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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Franklyn Dwomoh ist für viele im Marburger Boxclub ein Vorbild.

Franklyn Dwomoh

Der Marburger Boxclub hat mit Franklyn Dwomoh einen Deutschen Meister und möglichen Olympia-Teilnehmer hervorgebracht. Darauf sind die Trainer und Sportler zurecht stolz. Sportlicher Erfolg ist im Stadtteil Richtsberg aber längst nicht alles.

Der Kampf dauert gerade mal 21 Sekunden: Im Sechzehntelfinale der Jugend-Box-WM in Polen im April verpasst der 18 Jahre alte Franklyn Dwomoh seinem ungarischen Gegner einen ebenso ansatzlosen wie schweren linken Haken. Der andere geht sofort zu Boden, Dwomoh gewinnt und kommt eine Runde weiter. Im Achtelfinale endet das Turnier für den Mittelhessen tags darauf. Die Reise des 18-Jährigen im Boxen soll damit aber noch lange nicht beendet sein.

Ihren Anfang genommen hat sie im Marburger Stadtteil Richtsberg, wo der 18-Jährige aufgewachsen ist. Am Richtsberg leben vergleichsweise viele Menschen mit niedrigem Einkommen und mit Migrationshintergrund. Es ist ein bunter, pulsierender Stadtteil - und demografisch gesehen ein besonders junger.

"Wie mein Trainer mich behandelt hat, war am Wichtigsten"

Mitten im Stadtteil befindet sich der 1. Boxclub Marburg 1947. Außen leuchtet das Gebäude rot, innen befindet sich ein großer, heller Trainingsraum mit hohen Fenstern und einem großen Boxring in der Mitte. Von Dwomohs Wohnung ist der Club nur einen Katzensprung entfernt.

Er sei dort quasi groß geworden, erzählt der talentierte Nachwuchsboxer. Die sportliche Förderung sei das eine gewesen, sagt er. "Aber so, wie mein Trainer Ronald Leinbach mich behandelt hat, das war am Wichtigsten." Sein Trainer sei wie ein zweiter Vater für ihn, er habe sein Potenzial erkannt und gefördert.

Mit 14 ins Sportinternat

Schon mit elf Jahren wurde Dwomoh zum ersten Mal Deutscher Meister in seiner Altersklasse. 2016 kam das Angebot, ins Sportinternat am Olympiastützpunkt in Heidelberg zu wechseln. Das war keine leichte Entscheidung, wie Dwomoh sich erinnert. Inzwischen sei er aber froh, dass er sich mit 14 Jahren getraut hat, sein Elternhaus zu verlassen.

Im Internat ist er einer von nur zehn Nachwuchsboxern und derzeit einer der Jüngsten. Seine Vita liest sich aber schon jetzt beeindruckend: Dwomoh wurde mehrmals Deutscher U18-Meister im Halbweltergewicht (bis 63 kg). Als nächstes steht für ihn der Wechsel in die U21-Alterklasse an - derzeit trainiert er dafür, bei den Olympischen Spielen 2024 antreten zu dürfen.

"Ich bin zielstrebiger geworden"

Die Belastung im Elite-Internat ist groß: Dwomoh trainiert jeden Tag drei bis vier Stunden, parallel macht er sein Fachabitur und jobbt in einem Schuhgeschäft. Wegen vieler Wettkämpfe habe er eine Klasse wiederholen müssen. "Aber ich komme ansonsten gut klar hier", sagt er.

Wenn es mit der Boxkarriere nicht klappt, will er nach dem Abi vielleicht eine Ausbildung zum Bankkaufmann oder Finanzassistenten absolvieren. Und auch das wäre für den Marburger ein Erfolg. Ob er sich früher hätte vorstellen können, es mal so weit zu schaffen? "Niemals", sagt Dwomoh. "Durch das Boxen bin ich ein ganz anderer Mensch geworden: Ich bin viel zielstrebiger, reise viel rum, treffe unterschiedliche Menschen."

