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Audioseite Für Legastheniker ergeben manche Worte einfach keinen Sinn

Junge vor einem Whiteboard mit vielen Buchstaben durcheinandergewürfelt

Malte Schocke aus Darmstadt hat eine Lese-Rechtschreib-Störung. Buchstaben und ihre Laute waren ihm lange Zeit ein Rätsel, in der Schule war er oft verzweifelt. Doch er schaffte es zum Abitur und auf die Uni.

Wenn sich beim Lesen und Schreiben die Buchstaben im Kopf vermischen und manche Laute einfach keinen Sinn ergeben - dann sind das häufig Anzeichen für eine Lese-Rechtschreib-Störung. Nach Angaben des Hessischen Verbands für Legasthenie und Dyskalkulie leiden zehn bis zwölf Prozent der Schülerinnen und Schüler in Hessen darunter.

Wie sich das Ringen um die Buchstaben im Kopf anfühlt, weiß Malte Schocke aus Darmstadt. Bei ihm wurde in der zweiten Klasse eine Lese-Rechtschreib-Störung festgestellt. Sein Schulalltag war jahrelang eine Tortur. Doch mit privater Lerntherapie und der Hilfe von Familie, Lehrerinnen und Lehrern hat der heute 24-Jährige einen Weg gefunden, mit seiner Legasthenie umzugehen. Hier erzählt der Student, wie stark seine Schwäche sein Leben beeinflusst hat.

Malte Schocke sitzt an Wohnzimmertisch.

hessenschau.de: In der zweiten Klasse hat man bei Ihnen Legasthenie diagnostiziert. Dass man in der Grundschule noch Rechtschreibfehler macht, ist aber eigentlich ganz normal. Woran hat man bei Ihnen gemerkt, dass es ein größeres Problem gibt?

Malte Schocke: Ich habe damals einfach nicht verstanden, wie man richtig liest oder wie man richtig schreibt. Und man hat ja den Vergleich mit anderen Schülern, die eigentlich auf dem gleichen Level wie man selbst sein sollten. Manche Leute sind schlecht im Rechnen, aber sie kriegen es trotzdem irgendwie hin. Aber bei mir hatte ich das Gefühl, dass alles blockiert. Ich war nicht schlechter als die anderen, sondern ich konnte es einfach nicht. Ich war sozusagen außerhalb der Norm. Und dann haben ich und meine Eltern gemerkt, dass es mehr als eine einfache Schwäche ist.

hessenschau.de: Wie muss man sich das vorstellen, wenn der Kopf beim Lesen oder Schreiben blockiert?

Malte Schocke: Die Schwäche schlägt sich nieder, wenn es darum geht, dass man Dinge liest oder Dinge schreibt. Sprechen funktioniert ganz normal. Aber vor allem beim Lesen - das ist wie ein Knoten im Hirn. Man sieht die Buchstaben, man liest die Buchstaben. Und man weiß, dass ein Wort aus gewissen Buchstaben besteht. Ich kann auch jeden Buchstaben einzeln aussprechen. Aber die Verbindung zwischen dem Wort, wie ich es lese, und dem, was es bedeutet, kann ich nicht herstellen. Das ist so, als würde ich das Wort nehmen und mir immer wieder gegen die Stirn klatschen. Es geht einfach nicht rein. Und das war früher bei fast allen Wörtern der Fall.

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„Die Verbindung zwischen dem Wort, wie ich es lese, und seiner Bedeutung kann ich nicht herstellen.“
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hessenschau.de: Wie war es für Sie zu wissen, dass man etwas einfach nicht so gut kann wie die Klassenkameraden?

