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Seit einem Jahr steht in Diskotheken die Zeit still. Marburger DJs und Clubs kämpfen im Kollektiv ums Überleben und feiern virtuell. Langfristig wird das die Szene aber wohl nicht retten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Marburger DJ-Kollektiv organisiert seit einem Jahr Online-Streams

Mann blickt in die Kamera
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Es ist ein trauriger Anblick für Matthias Schulze. Niemand steht in seinem Club an der Bar oder chillt mit Bier in der Hand auf dem Sofa in der Ecke. "Die Tanzfläche ist inzwischen schon verstaubt", erzählt der Marburger Club-Betreiber und DJ. Seit einem Jahr ist sein Nachtsalon komplett geschlossen.

Die verstaubte Tanzfläche sieht nicht nur öde aus - sie bringt den Laden wie auch viele weitere in Marburg und Hessen finanziell in ernsthafte Schwierigkeiten. "Irgendwelche Alternativangebote wie eine Cocktailbar hätten sich für uns aufgrund unserer Größe und Lage einfach nicht gelohnt", erzählt er. Und ohnehin: Immer wieder auf und zu machen, das sei für ihn nur schwer denkbar.

Deshalb passiert im Nachtsalon aktuell gar nichts mehr. Und Schulze kann sich auch kaum vorstellen, dass sich das bald ändert. "Nach all dem politischen Hin und Her will ich mir keine unnötigen Hoffnungen machen und blicke da inzwischen ziemlich resigniert in die Zukunft." Er glaubt nicht, dass in seinem Club vor 2022 wieder Leute tanzen werden.

DJ-Kollektiv will Hoffnung machen

Mitten in die Krise will das DJ-Kollektiv Marburger Clubs United deshalb ein kleines Zeichen der Hoffnung setzen - wenigstens virtuell. Der Zusammenschluss aus DJs und Club-Betreibern organisiert seit nun einem Jahr regelmäßig Live-Streams aus Kneipen, Clubs und besonderen Locations in der Stadt. Die zum Teil bis zu sechsstündigen Livestreams werden über die Streamingplattform Twitch übertragen. Unter den rund 40 beteiligten Künstlern ist auch Matthias Schulze, alias DJ Matt-C.

DJ Cavete

"Der einjährige Geburtstag ist ein Jubiläum, das eigentlich gar niemand von uns feiern will", sagt Stefan Oberhansl, der selbst seit Jahren regelmäßig nebenberuflich auflegt. Aber weil Feiern für DJs und Clubbetreiber quasi zum Berufsbild gehört, tun sie es nun irgendwie trotzdem. Am Samstag streamen sie aus dem Kakteenhaus des Neuen Botanischen Gartens. Vielleicht passt die etwas eigenwillige Location sogar ganz gut zur prekären Situation, in der sich manche befinden.

Auflegen vor der Kamera: Ganz anders als im Club

"Ich kann natürlich nicht für die finanzielle Situation aller DJs sprechen, aber unisono geht es allen schlecht", sagt Oberhansl. Die finanziellen Folgen seien das eine. Aber die direkte Interaktion mit den Menschen im Club, die Stimmung im Raum zu spüren und darauf einzugehen - das sei nun mal die Leidenschaft eines DJs.

Es sei für viele noch sehr ungewohnt, stattdessen vor einer Kamera zu stehen und so zu performen, dass es für Zuschauer zu Hause interessant ist. "Gerade die Jüngeren können das aber oft schon ganz gut, die legen dann zum Beispiel auch mal eine Tanzeinlage ein."

"Uns fehlt das Publikum"

Das Kollektiv wolle auch ganz bewusst Nachwuchs fördern, sagt Oberhansl: "Die könnten sich ja sonst gerade nirgendwo mal ausprobieren." So legt zum Beispiel der erst elfjährige Sohn eines DJs manchmal bei den Streams auf, auch eine 16 Jahre alte Schülerin ist dabei.

Oberhansl kann sich gut vorstellen, dass all diese neue technischen Möglichkeiten langfristig die Clubszene beeinflussen werden und es auch in Zukunft mehr Hybridformate geben wird. Aber immer nur virtuell feiern - das sei natürlich langfristig auch nicht das Wahre. "Wie allen Künstlern fehlt es uns natürlich sehr, unsere Musik vor Publikum zu spielen", so Oberhansl. Deshalb plädiert er auch dafür, mehr über die Möglichkeiten von coronakonformen Open-Air-Formaten nachzudenken.

Breite Unterstützung für das DJ-Kollektiv

Unterstützt wird Marburger Clubs United gleich von mehreren öffentlichen Stellen, etwa dem hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Landkreis Marburg-Biedenkopf und der Stadt Marburg. Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) hört zwar persönlich lieber Jazz als Elektrobeats, aber dennoch sei es auch ihm ein großes Anliegen, die Szene in Marburg zu erhalten und nach Kräften zu unterstützen.

Auch der OB stellt fest: "Ich glaube, es geht den Gastronomen insgesamt gerade schlecht, aber den Clubs ganz besonders." Die Stadt unterstütze die DJ-Initiative finanziell, weil sie Menschen "ein bisschen Perspektive und Normalität" zurückgebe und "Kreativität freisetzt".

DJ Autohaus

Die Stadt habe durch Bundesnotbremse derzeit keinen Spielraum, um individuelle Konzepte oder Regelungen zu ermöglichen. Seiner Meinung nach sollten aber so schnell wie möglich wieder mehr Normalität und Öffnungskonzepte mit Tests ermöglicht werden - sobald es die Zahlen zulassen würden. Wann das für die Clubs so weit sei, wolle er nicht prognostizieren.

Nachtsalon: Betreiber sucht neuen Job

Ob es Clubs wie den Nachtsalon dann überhaupt noch geben wird, kann ebenfalls niemand sagen. Für Betreiber Matthias Schulze hat der Lockdown inzwischen auch sehr konkrete persönliche Folgen. "Ich bekomme für den Laden zwar Hilfsgelder vom Bund, aber ich selbst kann mir ja seit Monaten quasi kein Gehalt mehr auszahlen", berichtet er: "Ich bin jetzt mit einigen Zahlungen schon so weit hinterher, dass ich nicht weiß, ob ich das noch mal aufholen kann." Ohne die Unterstützung seiner Eltern hätte er schon im Herbst Hartz IV anmelden müssen.

Schulze schaut sich deshalb inzwischen nach einem anderen Job um. Der Clubbetreiber und DJ denkt zum Beispiel über eine Umschulung zum Erzieher nach. "Aber das ist mit 36 Jahren schon ein schwerer Schritt - vor allem, wenn du eigentlich schon deinen Traumberuf gefunden hattest."