Alkohol, Drogen, Gewalt: Bei manchen Kindern wissen Eltern, Behörden und Psychiater nicht mehr weiter. Ein sehr spezielles Heim in Osthessen gibt diese Härtefälle nicht auf. Die Möbel müssen stabil sein, die Betreuer auch.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kinderheim mit geschlossener Abteilung in Sinntal

eines der Gebäude des Kinderheims in Sinntal
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In Hessens einzigem Kinderheim mit einer geschlossenen Abteilung fliegen auch schon mal die Fetzen. Erziehungsleiter Martin Lotz hat in der Einrichtung in Sinntal-Sannerz (Main-Kinzig) schon manch unliebsame Erfahrung mit den Bewohnern gemacht. Es handelt sich um verhaltensauffällige und kriminelle, aber strafunmündige Kinder. "Ihren Wutausbrüchen lassen sie mitunter freien Lauf. Sie gefährden dann nicht nur andere Kinder, sondern auch die Betreuer."

Wenn die Krawall-Kids ausrasten, gibt es kein Halten mehr. Dann wird "gespuckt, gekratzt, gebissen, beleidigt und mit Gegenständen geworfen" - so schildert Lotz die "Grenzerfahrungen". Er nimmt das aber erstaunlich gelassen. Für den 48 Jahre alten Sozialpädagogen ist das Berufsrisiko, um das er eigentlich kein Aufheben macht.

Eskalationen mit schmerzhaften Folgen

Die Eskalationen mit den Kindern enden selbst für die Betreuer manchmal schmerzhaft. "Verletzungen und kleinere Wunden bleiben nicht aus", räumt Lotz ein. Eine Kollegin habe mal eine Bisswunde davongetragen. Ein anderer Mitarbeiter brach sich den Finger. "Aber wenn man mit solchen Kindern arbeitet, muss man damit rechnen, dass man auch etwas abbekommt."

Bett und Regal in einem der Kinderheim-Zimmer

Und vom Inventar in der geschlossenen Wohngruppe des Heims ganz zu schweigen. Dort wurden auch schon Teile der Einrichtung zerdeppert. Deswegen sind die Waschbecken extra fest verankert. Und die Möbel - wie Regal und Schreibtisch - sind besonders stabil.

Letzte Hoffnung für Härtefälle

Es sind halt auch Härtefälle, die nach Sinntal ins Jugendhilfezentrum Don Bosco kommen. Dort wurde vor acht Jahren eine geschlossene Gruppe eingerichtet. Sie ist oftmals die letzte Hoffnung für auf die schiefe Bahn geratene Kinder. Sie kommen nicht selten aus schwierigem sozialen Umfeld, haben Bindungsstörungen und Gewalterfahrungen.  

In ihrer eigenen Biografie äußert sich das dann so: Die Krawall-Kids haben mitunter Drogenprobleme, trinken Alkohol, stehlen, schwänzen die Schule oder sind gewalttätig. Wenn Eltern und Behörden ratlos sind, was sie nach diversen anderen Hilfsangeboten und Psychiatrie-Aufenthalten noch unternehmen sollen, ist das geschlossene Heim in Sinntal eine Anlaufstelle. Acht Jungen zwischen 10 und 13 Jahren werden dort betreut. Sie wohnen in Einzelzimmern.

Großer Bedarf an Heimplätzen  

Für verhaltensauffällige und kriminelle, aber strafunmündige Kinder gibt es in Deutschland großen Bedarf für eine Unterbringung mit Freiheitsentzug. Bundesweit sei eine hohe Nachfrage zu verzeichnen, sagt Lotz. "Das zeigt sich auch in unserer Einrichtung. Im Jahr 2018 und 2019 hatten wir für die wenigen freien Plätze jeweils um die 160 Anfragen pro Jahr."

Auch das Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz bestätigt: In Deutschland gebe es viel mehr Bedarf als Plätze. Zur gleichen Einschätzung kommt das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München. In knapp 30 Einrichtungen gebe es rund 340 Plätze bundesweit. "Die Anfragen übersteigen die Kapazitäten der Einrichtungen oft enorm", sagte Sabrina Hoops vom DJI.

