Im Dunkel der Nacht landet ein Flugzeug auf der beleuchteten Landebahn.

Ein Lufthansa-Airbus aus Afghanistan ist in der Nacht zum Mittwoch in Frankfurt gelandet. Die Stadt Frankfurt kündigte an, man wolle ein "sicherer Hafen" sein. Hessen will sich an der Aufnahme geflüchteter Afghanen beteiligen.

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In Frankfurt ist um kurz nach 3.30 Uhr am frühen Mittwochmorgen eine Lufthansa-Maschine mit 131 Evakuierten aus Kabul gelandet. Der Airbus 340 mit Afghanen und Deutschen an Bord kam aus Taschkent. Am Dienstag hatte ein Transportflugzeug der Bundeswehr ihre Luftbrücke zur Rettung von Deutschen und Afghanen begonnen und die Menschen zunächst aus der afghanischen in die usbekische Hauptstadt geflogen.

"Am Flughafen war die Situation so schlimm, dass man es als Mensch nicht mehr verkraften konnte", sagte Wais Zakir, der seit zehn Jahren in Deutschland lebt und seine Familie in Afghanistan besuchte, dem hr. "Man hörte Schüsse. Da waren Kinder, da waren ältere Menschen, die hin und her geschubst wurden."

"Ich schieße gleich auf dich!"

Die Bundesregierung hatte den Langstreckenjet gechartert. Die Lufthansa wird in Absprache mit der Bundesregierung auch Evakuierungsflüge aus Doha in Katar und möglicherweise auch aus anderen Anrainerstaaten Afghanistans anbieten, wie ein Sprecher sagte. Für die nächsten Tage sei eine noch unbekannte Zahl von Flügen geplant.

Zakir sagte, er habe in Kabul zur deutschen Botschaft gewollt, doch diese sei von Taliban umzingelt gewesen. Als er es dann zum Flughafen geschafft hatte, habe er die Hoffnung verloren, in einen Flieger zu kommen. Soldaten hätten nicht direkt auf Menschen geschossen, "aber sie haben einem das Gefühl gegeben: 'Ich schieße gleich auf dich!'" Sie hätten Menschen mit ihren Waffen geschlagen. "Das waren Soldaten aus Afghanistan", so Zakir.

Hessen will Geflüchtete aufnehmen

Die meisten der Passagiere an Bord seien Deutsche oder Angehörige anderer Staaten gewesen, die ohne Formalitäten ein- oder weiterreisen konnten, teilte ein Sprecher der Bundespolizei mit. Alle Afghanen, die an Bord waren, werden demzufolge zunächst in eine Aufnahmeeinrichtung nach Hamburg gebracht. Insgesamt handle es sich um eine Gruppe von 17 bis 19 Menschen mit afghanischem Pass. Zuständig sei nun das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Hessen hatte zuvor schon angekündigt, sich an der Unterbringung geflüchteter Afghanen beteiligen zu wollen - unklar, in welchem Umfang. "Nach erfolgter Bundesregelung wird natürlich auch Hessen in diesem Rahmen seine humanitäre Verpflichtung erfüllen und helfen", erklärte das Sozialministerium. Aktuell würden alle Evakuierungs- und Aufnahmemaßnahmen aus Afghanistan vom Bund gesteuert. "Das Land Hessen steht in engem Kontakt mit den Bundesbehörden", hieß es. "Die Evakuierung steht jetzt im Vordergrund."

Frankfurt als "sicherer Hafen"

Frankfurts Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD) erklärte, die Stadt wolle ein "sicherer Hafen" sein. "Mit über 12.000 Menschen haben wir eine große afghanische Community in Frankfurt", sagte sie laut einer Mitteilung vom Dienstag. Dies sei die "beste Chance darauf, dass es mit der Aufnahme der flüchtenden Menschen klappt". Unter den in Frankfurt lebenden Afghanen seien viele, die um das Leben ihrer Familien fürchteten. "Sie sollen wissen, dass die Stadt Frankfurt an ihrer Seite steht."

Über Usbekistan nach Deutschland

Am Dienstagabend startete in Kabul bereits ein dritter Evakuierungsflug der Bundeswehr. An Bord des Transportflugzeugs A400M in Richtung Taschkent seien 139 Menschen, teilte Außenminister Heiko Maas (SPD) im heute journal des ZDF mit. Das Flugzeug landete am frühen Mittwochmorgen in Taschkent.

Von dort sollten die Geretteten am selben Tag mit einem Lufthansa-Flug nach Deutschland gebracht werden. Das Verteidigungsministerium teilte auf Twitter mit, nunmehr seien mehr als 260 Personen aus Afghanistan ausgeflogen worden. "Und wir evakuieren solange es geht weiter", betonte das Ministerium.

Flüchtende Menschen am Flughafen in Kabul

Maas kündigt weitere Flüge an

Eine weitere Maschine steht Maas zufolge bereit. "Im Moment sind die Tore am Flughafen geschlossen, sobald die wieder geöffnet sind, werden wir diesen Betrieb fortsetzen."

Nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban hatten sich hunderte Menschen auf das von den Taliban noch nicht kontrollierte Flughafengelände geflüchtet. Bilder von Verzweifelten, die sich an startende Flugzeuge hängen, gingen um die Welt.

Botschaftsmitarbeiter nach Berlin ausgeflogen

Gemeinsam mit den USA hat die Bundesregierung eine Luftbrücke zwischen Kabul und Taschkent aufgebaut, um Menschen auszufliegen. Nach Worten von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) warteten am Dienstagabend etwa 180 Menschen am Flughafen in Kabul auf ihre Ausreise.

Die ersten Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Kabul waren nach ihrer Evakuierung aus Afghanistan bereits am Dienstag zurück in Deutschland. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa landeten sie mit einer Linienmaschine auf dem Berliner Hauptstadtflughafen in Schönefeld.

Kurzfristige Anfrage an Lufthansa

Kramp-Karrenbauer sprach von einer volatilen Lage in Kabul. Entsprechend kurzfristig erreichte die Lufthansa die Anfrage aus Berlin. Einer Lufthansa-Sprecherin zufolge galt es, innerhalb weniger Stunden Maschinen zu organisieren und Verkehrsrechte zu besorgen.

Dass der erste Evakuierungsflug Frankfurt ansteuerte, hatte demnach auch organisatorische Gründe. Zudem ist der hessische Flughafen der wichtigste Verkehrsknotenpunkt in Deutschland.

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Liveblog zur Lage in Afghanistan

Über die aktuelle Lage in Afghanistan berichtet tagesschau.de in einem Liveblog.

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