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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Können Apps bei der Corona-Bekämpfung helfen?

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Eine Marburger Web-App soll Patienten mit einem einfachen Corona-Check bei der Erstdiagnose helfen. Die Resonanz ist riesig. Covid-Online soll zugleich das Gesundheitssystem entlasten und könnte Teil der bundesweiten Exit-Strategie werden.

Brauche ich einen Corona-Test? Gehöre ich zur Risikogruppe? Und wohin gehe ich, wenn ich momentan leichte Erkältungssymptome habe? In der Corona-Krise haben Patienten viele Fragen und wissen oft nicht, ob ihre Sorge begründet und wer der richtige Ansprechpartner für sie ist.

Ein Entwicklerteam des Marburger Universitätsklinikums und der Philipps-Universität haben eine App erarbeitet, die Patienten bei der Selbsteinschätzung helfen soll. Es handele sich um keine Diagnose-App, aber die Anwendung soll beraten, direkt an die richtigen Stellen vermitteln und dadurch das Gesundheitssystem entlasten, erläutern die Macher von Covid-Online.

So funktioniert Covid-Online

Die Web-Applikation ermöglicht Nutzern einen schnellen Corona-Check von zu Hause aus: Zunächst werden Symptome, Vorerkrankungen und Kontakte zu möglicherweise infizierten Personen abgeklärt. Ein Algorithmus bewertet dann, wie hoch das Risiko ist, an Covid-19 erkrankt zu sein und empfiehlt die konkreten nächsten Schritte: Etwa weiter zu Hause zu bleiben und abzuwarten, den Hausarzt zu kontaktieren oder bei massiven Symptomen sogar den Rettungsdienst zu rufen.

Außerdem erhalten die Nutzer eine differenzierte Risiko-Analyse: Anstatt Menschen einfach nur in "Risikopatient - ja oder nein" einzuordnen, wurde eine neuartige Risiko-Skala mit entwickelt. So fällt etwa eine junge, ansonsten gesunde Asthmapatientin in Risikogruppe 1, während ein 75-Jähriger mit Diabetes und Lungenerkrankung in Gruppe 3 fällt.

Noch ist Covid-Online nur über eine Internetseite erreichbar, doch Handy-Apps sollen folgen. Für den Kreis Marburg-Biedenkopf wurde zudem eine regionalisierte Version entwickelt, inklusive einer eigenen Hotline am Universitätsklinikum.

Fast 700.000 Nutzer in kurzer Zeit

Ein bunt zusammengewürfeltes Entwicklerteam aus Marburger Uni-Professoren, erfahrenen Notfallmedizinern und Studierenden aus den Fachbereichen Medizin und Informatik hat den Algorithmus entwickelt. In den letzten Tagen haben sie sich dafür die Nächte um die Ohren geschlagen, die Finger wundprogrammiert und unzählige Patientendaten aus der ganzen Welt ausgewertet.

Die Mühe scheint sich gelohnt zu haben: In den ersten 36 Stunden nach Veröffentlichung haben fast 700.000 Nutzer den Corona-Check gemacht. "Das zeigt auch, wie groß die Verunsicherung gerade ist", sagt Mitentwickler Andreas Jerrentrup, Leiter der Notaufnahme des Marburger Universitätsklinikums. Er erwartet, dass Covid-Online die Nutzer beruhigt, weil ein Großteil kein erhöhtes Risiko habe.

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zum Video Frankfurter Forscher entwickeln ebenfalls eine Corona-App

hs
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Gegen überfüllte Notaufnahmen

Aber die App könne auch helfen, die Patienten durch konkrete Handlungsempfehlungen besser zu lenken - etwa um überfüllte Notaufnahmen wie in Italien zu vermeiden: "Denn dann wird es schwierig, die wirklich kritischen Patienten zu behandeln und für die anderen noch vernünftig Zeit zu haben", erklärt Jerrentrup.

Jeder Corona-Verdachtsfall in der Notaufnahme sorge durch die aufwendigen Hygienemaßnahmen für ungeheuren Mehraufwand. Noch sei die Lage in Marburg ruhig, aber bei steigenden Zahlen sei es wichtig, die Patienten von Anfang an gut zu steuern, so der Mediziner.

Teil der Exit-Strategie?

Auch der Leiter der Marburger Klinik für Kardiologie, Bernhard Schieffer, war an der Entwicklung beteiligt. Er spricht davon, durch die App "vor die Lage zu kommen", wie er sagt: Also schon vorausschauende Handlungsstrategien zu haben, bevor die Situation eskaliert. Schieffer ist sogar der Meinung, dass Covid-Online Teil einer bundesweiten Exit-Strategie sein kann. Dabei geht es um die heiß diskutierte Frage: Wie kann man nach dem Lockdown die Kontaktbeschränkungen wieder schrittweise lockern? Was bleibt länger geschlossen? Wer darf zuerst wieder raus?

"Wir hoffen - und wir arbeiten im Moment mit Hochdruck daran, dass man das Tool dafür ausbauen und anwenden kann", sagt Schieffer. Der Kardiologe kann sich vorstellen, dass die Anwendung für eine Art Filterfunktion genutzt werden könnte: "Man könnte damit diejenigen Personen identifizieren, die weiter besonders geschützt und isoliert werden müssen. Aber auch diejenigen, die möglicherweise an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können." Denn auch Menschen mit geringem Risiko seien ja momentan von den Beschränkungen betroffen, so Schieffer.

Das Interesse an der Marburger Entwicklung sei entsprechend groß: Es kämen Anfragen von Kollegen aus ganz Deutschland und auch aus Nachbarländern wie Italien, freut sich Professor Schieffer.

Sendung: hr-iNFO, 07.04.20, 17.00 Uhr