Berichten von ihrem Alltag in der vierten Corona-Welle: Mansi Tyagi, Jonas Tresbach, Nele Peremans, Gertraude Schön

Strengere Corona-Maßnahmen, volle Intensivstationen und keine Aussicht auf Licht am Ende des Pandemie-Tunnels. Wie geht es Menschen in der vierten Welle?

Hessen und Deutschland stecken tief in der vierten Corona-Welle, von der sich viele wahrscheinlich gedacht haben, sie würde sich niemals und erst recht nicht so hoch auftürmen. Wie geht es den Menschen damit? Hier berichten vier aus ihrem Alltag mit der Pandemie.

"Nur noch mit einem unguten Gefühl ins Stadion"

Jonas Tresbach, 29 Jahre alt, arbeitet als Social-Media-Redakteur im Öffentlichen Dienst, lebt mit seiner Freundin in Hofheim

"Die Situation, in der wir jetzt sind, ist einfach saublöd. Ich diskutiere häufig mit Freundinnen und Freunden oder der Familie darüber: Wie soll ich in meiner Freizeit damit umgehen? Gehe ich unter die Leute? Oder bleibe ich besser zu Hause?

Jonas Tresbach sitzt an Mainufer in Frankfurt auf einem Campingstuhl.

Letztens gab es die Situation, dass von meinem Darts-Verein eine Vereinsmeisterschaft als 2G-Veranstaltung geplant und durchgeführt wurde. Dort waren insgesamt 22 Leute anwesend - und letztlich haben sich ein paar davon mit Corona infiziert. Mich hat es glücklicherweise nicht getroffen. Aber wenn man eine solche Situation erlebt und zusätzlich merkt, wie die Einschläge näher kommen, fragt man sich schon, wie man damit umgehen soll. Zu einem abschließenden Ergebnis bin ich bisher noch nicht gekommen.

Wenn ich mich mit anderen Leuten treffe, schwingt immer dieses Verantwortungsbewusstsein mit. Ich will auf keinen Fall derjenige sein, der am Ende dafür verantwortlich ist, dass Menschen sich mit Corona angesteckt haben. Ich will nicht der sein, der unvorsichtig war.

Zitat
„Ich nehme die ganze Pandemie als einen schlimmen Teufelskreis wahr.“ Jonas Tresbach Jonas Tresbach
Zitat Ende

Ich sage auch ganz ehrlich, dass es für mich derzeit eher nach einer hoffnungslosen Situation aussieht - ähnlich, wie es am Anfang der Pandemie war. Man hält sich persönlich an die Regeln und nimmt diese ernst. Aber irgendwie hat man nicht das Gefühl, dass es zum Licht am Ende des Tunnels der Pandemie führt. Ein großes Thema spielt für mich dabei das Impfen. Denn ich habe das Gefühl, dass wir aus dem Tunnel nicht rauskommen, wenn wir diesen einen Teil der Bevölkerung nicht davon überzeugen können, sich zu impfen. Und das ist für mich persönlich sehr frustrierend.

Normalerweise gehe ich am Wochenende gerne zu einem Eintracht-Spiel. Aber auch im Stadion nehme ich natürlich eine deutliche Veränderung wahr. Das liegt nicht nur an den Corona-Maßnahmen, sondern auch an der Begeisterung, die ich dafür aufbringen kann. Vor Corona hatte ich richtig Bock, ins Stadion zu gehen. Aber die Pandemie hat leider schon dazu beigetragen, dass diese Begeisterung dafür nicht mehr so groß ist - das finde ich total schade. Ich bin natürlich nach wie vor Eintracht-Fan. Aber irgendwie ist bei mir mittlerweile schon so eine Art Gleichgültigkeit diesbezüglich eingetreten, weil die Pandemie schon so lange andauert und es sich so anfühlt, als würde es nicht vorangehen.

Ich hoffe einfach, dass wir das Thema in den Griff kriegen - im neuen Jahr wird auch das Wetter wieder besser, so dass man wieder mehr Möglichkeiten hat, sich draußen zu treffen. Aber ich nehme die ganze Pandemie schon als einen schlimmen Teufelskreis wahr."

"Die Vorstellung eines weiteren Lockdowns ist heftig"

Nele Peremans, 37 Jahre alt, arbeitet als Controllerin bei einer Fluggesellschaft, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern in Friedrichsdorf (Hochtaunus)

"Ich mache mir große Sorgen, wie sich die vierte Welle entwickeln wird. Die Infektionszahlen sind wahnsinnig hoch, und vom Gefühl her ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass Corona auch bei uns in der Kita auftritt. Das besorgt mich natürlich.