Boxclub baut sportpädagogisches Angebot aus

Dwomoh ist das große Vorbild der Kinder und Jugendlichen, die im Marburger Boxclub die Fäuste fliegen lassen. Auch für den elf Jahre alten Omar. Der Junge trippelt mit fliegenden Locken im Halbkreis um einen Boxsack herum und trommelt energisch darauf ein. Er bereitet sich gerade auf seinen ersten Kampf um Punkte vor. Omar fühlt sich gut vorbereitet. "Ich bin schon ganz gut", meint er. Seine Erfolgsformel: "Richtig hart zu trainieren. Ich gebe immer alles!"

Junge boxt auf Boxsack ein

Der Boxclub ist seit vielen Jahren im Stadtteil aktiv, nun will er seine sportpädagogische Arbeit mit einer Kooperation mit der Stadt Marburg weiter ausbauen. Dafür wurde eine Vollzeitkraft eingestellt: Patrick Karger soll eine Art Mischung aus Sozialarbeiter und Boxtrainer sein.

Es gehe nicht in erster Linie darum, noch mehr Spitzensportler herauszufiltern, erklärt Karger, sondern darum, mehr Jugendliche im Stadtteil für den Sport zu begeistern und Bewegung zu fördern. Dafür will der Boxclub auch mit Schulen und den bestehenden Institutionen und Vereinen intensiver zusammenarbeiten.

Positive Nebeneffekte jenseits des Boxrings

In den vergangenen vier Jahren hat Karger ein ähnliches Projekt in Dietzenbach (Offenbach) geleitet. "Boxen kann viele Vorteile bringen", sagt er. "Man muss viel Disziplin an den Tag legen, man kann durch Eigenmotivation Erfolge im Kleinen erreichen und auch Anerkennung durch Wettkämpfe bekommen."

Klar sei: Nicht jeder erreicht sportliche Durchbrüche wie Franklyn Dwomoh. Aber seiner Erfahrung nach könne Boxen auch jenseits des Sportlichen viele positive Nebeneffekte im Leben von Kindern und Jugendlichen haben. "Manche verbessern sich schulisch oder werden dadurch eigenständiger." Zudem fördere es die Motorik und Koordination. "Boxen kann auch für andere Sportarten Vorteile bringen."

Mann neben Boxsack

Weil manche Kinder und Jugendliche im Stadtteil weniger Gelegenheiten und Zugang zu sportlichen Angeboten hätten als andere, gehe es darum, ihnen ein möglichst niedrigschwelliges Angebot zu machen, sagt Karger. "Das würde auch bei anderen Sportarten funktionieren, aber weil der Boxclub hier im Stadtteil schon sehr etabliert ist, macht es Sinn, das weiter zu auszubauen."

"Boxen rettet Leben"

Welchen Unterschied das machen kann, hat auch der 24 Jahre alte Mohammed Aided erlebt, der seit rund sechs Jahren regelmäßig im Boxclub trainiert. "Du musst den Willen haben und du musst kämpfen", erzählt er. "Da lernt man einfach Respekt und Disziplin." Boxen könne auch verhindern, dass junge Leute auf die schiefe Bahn geraten und zum Beispiel mit Drogen experimentieren. "Das rettet Leben", meint Mohammed.

Junger Mann mit Boxhandschuhen trainiert

Ihm habe der Sport außerdem geholfen, in Deutschland besser anzukommen. Er sei mit 16 Jahren ohne seine Eltern als Flüchtling aus Somalia nach Deutschland gekommen. "Es hat mir wirklich viel geholfen, dass ich hier neue Leute kennengelernt habe und dass Leute mich auch mal mit nach Hause mitgenommen haben." So habe er Leben und Leute kennengelernt. Und eine Verbindung zu ihnen aufgebaut.

"Hier ist es egal, wo man herkommt - wir sind hier alle gleich", meint Mohammed und erzählt, dass der Boxclub inzwischen wie eine Familie für ihn sei. "Deshalb sage ich auch allen Migranten: Die sollen zum Sportplatz gehen. Das hilft wirklich."

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