Natscha Dörsam (links) und Jill Breutmann vom Verein Share & Save, der Lebensmittel von Läden abholt und an Bedürftige verteilt, in der Bäckerei Lipp in Wald-Michelbach

Kistenweise Obst, Gemüse und Backwaren: Der Verein Share & Save holt ab, was Supermärkte und Bäckereien im Odenwald wegwerfen würden, und gibt es Bedürftigen. Der Zuspruch ist enorm - von beiden Seiten.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Share & Save im Odenwald rettet Lebensmittel vor der Tonne

Lebensmittel in Kisten, die der Verein Share & Save im Odenwald von Läden abholt und an Bedürftige verteilt
Ende des Audiobeitrags

Jill Breutmann beugt sich über einige Kisten voller Brötchen, Brote und Baguettes. Die 37-Jährige aus Birkenau (Bergstraße) mit den langen schwarzen Haaren trägt ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift "Share & Save" ("Rette und teile"). Seit sie Anfang September den gleichnamigen Verein gegründet hat, hat sie nach eigener Aussage keine freie Minute mehr. Dem Verein geht es darum, Lebensmittel zu retten, die eigentlich weggeworfen werden sollten.

Und daran gibt es großes Interesse. Binnen fünf Wochen haben sich Breutmann 50 Ehrenamtliche angeschlossen, und es werden täglich mehr. Sie alle fahren abends Einzelhandelsläden, einen Supermarkt und sogar Großmärkte an. Dort holen sie ab, was am Tag nicht verkauft wurde. Anschließend verteilen sie die Lebensmittel an andere.

"Das ist doch alles noch gut"

Ursprünglich sollte Share & Save ein Zeichen gegen die Überproduktion von Lebensmitteln setzen, wie Jill Breutmann berichtet. Doch zu ihr und den übrigen Ehrenamtlichen kommen inzwischen immer mehr Menschen, die wenig Geld haben und für die die nächste Tafel zu weit entfernt ist. Die Initiatorin sagt: "Wir möchten Menschen unterstützen, die es wirklich nötig haben und die sonst keine Chance haben, an leckere Sachen zu kommen."

In den Kisten der Ehrenamtlichen landen Backwaren, die abends übrig bleiben, aussortiertes Obst und Gemüse mit kleineren Macken, aufgeplatzte Müslipackungen oder Joghurts kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Ware, die in den meisten Läden noch immer aussortiert wird. "Das ist doch alles noch gut", findet Natascha Dörsam und schüttelt den Kopf. Dörsam unterstützt den Verein vom ersten Tag an.

"Das macht uns auch nicht ärmer"

Nach so kurzer Zeit kooperieren bereits 28 Betriebe mit Share & Save. Einer davon gehört Bäcker Karl-Heinz Lipp aus Wald-Michelbach (Bergstraße). Bis zu zehn Prozent Backwaren bleiben bei ihm abends übrig, wie er sagt. Die Sachen am nächsten Tag zum halben preis anzubieten, hält Lipp nicht für praktikabel. Einen Teil der Überbleibsel gibt er daher an die Tafel in Rimbach. Aber die könne längst nicht alles nehmen, sagt der Bäcker.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Essen retten – wie geht das?

Philipp Engel und Margarethe Hinterlang vom Dottenfelder Hof vor einem Gemüseberg
Ende des Videobeitrags

Daher kam ihm die Initiative von Jill Breutmann gerade recht. Dass er Kunden verliert, weil er Ware umsonst abgebe, glaubt Lipp nicht. Schließlich kämen die Backwaren vor allem Menschen zugute, die bei ihm vermutlich ohnehin nicht einkaufen würden. Der Bäcker bleibt gelassen: "Selbst wenn wir was verlieren, macht uns das auch nicht ärmer."

"Zur Lebensaufgabe geworden"

Für Jill Breutmann ist der Verein Share & Save in so kurzer Zeit "zur Lebensaufgabe geworden", wie sie selbst sagt. Die Arbeit dafür beschäftigt sie rund um die Uhr. Dabei hat sie ja einen normalen Job in der Marketingbranche. Und eine Familie, mit Kindern und Hund. Das müsse derzeit alles zurückstehen, sagt sie.

Bei Breutmann laufen alle Fäden zusammen: Sie betreut die Facebookseite des Vereins, vernetzt Abholer mit Unternehmen und beantwortet Anfragen von Interessenten, die sich gerne an ihrem Heimatort in einen Verteiler eintragen lassen wollen - auch anonym, falls sich jemand schämt, dass sie oder er Essensspenden abholt. In einer Whatsapp-Gruppe erhalten alle Mitglieder Informationen, wann was abgeholt werden kann. Und jeder, der etwas abgeholt hat, macht ein Foto vom Restbestand und schickt es in die Gruppe, damit man weiß, was noch da ist.

"Der Knaller, was sie da abliefert"

So fährt Jill Breutmann an einem Oktoberabend mit ihrem Auto voller Backwaren nach Hause, als auch schon die erste Interessentin kommt. Sie hat in der Whatsapp-Gruppe gelesen, dass es an dem Tag Brötchen gibt. Schnell greift sie in die Kiste und sagt lächelnd: "Ich bin Frührentnerin, ich brauche das Geld. Und das ist der Knaller, was sie da abliefert." Dabei deutet sie auf Jill Breutmann.

Schnell füllt sich Breutmanns Hof mit weiteren Menschen. Sie grüßen sich, umarmen sich und bleiben für einige Worte stehen. Für Jill Breutmann ist das ein weiterer schöner Nebeneffekt ihrer Initiative: Sie kennt jetzt endlich auch jene Nachbarn, an denen sie jahrelang immer vorbeiging.

Sendung: hr4, 25.10.2019, 15.30 Uhr