Ich mache mir außerdem Sorgen darüber, wie die Regierung auf die jetzige Situation in Zukunft vielleicht noch reagieren wird. Falls wir doch noch in einen Lockdown gehen, müssten mein Mann und ich den Beruf und die Kinderbetreuung wieder miteinander vereinbaren. Das war im letzten Jahr schon eine Belastungsprobe.

Nele Peremans schaut lächelnd in die Kamera.

Trotzdem habe ich großes Glück im Unglück gehabt, denn ich war lange Zeit in Kurzarbeit und konnte meine Kinder zu Hause betreuen. Bevor ich in Kurzarbeit gegangen bin, haben mein Mann und ich uns die Arbeit aufteilen müssen. Ich habe morgens um fünf Uhr angefangen und dann haben wir uns im Schichtdienst mit der Arbeit und der Kinderbetreuung abgewechselt - bis abends um 22 Uhr. Das war so anstrengend, dass man es kaum in Worte fassen kann: Auf engem Wohnraum mit der ganzen Familie permanent zusammen zu sein - immer unter dem Druck, Familie und Arbeit gerecht zu werden. Die Vorstellung, dass das diesen Winter noch einmal so kommen könnte, ist heftig.

Zitat
„Gefühlt ist es nur eine Frage der Zeit, bis Corona auch bei uns in der Kita auftritt.“ Nele Peremans Nele Peremans
Zitat Ende

Natürlich trägt die Pandemie auch dazu bei, dass ich mir persönliche Wünsche derzeit überhaupt nicht mehr erfüllen kann - aber so geht es wahrscheinlich vielen Menschen. Ich reise total gerne. Wir wollten im März 2020 eigentlich nach Kapstadt fliegen - mussten das aber natürlich absagen. Das ist nichts, was man nicht auch aushalten könnte. Aber die Vorstellung und die Frage danach, wann denn endlich wieder die Normalität eintritt, bleibt im luftleeren Raum.

Ich muss sagen, dass ich aktuell an dem Punkt bin, dass ich mit Sorge auf den Winter schaue und wenig Positives aus der Situation ziehen kann. Jetzt gerade - Stand November und mit Blick auf die nächsten Monate - fehlt mir so ein bisschen die positive Einstellung. Die Hoffnung, dass die Leute sich impfen lassen und man so die Pandemie in den Griff bekommt, ist das, was mich wenigstens noch ein bisschen antreibt."

"Die Pandemie verschließt meinen Enkeln viele Möglichkeiten"

Gertraude Schön, 82 Jahre alt, Rentnerin, lebt in einem Seniorenzentrum für Betreutes Wohnen in Gelnhausen

"Wenn ich daran denke, dass die Lage im Sommer eigentlich wieder ganz gut aussah, die Corona-Zahlen jetzt aber wieder steil bergauf gehen, bekomme ich eine Gänsehaut. In den letzten zwei Wochen hat sich bei mir das Gefühl der Angst eingeschlichen. Weniger für mich selbst als für meine drei Enkelkinder. Denn ich habe gesehen, was die Pandemie mit ihnen und ihrem Leben macht. Wenn ich es mit meiner Jugend oder der meiner eigenen Kinder vergleiche, verschließt die Pandemie bei meinem Enkelkindern viele Möglichkeiten und schränkt somit deren Entwicklung ein. Das ist nicht schön mitanzusehen.

Gertrude Schön schaut lächelnd in die Kamera.

Ich habe in letzter Zeit auch wieder viel an die Kriegszeit denken müssen, in der ich geboren wurde. Die Ängste aus dieser Zeit leben jetzt wieder in mir auf. Es ist ein anderer Anlass, und die Szenerie ist auch anders. Man kann es nicht so konkret greifen wie den Fliegeralarm damals. Aber das Unheimliche, das ich als Kind empfand, das ist jetzt wieder da.

Mich beschäftigt auch der Gedanke, dass sich das Bewusstsein der Menschen verändert - und zwar zum Negativen hin. Da stellt sich bei mir manchmal das Gefühl von Panik ein. Auf einmal war alles anders. Auch die Grundstimmung in der Gesellschaft. Man sieht überall diese Masken - als wären wir ein Volk ohne Lächeln.

