Letzter lebender Auschwitz-Ankläger

Als junger Staatsanwalt kämpfte Gerhard Wiese für die Aufklärung eines der größten Verbrechen der Menschheit: der Morde im KZ Auschwitz-Birkenau. Der heute 92-Jährige ist der letzte noch lebende Ankläger von Frankfurt.

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Gerhard Wiese
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Verfolgt, deportiert und dann systematisch ermordet. Allein im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau töteten die Nationalsozialisten mehr als 900.000 Menschen vorwiegend jüdischer Abstammung in den Gaskammern. Das aufzuarbeiten – und für die nachfolgenden Generationen zu dokumentieren – war ein zentrales Anliegen des sogenannten Frankfurter Auschwitz-Prozesses, der von 1962 an vor dem Oberlandesgericht stattfand.

Der heute 92-jährige Gerhard Wiese ist der letzte noch lebende Ankläger dieses historischen Verfahrens. Es war ein Mammutprozess gegen 22 ehemalige KZ-Mitarbeiter: 183 Verhandlungstage, 700 Seiten Anklageschrift, 350 Zeugen. Wegen Platzmangels im Gerichtssaal fand die Verhandlung im Haus Gallus statt. Wiese war einer von drei Staatsanwälten, die vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer mit der Vorbereitung der Anklage und damit der Aufarbeitung der Tötungsmaschinerie Auschwitz beauftragt wurden.

Der Prozess als einschneidendes Erlebnis

Wiese war damals ein junger Staatsanwalt, Anfang 30, gerade Familienvater geworden. Für ihn war der Auschwitz-Prozess, wie für viele andere Deutsche, ein einschneidendes Erlebnis: "Die Nürnberger Prozesse haben mir schon viel von dem Schrecken gezeigt. Aber Einzelheiten, die Details, die habe ich erst in der Vorbereitung des Auschwitz-Prozesses kennengelernt."  Auch deswegen berichtet er in öffentlichen Zeitzeugengesprächen immer wieder davon - so auch jüngst am Oberlandesgericht, wo er es im Lauf seiner Karriere bis zum stellvertretenden Leiter der Staatsanwaltschaft Frankfurt brachte.

Er und die anderen Staatsanwälte Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel argumentierten: Jeder, der in Auschwitz gearbeitet hatte, war mitschuldig am Massenmord. Gemeinsam mit Fritz Bauer stellen sie die sogenannte "Einheitstheorie" auf. Demnach war das KZ Auschwitz eine auf Vernichtung angelegte Maschine, die nur funktionieren konnte, weil sie in verschiedene Organisationseinheiten zerlegt war, die alle notwendig für die industrielle Vernichtung waren. Sei es die Selektion an der Rampe oder die Aufsicht über die Deportierten - auch damit trug man zum Mord bei.

"Warum müsst ihr den jetzt noch vernehmen?"

Eine Ansicht, die weite Teile der Nachkriegsgesellschaft mit unangenehmen Fragen konfrontierte. "Die Sehnsucht nach Aufarbeitung war nicht unbedingt groß", erinnert sich Wiese zurück. "Der Krieg liegt zurück, warum müsst ihr denn den jetzt noch vernehmen?" oder: "Warum macht ihr denn so einen großen Prozess und nicht mehrere kleinere Verfahren?" Solche und ähnliche Sprüche hätten die Ankläger vor dem Prozess zu hören bekommen.    

Doch die Staatsanwälte blieben hart. Sie wollten den Prozess – und zwar gesammelt und nicht in kleine Unterverfahren aufgeteilt. "Die Zeugen wären zu mehreren Einzelverfahren nicht gekommen", betont Wiese.

Gerhard Wiese (r.) mit den anderen Staatsanwälten Grossmann, Kugler und Vogel

Vor Gericht bricht Verdrängtes hervor

Alleine schon eine einzelne Aussage vor Gericht über die Schrecken von Auschwitz war für viele KZ-Überlebende traumatisch. "Viele Zeugen waren das erste Mal seit Jahren in Deutschland. Auf einmal hörten sie nur noch Deutsch. All das, was sie versucht hatten zu vergessen und zu verdrängen, mussten sie wieder hervorholen, um es dem Gericht vorzutragen", schildert Wiese.

Einige hätten ihre Aussagen wiederholen können, wie zuvor schriftlich zu Protokoll gegeben. "Andere waren so emotional aufgeladen, dass sie Weinkrämpfe bekamen, wir unterbrechen mussten", sagt der ehemalige Staatsanwalt.