"Eine Unterbringung ist ja die Ultima Ratio. Dabei wäre aber wichtig, es nach Möglichkeit erst gar nicht so weit kommen zu lassen und sogenannte 'Jugendhilfekarrieren' zu vermeiden", sagt Hoops. Geschlossene Kinderheime treffen nicht überall auf Akzeptanz. Kritiker bezeichneten die Einrichtung in Sinntal auch schon als "Kinderknast". "So etwas ist auch immer ein politisches Thema. Da gibt es ein Für und Wider", sagt Lotz. Doch der Vergleich mit einem Knast hinke: "Dort geht es um Sühne und Buße. Bei uns um Pädagogik und Entwicklung."

Marcus Bocklet, sozialpolitischer Sprecher der Grünen im hessischen Landtag, sagte: "Eine geschlossene pädagogische Einrichtung wie Sinntal kann in wenigen Einzelfällen für Jugendliche notwendig und hilfreich sein, wenn alle anderen Jugendhilfe-Angebote nicht gegriffen haben." Es gebe erkennbare pädagogischen Erfolge, die diesen Jugendlichen wieder auf "die Spur helfen".

Heimleiter: Kinder werden nicht weggesperrt

Heimleiter Patrick Will vom Jugendhilfenzetrum Don Bosco

Heimleiter Patrick Will erklärte: "Anfangs war unsere Einrichtung sicherlich umstritten. Aber mittlerweile haben wir uns etabliert." Die Kinder würden auch nicht einfach weggesperrt. "Es gibt je nach Einzelfall so viel Geschlossenheit wie nötig und soviel Offenheit wie möglich." Es handele sich nicht um ein Gefängnis. Die Kinder können sich in ihren Zimmern und auf dem Gelände der Gruppe frei bewegen und auch Zeit außerhalb der geschlossenen Gruppe verbringen.

Laut Gruppenleiter Lotz hat eine Evaluation der ersten fünf Betriebsjahre der Einrichtung eine erfolgreiche Arbeit bescheinigt. Doch sei es höchst unterschiedlich, was man als Erfolg bezeichnen könne. "Für manch einen ist es bereits ein Erfolg, keiner Gefährdungssituation ausgesetzt zu sein und gut durch den Tag zu kommen." Die Kinder blieben im Durchschnitt 20 Monate in der Einrichtung. Im besten Fall können sie danach zurück in ihre Familien - oder sie kommen in Anschluss-Wohngruppen.

Experte: Kinder in Sinntal entwickeln sich positiv

auf dem Innenhof des Heims steht eine Tischtennisplatte

Die Arbeit des Heims in Hessen wurde vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) in Mainz wissenschaftlich untersucht. Der geschäftsführende Direktor Michael Macsenaere berichtet: "Die Kinder in der Einrichtung nehmen eine eindeutig positive Entwicklung." Im Vergleich zu anderen Häusern in Deutschland seien sie auf einem "überdurchschnittlich guten Weg".

Pädagogin Hoops vom Deutschen Jugendinstitut sagt: "Natürlich gibt es für eine Unterbringung im Heim keine Erfolgsgarantie. Sie ist nicht das Allheilmittel für alle. Aber sie kann gute Erfolge haben, wie verschiedene Untersuchungen gezeigt haben." Ob eine Unterbringung sinnvoll ist, sei von verschiedenen Faktoren abhängig. "Letztlich muss man auf den Einzelfall schauen. Und das Konzept muss für jeden individuell stimmen."

In acht Jahren hätten bereits mehr als 30 Kinder die Einrichtung wieder verlassen, sagte Erziehungsleiter Lotz. "Oft hört und sieht man dann aber nichts mehr von ihnen", bedauert er. Er fragt sich: Was wird aus ihnen? Haben sie es geschafft? Hoops sagt zur Frage der Wirksamkeit des Aufenthalts: "Zur langfristigen Nachhaltigkeit kann man aus Sicht der Forschung nur wenig sagen. Dazu fehlen Langzeit-Beobachtungen."

Entlassung ist Beleg für erfolgreiche Arbeit

Wenn Kinder die Einrichtung in Sinntal verlassen können, ist das dennoch ein Beleg für die Arbeit des Teams, findet Lotz. Neulich erst habe ein 13-jähriger wieder zurück ins Elternhaus gedurft. Solche Erfolge entschädigten ihn für manch ein Negativ-Erlebnis im Heim – Momente, in denen sonst die Fetzen geflogen sind.