das Peng-Kollektiv "sehr ernst", beteuert Pressesprecher Robin Barnabas im Gespräch mit dem hr. Man wolle auf die ungerechte globale Verteilung des Impfstoffs aufmerksam machen.

"Profite müssen hinter Menschenleben zurückstehen"

Wie sich Impfstoffknappheit auswirkt, sehe man gerade in Deutschland, erklärt Barnabas. "Und weltweit sieht es noch viel krasser aus." So werde nach aktuellen Prognosen in einigen Staaten des globalen Südens erst 2023 ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen. "Als Gesellschaft haben wir diesen Impfstoff mitfinanziert."

Barnabas verweist damit auf die 375 Millionen Euro, die Biontech bisher vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalten hat. "Letztlich ist es so, dass der Konzern dieses mit öffentlichen Mitteln finanzierte Wissen nun privat für sich ausnutzt", sagt er. In einer Katastrophensituation historischen Ausmaßes müssten jedoch Profite hinter Gesundheit und Menschenleben zurückstehen.

Hilfsorganisationen fordern schon lange gerechtere Verteilung

Neu sind diese Argumente nicht – wenn auch schärfer formuliert als bisher. Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt oder Medico (Frankfurt) kritisieren schon seit Monaten eine mangelnde globale Solidarität. Auch sie fordern, dass der Patentschutz für Corona-Impfstoffe zumindest übergangsweise aufgehoben wird, damit ärmere Länder nicht nachrangig versorgt werden. Das Missionsärztliche Institut in Würzburg spricht von einem "Impfnationalismus mit fatalen Folgen".

Zum Vergleich: Deutschland soll bis Ende März allein von Biontech 13,6 Millionen Impfdosen erhalten. Die WHO-Impfinitiative Covax gab vor wenigen Tagen bekannt, in diesem Zeitraum 1,2 Millionen Biontech-Dosen zu erhalten. Allerdings sollen davon gleich 18 ärmere Länder versorgt werden. Darunter sind europäische Nachbarstaaten wie Georgien oder Moldawien, aber auch sehr bevölkerungsreiche Länder wie Kolumbien oder die Philippinen. Allein die Philippinen haben über 100 Millionen Einwohner.

Innerhalb der WHO rufen seit fast einem Jahr rund 40 Mitgliedsstaaten – insbesondere aus dem globalen Süden – zu mehr Wissenstransfer auf. Impfstoffe sollten demnach als "globales öffentliches Gut" behandelt werden, es brauche einen internationalen Technologie-Pool. Anders als Norwegen, Portugal und die Niederlande unterschrieb Deutschland den Appell bisher nicht.

Mitarbeiter sollen Herstellungsanleitung "leaken"

Das Peng-Kollektiv ruft nun ganz konkret die Biontech-Mitarbeiter auf, die Herstellungsanleitung zu "leaken", also allgemein öffentlich zugänglich zu machen. Dafür arbeitet die Gruppe mit ddosecrets (Distributed Denial of Secrets) zusammen, einer wikileaks-ähnlichen Plattform. Bisher habe man aber noch keine Informationen erhalten, dass sich dort jemand gemeldet hat.

Pressesprecher Barnabas ist überzeugt: Global gesehen gebe es noch viele andere Pharmaunternehmen, die ihre Kapazitäten an den unterschiedlichsten Stellen der Produktionskette zur Verfügung stellten könnten. Die Herstellung von mRNA-Impfstoffen wie im Marburger Biontech-Werk sei natürlich hochkomplex, jedoch im Vergleich zu anderen Impfstoffen einfacher durchführbar - wenn man denn das Wissen dafür habe.

Am Rand der Legalität

Mit seinen nicht unumstrittenen Aktionen bewegt sich das Peng-Kollektiv immer wieder am Rand der Legalität. 2018 hatte die Gruppe etwa mit der Aktion "Deutschland geht klauen" dazu aufgerufen, Lebensmittel aus Discountern zu stehlen und das Einkaufsgeld stattdessen an Gewerkschaften in armen Ländern zu spenden. Im selben Jahr wurde das Kollektiv mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet.

Die unerlaubte Weitergabe von Firmengeheimnissen kann durchaus juristische Konsequenzen haben, auch für diejenigen, die möglicherweise dazu anstiften. Der juristischen Problematik sei man sich bewusst, so Barnabas. Die eigentliche Schuldfrage bei diesem Thema stelle sich für das Kollektiv jedoch an anderer Stelle.

Biontech bisher nicht zu Stellungnahme bereit

Biontech und andere Pharmaunternehmen hatten schon recht früh angekündigt, für eine globale gerechte Verteilung des Impfstoffs sorgen zu wollen. Wie dies jedoch konkret aussieht, ist weiterhin weitgehend unklar. Details über die Verträge und Verhandlungen der Pharmaunternehmen kommen nun stückweise an die Öffentlichkeit.

Bisher war Biontech nicht zu einer direkten Stellungnahme zu den Forderungen der Hilfsorganisationen und den Vorwürfen des Peng-Kollektivs bereit.

Sendung: hr4, 11.02.2021, 16.30 Uhr