Einzelne Szenen des Verfahrens haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Da ist beispielsweise die Aussage des jüdischen Mediziners Mauritius Berner, eines der wenigen Überlebenden des KZ Auschwitz. Er wird mit seiner Familie aus Ungarn ins Konzentrationslager deportiert, seine Frau und Kinder werden direkt nach der Ankunft von ihm getrennt. Doch Berner hat noch einen Funken Hoffnung, als er einen SS-Mann erblickt, den er noch als Pharmavertreter kennt, schildert Wiese die Aussage des Arztes.

Szenen, die sich in Wieses Gedächtnis gebrannt haben

"Herr Hauptmann, ich habe zwei Zwillingskinder, die bedürfen einer größeren Schonung. Ich arbeite, was Sie wünschen, nur gestatten Sie mir, mit meiner Familie zusammenzubleiben", rekapituliert Wiese die Bitte Berners. Der Versuch scheitert. "Weinen Sie nicht, die gehen nur baden", habe der SS-Hauptmann daraufhin beschwichtigt. Was Berner nicht wusste: Baden gehen hieß in die Gaskammern gehen. Er sah seine Frau und Kinder danach nie wieder.

"Nach dieser Aussage war der ganze Gerichtssaal ganz still. Es hat eine Weile gedauert, bis sich der übliche Geräuschpegel eines Gerichtssaals wieder eingepegelt hatte", erzählt Wiese im Zeitzeugengespräch.    

"Zwei der schlimmsten SS-Leute"

Wiese selbst hatte zwei schwere Fälle zugeteilt bekommen: Wilhelm Boger und Oswald Kaduk, zwei der Hauptbeschuldigen der insgesamt 22 Angeklagten beim ersten Auschwitzprozess. "Zwei der schlimmsten SS-Leute", sagt Wiese.

Exemplarisch für das Leugnen der eigenen Taten steht im Prozess die Aussage seines Angeklagten Boger: "Ich habe nicht totgeschlagen, ich habe Befehle ausgeführt", erklärt der dem Gericht. Nur das, was nicht mehr zu leugnen ist, räumt Boger nach und nach ein. Ein typisches Muster der Angeklagten.

Der Angeklagte Wilhelm Boger sitzt bewacht vor Gericht.

Keine Entschuldigung vor Gericht

Eine Entschuldigung ist von keinem der Angeklagten in Frankfurt zu hören. Im Gegenteil: Wie dokumentiert ist, versuchen Bogers Anwälte vor Gericht, die KZ-Überlebenden zu diskreditieren. Den Opfern wird vorgeworfen, das Erlebte im Nachhinein aufbauschen.

Genutzt hat all das zumindest Boger wenig. In Frankfurt wird er 1965 wegen Mordes in mindestens fünf Fällen und gemeinschaftlichen Mordes zu lebenslanger Haft und zusätzlich 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Allerdings: Die Staatsanwälte um Fritz Bauer können sich nicht in allen Punkten durchsetzen. Ihre "Einheitstheorie" findet wenig Anklang. Nur sechs Angeklagte erhalten lebenslänglich. Drei werden mangels Beweisen gar freigesprochen.

"Das war damit höchstrichterlich bestätigt worden"

Immerhin ein Gutes hatte der Prozess dann aber doch, wie Wiese findet. Nach dem Revisionsverfahren entschied 1969 der Bundesgerichtshof über das Urteil aus Frankfurt. "Da war es: Ein rechtskräftiges Urteil, in dem festgehalten wurde, was in Auschwitz passiert ist. Mitsamt der Existenz von Gaskammern, Krematorien. Keiner sollte danach mehr behaupten können, dass es sowas nicht gegeben hat, das war damit höchstrichterlich bestätigt worden", sagt Wiese.

Und mittlerweile hat sich die Sicht der Gerichte zur Einheitstheorie gedreht: In den vergangenen Jahren wurden erste Prozesse geführt, in der die Richter die Theorie zur Grundlage ihrer Verurteilungen nahmen. Im September 2017 habe sich dann auch der dritte Strafsenat des Bundesgerichtshofs dem angeschlossen, betont Wiese. "So lange hat es leider gedauert."

Noch etwas anderes beschäftigt ihn: die Geschichtsvergessenheit, die viele Deutsche offenbar befallen hat. "Ich bedauere die armen Leute", sagt der 92-Jährige, "die immer noch nicht begreifen können - oder eher wollen - dass es Gaskammern gab und dass es Krematorien gab und andere Möglichkeiten, die Menschen umzubringen."

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 10.3.2020, 18 Uhr