Symbole für Katholische, evangelische, muslimische und jüdische Gotteshäuser

Schon seit rund einem Monat müssen Gläubige auf Gottesdienste in Kirchen, Synagogen oder Moscheen verzichten. Das könnte sich mit einem Beschluss in Berlin bald ändern. Viele Religionsgemeinschaften sehen dem mit gemischten Gefühlen entgegen.

Sollen die Gotteshäuser wieder öffnen oder nicht? Die Frage stellt viele Religionsgemeinschaften vor Herausforderungen. Zwar sollen Gottesdienste in Deutschland bei Einhaltung von Hygiene-Regeln zum Schutz vor Corona schrittweise wieder möglich werden.

Vertreter von Religionsgemeinschaften und Kirchen wollen dazu in diesen Tagen gemeinsam mit Bund und Ländern ein Konzept erarbeiten. Doch eine Umfrage bei Vertretern der Religionsgemeinschaften in Hessen zeigt: Ein Grund zum Jubeln ist das für die meisten nicht.

Voting

Sollten gemeinsame Gottesdienste demnächst wieder gefeiert werden dürfen?

Platz
Ergebnis (%)
1
Nein, Gottesdienste sollten erst einmal verboten bleiben.
71,2
2
Ja, gemeinsame Gottesdienste sollten erlaubt werden.
28,8

Katholische Kirche: "Baldmögliche Öffnung erwünscht"

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, dringt darauf, Gottesdienste wieder zu erlauben. Das Bistum Fulda antwortet dazu knapp: "Die katholische Kirche wünscht sich selbstverständlich eine baldmögliche Öffnung der Gotteshäuser für gottesdienstliche Feiern."

Voraussetzung sei "die Beachtung der notwendigen Regeln zum Schutz der Menschen vor dem Corona-Virus". Wie genau die aussehen könnte, erläuterte das Bistum nicht. Derzeit sei die katholische deutsche Bischofskonferenz im Gespräch mit dem Bundesinnenministerium. In den kommenden Tagen sollen dann Details mitgeteilt werden.

Evangelische Kirche: "Am größten ist die Not bei Trauernden"

"Unsere Haltung ist geduldiger als die der katholischen Kirche", sagt Stephan Krebs, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. "Wir sehen nicht das freie Recht auf Religionsausübung grundsätzlich gefährdet." An erster Stelle stehe, Menschen nicht zu gefährden:

"Die Vorstellung, Infektionsketten zu befeuern ist uns unangenehm." Zwar wolle auch die evangelische Kirche gerne wieder Gottesdienste und Andachten feiern Gespräche, unter welchen Umständen das möglich sein könnte, seien im Gange. "Aber das muss unter Schutzvorkehrungen sein, die überall gelten. Das loten wir gerade aus."

Alternative Angebote wie Live-Übertragungen würden derzeit gut von den Gemeinden angenommen. Aber: "Am größten ist die Not der Trauernden", berichtet Krebs. "Es gibt eine sehr hohe Emotionalität bei Hinterbliebenen, die sich nur eingeschränkt von ihren Angehörigen verabschieden können."

Zentralrat der Muslime: "Wer darf rein?"

Man könne den Ruf nach einer Eröffnung der Gotteshäuser nicht mit der schrittweisen Eröffnung von Geschäften begründen, betont Said Barkan, der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes des Zentralrats der Muslime in Frankfurt. "Auch bei den Geschäften gibt es Regeln, an die sich alle halten müssen - und anders als bei Gebeten kommen dort nicht alle auf einmal."

Barkan unterstrich, es sei in dieser Zeit "eine schwierige Herausforderung, dem Bedarf nach Spiritualität nachzukommen". Der Schutz von Menschenleben müsse Priorität haben. Deshalb seien Moscheen auch schon teilweise vor dem Verbot von Gottesdiensten und den Beschlüssen von Bundesregierung und Bundesländern geschlossen worden.

Bestimmte Schutzmaßnahmen wie Desinfektionsmittel und Ordner ließen sich organisieren. Der Mindestabstand dürfte nach Aussagen Barkans in den muslimischen Gemeinden jedoch die größte Herausforderung sein - gerade mit dem bevorstehendem Fest Ramadan und den dann abends üblichen gemeinschaftlichen Gebeten zum Fastenbrechen: "Das Gemeinschaftsgebet findet sonst Schulter an Schulter statt."

Und noch eine Sache bereitet dem Vorsitzenden Kopfzerbrechen: "Es stellt sich die Frage: Wer darf rein?" Ein Gotteshaus stehe sonst immer allen Menschen einer bestimmten Glaubensrichtung offen. Gerade in kleinen Moscheen hätte schon so nur nur eine geringe Zahl an Menschen Platz. Natürlich könne man Risikogruppen aussortieren. "Aber man sieht es auch nicht allen an. Ein Restrisiko ist gegeben." Jede Moschee und Gemeinde müsse eigenverantwortlich überlegen, ob sie das Risiko in Kenntnis der eigenen Gemeinde und Besucher eingehen wolle. "Die Frage ist, ob man aus verfassungsrechtlichen Gründen auf sein Recht pocht und eine Gefahr damit noch steigert."

Jüdische Gemeinden: "Graben scheint noch ziemlich tief"

Als "ambivalent" bezeichnet Daniel Neumann vom Landesverband der jüdischen Gemeinden in Hessen seine Gefühle in Hinsicht auf die Aufhebung des Gottesdienstverbots. "Der Graben zwischen dem, was wir uns wünschen, und dem, was sich mit Rücksicht auf die Gemeindemitglieder umsetzen lässt, scheint noch ziemlich tief."

Auf der einen Seite sei er für eine schnellstmögliche Öffnung der Gotteshäuser und begrüße diese schon aus grundrechtsrelevanten Gründen: "Es ist ein ziemlich massiver Eingriff in die Religionsfreiheit, und wenn man im Vergleich zum Beispiel Kaufhäuser öffnet, ist es nicht einsehbar, weshalb es mit Gotteshäusern anders sein sollte."

Auf der anderen Seite bezweifelt Neumann, dass die jüdischen Gemeinden mehrheitlich in Hessen tatsächlich wieder dazu übergehen würden, Gottesdienste anzubieten - selbst wenn die Politik eine Eröffnung wieder ermögliche: "Ich bin selbst Vorsitzender in Darmstadt und halte es für ausgeschlossen, dass wir zur Tagesordnung übergehen. Ich sehe möglicherweise Angebote für Nichtrisikogruppen, wenn sie es möchten, bin aber skeptisch, ob es sich überhaupt so umsetzen lässt."

Die Entscheidungen der jüdischen Gemeinden werden für sich schon allein aufgrund der Größe der Häuser und des Altersdurchschnitts der Gläubigen vermutlich unterschiedlich ausfallen. Die Frankfurter Gemeinde zum Beispiel wolle so schnell wie möglich wieder öffnen. Dort sei die Synagoge aber auch so groß, dass die Betenden mit entsprechenden Abständen versehen werden könnten.