Demonstration von Rettungskräften  in Frankfurt
Rettungskräfte gingen in Frankfurt für mehr Respekt und gegen Gewalt bei ihren Einsätzen auf die Straße. Bild © picture-alliance/dpa

Sie werden angepöbelt und angegriffen: Feuerwehrleute haben in Frankfurt für mehr Respekt während ihrer Einsätze demonstriert. Der Beamtenbund forderte harte Strafen für Angreifer.

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Rettungssanitäter im Einsatz in Frankfurt

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Es sind alltägliche Erlebnisse, die Frankfurter Rettungskräfte ratlos machen. Da blockiert ein Rettungswagen im Einsatz die Straße und wartende Autofahrer rasten aus. "Da wird entweder das Fahrzeug beschädigt oder die Kollegen werden angepöbelt oder auch angegriffen - von ganz normalen Bürgern", sagt Personalrat Nils Weber von der Frankfurter Feuerwehr.

Berichten aus ihrem Alltag: Personalvertreter Nils Weber (Vize-Personalratsvorsitzender Feuerwehr Frankfurt), Eric Brumm (Personalratsvorsitzender) , Marcus Koch (Flughafen Feuerwehr, Betriebsrat Fraport),Matthias Pöschko (Flughafenfeuerwehr, Vetrauensmann)
Berichten aus ihrem Alltag: Nils Weber (Vize-Personalratsvorsitzender Feuerwehr Frankfurt), Eric Brumm (Personalratsvorsitzender), Marcus Koch (Flughafen Feuerwehr, Betriebsrat Fraport), Matthias Pöschko (Flughafenfeuerwehr, Vetrauensmann) Bild © Frank Angermund

Weber und seine Kollegen von anderen Feuerwehren und Rettungsdiensten sind am Samstag in Frankfurt auf die Straße gegangen, um für mehr Respekt vor ihrer lebensrettenden Arbeit zu demonstrieren. Rund 300 Einsatzkräfte zogen nach Angaben der Feuerwehr durch die Innenstadt. "Hände weg! Wir sind Eure Retter!", war auf einem Banner zu lesen, das die Demonstranten an der Spitze des Protestzugs trugen.

Noch gut erinnern sich die Retter in Frankfurt an einen Einsatz auf der Konstablerwache im vergangenen September. Ein Mob hinderte Rettungskräfte daran, einem Bewusstlosen zu helfen. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Erst mehrere Streifenwagen entschärften die Situation.

Menschenmengen als Gefahr

"Große Menschenmengen stellen grundsätzlich eine Gefahr für uns dar", sagt Weber. Der Frankfurter Vize-Polizeipräsident Walter Seubert beobachtet schon länger eine wachsende Respektlosigkeit. Nach einer Studie der Uni Bochum erfahren 90 Prozent der Einsatzkräfte im Laufe ihrer Tätigkeit verbale Gewalt und 60 Prozent körperliche Gewalt.

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Dabei sind Angriffe auf Feuerwehr- und Rettungskräfte nicht neu, auch in 1980er- und 1990er-Jahren waren sie ein Problem in Frankfurt. Ob die Zahlen so steigen wie von den Rettern empfunden, ist unklar. Beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Hessen etwa ist man vorsichtig. Tätliche Übergriffe stünden sehr im medialen Mittelpunkt, statistisch steige ihre Zahl nicht, heißt es auf hessenschau.de-Anfrage.

Verlust von Respekt

Arno Schäfer, Notfallsanitäter und Bereichsleiter beim DRK Frankfurt
Arno Schäfer, Notfallsanitäter und Bereichsleiter beim DRK Frankfurt Bild © Frank Angermund

Doch die Retter berichten vor allem von einem dramatischen Verlust an Respekt und Achtung. "Meistens nachts, wenn Alkohol und  Drogen im Spiel sind", sagt Arno Schäfer, Notfallsanitäter beim DRK in Frankfurt.

Die Täter kämen aus allen gesellschaftlichen Schichten, berichtet Marcus Koch vom Betriebsrat der Frankfurter Flughafenfeuerwehr. "Der Großteil der Menschen freut sich, wenn Hilfe kommt, doch ein kleiner Teil sorgt für Ärger." Überforderte Typen oder Besserwisser machten den Rettern zu schaffen. Feuerwehrmann Weber sagt: "Früher hätte nie einer angefangen zu diskutieren. Heute ist das Standard."

Überlastete Retter

Der Wiesbadener Konfliktforscher und Berater Mario Staller rät Rettungsdiensten, sich darauf einzustellen. "Strategien für solche Situationen kann man lernen. Das erfordert aber Ressourcen und Ausbildungsbedarf", sagt er im Interview mit hessenschau.de. "Ich muss meine Emotionen regulieren, das erfordert Energie. Wenn ich zum Beispiel darüber wegsehen will, dass jemand schimpft  ‚Wo bleiben Sie denn so lange?‘" Überlastete und ausgelaugte Retter könnten das nicht.

Schutzwesten und eine Bewaffnung von Rettern mit Pfefferspray hält Staller für einen falschen Weg. Matthias Pöschko von der Frankfurter Flughafenfeuerwehr sieht es ebenso: "Das ist genau das, wo wir nicht hinwollen. Wir wollen ja keine zweite Polizei in der Feuerwehr haben."

Beweisführung schwierig

Der Frankfurter Vize-Polizeipräsident Seibert setzt seine Hoffnung darauf, dass Täter dank einer Gesetzesänderung seit dem vergangenen Jahr mit strengeren Strafen rechnen müssen. "Das freut uns sehr, dass jetzt Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste geschützt werden", sagt er.

Das Problem: Oft werden solche Vorfälle nicht angezeigt. Wenn doch, sei die Beweislage häufig schwierig, sagt Hessens Generalstaatsanwalt Helmut Fünfsinn: "Ich bin durchaus froh, dass wir diese Strafverschärfung haben, weil es noch mal deutlich macht, wie wertvoll Rettungskräfte und Polizisten für unser gemeinsames Leben sind. Gleichwohl: Ein Strafverfahren hat seine Regeln, und die beginnen damit, dass die vermeintliche Straftat nachzuweisen ist."

Was nützt das Strafrecht?

Konfliktforscher Staller verweist darauf, dass in der konkreten Situation schärfere Strafen kaum helfen würden. Aufgebrachte Menschen dächten nicht rational an strafrechtliche Folgen. Zudem gingen die meisten Übergriffe nicht von Unbeteiligten aus, sondern von Patienten und Angehörigen.

Der Landesvorsitzende des Deutschen Beamtenbundes, Heini Schmitt, plädiert dennoch dafür, das Strafrecht weiter aufzurüsten. "Wir brauchen das eben nicht nur für Vollzugsbeamte, für Polizisten, Rettungskräfte und Feuerwehrleute", sagt er, "sondern wir brauchen es letztlich für alle Beschäftigen im Öffentlichen Dienst, die deshalb angefeindet werden, weil sie eben als Vertreter des Staates wahrgenommen werden."