Ob MGV Erzhausen oder die "Drechflejel" aus Löhnberg: Geht es nach Bundesfinanzminister Scholz (SPD), droht reinen Männervereinen der Verlust der Gemeinnützigkeit. Der Vorschlag sorgt in Hessen für Unverständnis und Verunsicherung, wie eine Stichprobe zeigt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie Männer- und Frauenvereine auf Scholz' Vorstoß reagieren

Bundesfinanzminister Scholz (l.) will Männerclubs die Gemeinnützigkeit streichen. Sein hessischer Amtskollege Schüfer (re. daneben) ist davon nicht begeistert.
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"Das wäre schon schlimm, denn das betrifft jeden Verein", sagt Horst Köhres. Er ist Vorsitzender des Männergesangsvereins MGV Sängerlust Erzhausen (Darmstadt-Dieburg), und er ist überhaupt nicht begeistert vom Vorstoß des Bundesfinanzministers Olaf Scholz (SPD).

Scholz hatte im Interview mit der "Bild am Sonntag" gesagt: "Vereine, die grundsätzlich keine Frauen aufnehmen, sind aus meiner Sicht nicht gemeinnützig. Wer Frauen ausschließt, sollte keine Steuervorteile haben und Spendenquittungen ausstellen." Dabei hatte er insbesondere "Schützengilden oder Sportclubs" im Sinn.

"Wer spendet denn dann noch?"

Gemeinnützige Vereine haben steuerliche Vorteile, und wer ihnen Geld spendet, kann das von der Steuer absetzen. Fällt das weg, hat der MGV zum Beispiel ein Problem, sagt Köhres: "Wer spendet denn dann noch? Und wir brauchen die Spenden, um dem Chorleiter sein Salär zu bezahlen. Ohne Spenden kann der Verein zumachen." Außerdem findet er: "Es gibt doch eigentlich größere Probleme, als einem kleinen Männerchor die Gemeinnützigkeit abzuerkennen."

Für diese Meinung hat Köhres einen prominenten Unterstützer: Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU). Der sagt: "Die bestehenden rechtlichen Regularien reichen grundsätzlich völlig aus. Man muss nicht Frauenchöre und Männergesangsvereine in Panik versetzen." Scholz' Vorstoß sei " wohl mehr dem Wettbewerb 'Deutschland sucht den Super-Sozi' geschuldet als der sachlichen Notwendigkeit", sagte Schäfer mit Blick auf das Rennen um den SPD-Vorsitz, für den Scholz kandidiert.

Nun gehört Schäfer zur politischen Konkurrenz. Aber mit seinem Vorschlag handelte sich Scholz auch Kritik aus dem eigenen Lager ein - von der Landtagsfraktion in Düsseldorf zum Beispiel.

"Einfach mal von daheim raus und feiern, nur unter Männern"

Wie viele Vereine in Hessen von der Initiative betroffen wären, kann das Finanzministerium nicht sagen. Deutschlandweit geht Scholz von hunderten, der Verein Deutsches Ehrenamt eher von mehreren tausend Vereinen aus.

Ein Beispiel, das häufig genannt wird, ist das der Landfrauen. Dort kann man dem Vorstoß aber gelassen entgegenblicken, denn der Landfrauenverband Hessen mit seinen rund 42.000 Mitgliedern ist nicht gemeinnützig, wäre also von dem Vorschlag auch nicht betroffen. Die Landesgeschäftsführerin Almut Wittig schätzt, dass auch von den 630 örtlichen Landfrauenvereinen nur zwei oder drei gemeinnützig seien. Abgesehen davon lasse der Verband auch Männer zu - wenn auch nur als Fördermitglieder, ohne Stimm- oder Wahlrecht.

Die Landfrauen in Löhnberg (Limburg-Weilburg) haben beispielsweise genau einen Mann als Fördermitglied aufgenommen: Thomas Zipp. Er ist auch bei den Niederhäuser Dreschflejel aktiv, ein gemeinnütziger Verein, der sich darum bemüht, die dörfliche Tradition zu erhalten. Und hier sind seit der Gründung 1982 nur Männer dabei. "Das ist auch mal ein Rahmen, in dem man nur unter Männern ist. Genauso geht's auch Frauen, die manchmal auch Themen untereinander bereden wollen", sagt er. Oder wie sein Vereinskollege Tim Rohrmann formuliert: "Einfach mal von daheim raus und feiern, nur unter Männern. Einfach mal daneben benehmen."

"Weniger eine Frage der Diskriminierung als eine der Logik"

Die Debatte erinnert an 2017, als der Bundesfinanzhof entschieden hatte, dass eine Freimaurerloge, die Frauen ausschließt, nicht gemeinnützig sei. Schon damals hatte Finanzminister Schäfer gesagt: "Wenn in einem gemeinnützigen Frauenchor keine Männer mitsingen, so erscheint mir das wegen des speziellen Liedgutes für weibliche Stimmlagen weniger eine Frage der Diskriminierung als vielmehr eine der Logik."

So sieht man das auch beim Frauenchor Bel Canto in Hadamar (Limburg-Weilburg". Die Leiterin Ute Schäfer sagt zu Scholz' Vorschlag: "Ich glaube nicht, dass das der Gleichstellung hilft." Wenn man Frauen- und Männerchöre öffne, gehe "auch ein Stück Qualität verloren".

Ein weiterer Bereich, in dem nach Geschlechtern getrennte Vereine aktiv sind, sind Studentenverbindungen. So gibt es in Gießen beispielsweise das Corps Starkenburgia, in dessen Hintergrund der Verein Alter Herren e.V. (VAH) steht. Den gibt es seit 1890, und auch er nimmt laut Satzung nur Männer auf, berichtet der Vorsitzende Florian Kempff - aber auch er ist nicht gemeinnützig und sieht daher ohnehin keinen Grund, etwas zu ändern. "Vielleicht sind wir auch deshalb die älteste studentische Verbindung, weil wir eben nicht immer das gemacht haben, was gerade Mode war", sagt Kempff.

"Von Fall zu Fall entscheiden"

Ebenfalls nicht betroffen wäre die Darmstädter Kooperation Frauen e.V. Zwar nimmt der gemeinnützige Verein laut Satzung nur Frauen und Frauenorganisationen auf, doch Olaf Scholz hatte schon klargestellt: Vereine, die "bestehende geschlechtsbezogene Nachteile" beseitigen wollen, sollen auch weiterhin ausschließlich Frauen oder ausschließlich Männer aufnehmen dürfen. Die Vereinsvorsitzende Iris Behr sagt: "In einem Frauenberatungsverein ist es erstmal nicht angezeigt, Männer mit aufzunehmen."

Die Juristin findet aber auch, dass Scholz nicht ganz unrecht hat und plädiert für Differenzierung: "Das muss man von Fall zu Fall vom Zweck des Vereins abhängig machen. Es ist erklärungsbedürftig, in einem Gesangs- oder Ruderverein nur Männer zuzulassen."

Sendung: hr4, Die hessenschau für Mittelhessen, 15.11.2019, 15.30 Uhr