Malte Schocke: In der Grundschule ist man noch relativ jung und versteht noch nicht so viele Dinge. Was man aber versteht, ist, dass man irgendwie anders ist. Man braucht mehr Zeit und immer länger als alle anderen. Und dann ist man schon verzweifelt, weil man strengt sich ja an. Man hat Eltern, die einem versuchen zu helfen, aber es klappt einfach nicht. Das ist, als würde man gegen eine Wand rennen. Und wenn keiner Ahnung hat, schließt man irgendwann persönlich daraus, dass man wohl dumm sein muss.

hessenschau.de: Wie sind die anderen Schülerinnen und Schüler in Ihrer Klasse damit umgegangen?

Malte Schocke: Die anderen haben das natürlich auch gemerkt, dass ich nicht so war wie der Rest. Ich wurde negativer gesehen, weil ich viele Dinge nicht konnte. Und auf dem Schulhof ist man nicht so zimperlich. Da wurde ich teilweise auch ausgegrenzt. Vor dem Fach Deutsch hatte ich beispielsweise richtige Angst. Weil die Gefahr bestand, dass ich drangenommen werde und etwas vorlesen muss.

Dieses Gefühl, vor der ganzen Klasse lesen zu müssen und zu wissen, es wird sich schrecklich anhören - da setzte die Verzweiflung ein. Es war klar, wenn ich anfange zu lesen, hat die ganze Klasse etwas zu lachen. Das war kein tolles Gefühl, wenn man weiß, dass man von der Klasse keine große Unterstützung erfährt.

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„Vor dem Deutschunterricht hatte ich richtige Angst.“
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hessenschau.de: Wann hat sich dieser Zustand gebessert?

Malte Schocke: In der weiterführenden Schule wurde es besser. Dort waren neue Leute, die mich nicht kannten, und dort war ich nicht nur als der Typ gebrandmarkt, der Legasthenie hat. Die Lehrer waren dort auch sehr hilfreich und haben mich unterstützt. Außerdem hatte ich da schon zwei Jahre Therapie hinter mir und war nicht mehr der Schwächste, der nichts kann. Ich habe natürlich trotzdem noch schlecht gelesen und geschrieben, aber ich habe es zumindest ansatzweise verstanden. Und das hat sehr geholfen.

hessenschau.de: Wie hat sich Ihre Lese-Rechtschreib-Störung bis heute entwickelt?

Malte Schocke: Es hat sich so weit entwickelt, dass es nicht mehr wirklich bemerkbar ist - durch Hilfe natürlich. Die Fehler, die ich gemacht habe, konnte ich gut durch eine gezielte Lerntherapie abtrainieren. Typische Fehler, die man als Legastheniker macht, sind zum Beispiel, Buchstaben zu vertauschen oder Wörter so zu schreiben, wie man sie hört. Diese Dinge habe ich immer wieder trainiert. Das kann sehr eintönig sein, aber es hat wirklich geholfen, und heute kann ich sagen, dass es sehr gut funktioniert hat.

Es gibt mittlerweile außerdem assistierende Programme, womit ich am Computer sehr viel schreibe. So kann ich inzwischen Texte von 40.000 Zeichen oder mehr schreiben. Davon hätte ich früher nur träumen können.

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„Es ist wichtig, die Schwäche zu akzeptieren und Hilfe in Anspruch zu nehmen.“
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hessenschau.de: Was würden Sie rückblickend anderen jungen Menschen in Ihrer Situation mit auf den Weg geben?

Malte Schocke: Legasthenie geht nie ganz weg. Ich habe aber gelernt, damit zu leben und Hilfe anzunehmen. Das ist sehr wichtig. Ich weiß, dass ich Fehler mache. Ich weiß aber auch, dass es immer Leute gibt, die ich um Hilfe bitten kann. Das ist sehr wichtig und hat mir besonders bei meinem Abitur und jetzt auch im Studium geholfen. Ich würde anderen deshalb raten, das Thema offen anzugehen und Hilfe einzufordern. Man wird sie sein Leben lang benötigen - hoffentlich immer weniger, aber als Legastheniker wird man immer ein anderes Verhältnis zu Sprachen haben. Das muss aber auch nicht nur schlecht sein.

Das Interview führte Sophia Luft.

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