Zitat
„Es gibt keinen Fliegeralarm wie damals im Krieg. Aber das Unheimliche, das ich als Kind empfand, ist wieder da.“ Gertraude Schön Gertraude Schön
Zitat Ende

Ich vermisse auch die unbefangenen Besuche von Freunden oder der Familie sehr. Jetzt müssen wir immer alles genau planen und uns vergewissern, dass alles sicher ist. Ich traue mich nicht mal mehr so richtig, ins Kino zu gehen. Dabei gehen meine Freundinnen und ich eigentlich gerne ins Kino. Auch was Weihnachten betrifft - da entsteht bei mir ein Verlustgefühl. Das war immer eine besondere Zeit, in der man viel Freude und Trost bei den Vorbereitungen oder im Gottesdienst gewinnen konnte. Jetzt ist das alles sehr eingeschränkt, und es schwingt immer mit, dass es besondere Umstände sind und dass man wahrscheinlich wieder verzichten muss.

Bis jetzt habe ich den Eindruck, dass die Menschheit und speziell unsere Politik nicht viel aus dem gelernt haben, was mal war. Trotzdem möchte ich noch hoffen, dass aus der bisherigen Entwicklung etwas Positives entstehen kann und zumindest die nächste Corona-Welle schwächer ausfällt. Diese Hoffnung bleibt."

"Seit Beginn der Pandemie schreibe ich viele Gedichte"

Mansi Tyagi, 28 Jahre alt, zog 2017 von Indien nach Deutschland und arbeitet in Frankfurt als Management Consultant

"Ich wohne nun seit vier Jahren in Frankfurt und habe mir hier inzwischen einen großen Freundeskreis aufgebaut. Einsam habe ich mich hier bisher noch nie gefühlt. Aber seit der Pandemie ist es einfach schwieriger geworden, sich unbeschwert mit Freunden zu treffen, denn nicht alle fühlen sich bei einem Treffen sicher. Manchmal fühlt es sich deshalb schon so an, als ob ich gerade ganz neu nach Frankfurt gezogen wäre.

Mansi Tyagi schaut lächelnd in die Kamera.

Ich mache mir aber auch generell Sorgen darüber, wie sich das Leben verändert. Manchmal frage ich meine Kollegen, ob sie nicht wieder ins Büro kommen wollen. Das will aber keiner mehr. Alle wollen zu Hause bleiben und viele haben Bedenken, zurück ins Büro zu kommen, sich zu treffen oder zusammen ins Restaurant zu gehen. Da frage ich mich, ob das so gut für eine Gesellschaft ist? Wenn das so weiter geht, werden die Leute wahrscheinlich immer einsamer, und das macht mir schon Sorgen.

Meine Familie in Indien kann ich seit Corona kaum noch besuchen. Das tut natürlich weh, denn meine Mutter ist schon alt und wohnt dort alleine. Der Gedanke daran, dass sie in Indien gerade ganz alleine mit der Situation zurechtkommen muss, ist nicht schön. Wir telefonieren zwar regelmäßig, aber es ist nicht das gleiche. Ich hoffe jetzt, dass ich sie an Weihnachten ohne Probleme besuchen kann und dass auch mein Freund mitreisen darf. Das steht aber noch nicht ganz fest, weil die Einreisebestimmungen seit Corona viel strenger geworden sind.

Zitat
„Meine Hoffnung ist, dass wir positive Dinge für die Zukunft mitnehmen: Dass man zum Beispiel nicht zu jedem Meeting mehr fliegt.“ Mansi Tyagi Mansi Tyagi
Zitat Ende

Um aber auch mal etwas Positives zu erzählen: Ich habe seit Beginn der Pandemie angefangen zu schreiben und somit ein neues Hobby entdeckt. Ich schreibe viele Gedichte. Darin kann ich mich gerade richtig verwirklichen, und es macht mir viel Spaß. Zusammenfassend kann ich, denke ich, sagen, dass ich versuche, immer das Beste aus der Situation zu machen.

Meine Hoffnung wäre, dass wir die positiven Dinge aus der Pandemie mitnehmen - zum Beispiel beim Thema Umwelt. Man muss nicht immer um die Welt reisen, nur um an einem Meeting teilzunehmen. Man kann auch eine Videokonferenz machen und sich somit den Flug sparen. Diese Ideen nehme ich aus der Pandemie mit, und das gibt mir Antrieb."

Protokolle: Sophia Luft und Rick Gajek

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen