Camille Dürk hatte mit 16 Jahren eine Thrombose

Camille Dürk bekam vor zwei Jahren durch die Anti-Baby-Pille eine schwere Beinvenen-Thrombose. Die 18-Jährige wäre fast daran gestorben. Die Erkrankung hat ihr Leben verändert.

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Über Thrombose wird hierzulande gerade viel gesprochen. Vor allem, weil im zeitlichen Zusammenhang mit dem Corona-Impfstoff Astrazeneca Thrombosen in den Hinrvenen auftraten. Diese Nachrichten haben auch die 18-jährige Camille Dürk beunruhigt.

Die junge Frau aus dem Landkreis Offenbach hatte Ende 2018 eine Thrombose, die von der Wade bis zum Bauch reichte. Seitdem ist die betroffene Vene vernarbt und eine Venenklappe kaputt. Auslöser war eine Anti-Baby-Pille. Damals war Camille 16 Jahre alt. Ihr Leben hat sich verändert. Sie muss Kompressionsstrümpfe tragen und täglich blutverdünnende Medikamente einnehmen.

Alles habe mit Pfeifferschem Drüsenfieber angefangen. Damals verwechselte sie ihre Schmerzen in Beinen und Bauch mit Gliederschmerzen. "Als ich dann vor dem Spiegel stand, fiel mir auf, dass mein rechtes Bein dicker und röter ist als das andere und wusste, dass etwas nicht normal ist", erinnert sich Dürk.

Eine lebensbedrohliche Lungenembolie drohte

Einen Tag später stellten Ärzte in einer Offenbacher Klinik eine Thrombose bei ihr fest, die von der Wade bis zum Bauch reichte und in der Fachsprache "Vier-Etagen-Thrombose" genannt wird. Die Thrombose sei kurz vor den Nieren gewesen, schildert Dürk: "Das hätte böse ausgehen können." Auch eine lebensbedrohliche Lungenembolie wäre möglich gewesen.

Sie musste eine Woche im Krankenhaus bleiben. Dort bekam sie Blutverdünner und einen Druckverband und fand erst nach Wochen wieder zu Kräften. Mit einer Thrombose hätte sie niemals gerechnet, erzählt Dürk. "Ich habe die Pille genommen, um verantwortungsvoll zu handeln, und fast alle meine Freundinnen haben dasselbe Verhütungsmittel genommen."

Frauenärztin ging "kurz" auf Nebenwirkung ein

Ihre damalige Frauenärztin sei vor dem Verschreiben der Pille zwar kurz auf mögliche Nebenwirkungen eingegangen. Sie habe damals aber nicht verstanden, welche Auswirkungen das auf ihr Leben haben könnte. Inzwischen weiß die 18-Jährige, dass sie eine Anti-Baby-Pille zu sich nahm, die ein höheres Thrombose-Risiko hat als andere.

"Das Risiko, eine venöse Thrombose zu erleiden, ist bei jungen Frauen ohne Pillen-Einnahme gering und liegt bei einer Wahrscheinlichkeit von eins bis fünf pro 10.000 pro Jahr", sagt Edelgard Lindhoff-Last. Die Frankfurter Ärztin forscht zu Blutgerinnseln und behandelt täglich "zwei bis drei Frauen unter 40 Jahren, die unter Einnahme der Pille eine Thrombose entwickelt haben".

Mit der Einnahme der Pille steige das jeweilige Thrombose-Risiko, erklärt die Ärztin, ebenso mit zunehmendem Alter, Übergewicht oder Risikofaktoren wie Rauchen. Auch die Anzahl der Hormone im Pillen-Präparat spiele eine Rolle.

Thrombose in Familie ein wichtiges Warnsignal

Je mehr Hormone eine Pille enthält, desto höher sei die Gefahr, betont Lindhoff-Last. "Kombinationspillen, die Östrogene und Gestagene enthalten, also zwei weiblichen Geschlechtshormone, haben ein höheres venöses Thrombose-Risiko als Pillenpräparate wie die Mini-Pille, die nur ein Geschlechtshormon enthalten."

Auch die Östrogen-Konzentration beeinflusst das Thrombose-Risiko. Und bei dem Hormon Gestagen hänge es davon ab, welches Gestagen eingesetzt wird, sagt Lindhoff-Last.

Um das Thrombose-Risiko unter Einnahme von Anti-Baby-Pillen möglichst gering zu halten, ist es laut Lindhoff-Last unbedingt notwendig, sich das "individuelle Risikoprofil der Frauen anzuschauen". Wenn es bereits Thrombose in der Familie in jungen Jahren gegeben habe, sei das ein wichtiges Warnsignal, denn immerhin habe ein Fünftel der Bevölkerung eine angeborene Thrombose-Neigung, ohne es zu wissen. So könnte jungen Frauen, die eine solche Familiengeschichte aufweisen, eine Pille mit dem niedrigsten Thrombose-Risiko verschrieben werden.

"Neue Pillen-Präparate bringen ein erhöhtes Risiko mit sich"

Anti-Baby-Pillen mit mehreren Geschlechtshormononen und einem höheren Thrombose-Risiko werden laut Lindhoff-Last häufig gegen Regelschmerzen, bei starken Menstruationsblutungen oder wegen Akne verschrieben. Allein unter dem Aspekt des Thrombose-Risikos, sagt Lindhoff-Last, "bin ich der Meinung, dass einige neue Pillenpräparate im Vergleich zu den älteren Pillen-Präparaten ein erhöhtes Thromboserisiko mit sich bringen und nicht mehr eingesetzt werden sollten".

Auch die Thrombose von Camille Dürk hätte möglicherweise verhindert werden können. Nach ihrer Diagnose stellen die Ärzte heraus, dass sie einen Gendefekt geerbt hat, der ein höheres Risiko für Blutgerinnsel mit sich bringt. Hätte sie das vorher gewusst, wäre ihr womöglich keine Anti-Baby-Pille mit einem höheren Thrombose-Risiko verschrieben worden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.04.2021, 19.30 Uhr