Mitarbeiter des Marburger "Breathing Project" mit einem Zusatz für eines ihrer Beatmungsgeräte

Nichts wird in der Corona-Krise dringender gebraucht als Beatmungstechnik. Zwei neue Geräte von Experten der Uni Marburg können in größter Not helfen. Improvisiert wird auch mit Baumarkt-Material.

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hs
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In Frankreich, Spanien und Italien fehlen in vielen Kliniken längst Möglichkeiten, um alle schwer an Covid-19 erkrankte Menschen an die überlebenswichtige künstliche Beatmung zu nehmen. Auch bei uns ist nicht auszuschließen, dass die Zahl der kritischen Corona-Patienten das Gesundheitswesen an seine Grenzen bringt.

Der Erfindungsgeist von Uni-Forschern aus Mittelhessen könnte die Lage in größter Not entspannen und Ärzten vielfach die furchtbare Wahl ersparen: Wer wird noch beatmet und wer nicht?

Vor gerade einmal eineinhalb Wochen hat sich das 30-köpfige "The Breathing Project“ unter Leitung des Physik-Professors Martin Koch deshalb in Marburg an die Entwicklungsarbeit gemacht. Ziel: Beatmungsgeräte, die rasch und preisgünstig herzustellen sind. Aus Ideen und groben Skizzen sind nun schon zwei unterschiedliche Produkte geworden, die "aus Sicht auch von Ärztinnen und Ärzten bereits einsatzreif sind", wie Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) am Donnerstag mitteilte.

Intensivstationen entlasten

Für die Erstversorgung schwerster Fälle ist zwar keines der Geräte geeignet. Wenn Erkrankte aber auf dem Weg der Genesung weniger intensiv beatmet werden müssten, könnten sie zum Einsatz kommen und klinische Beatmungsplätze wieder für akute Fälle frei werden. Und gerade in armen Ländern fehlen solche Intensiv-Beatmungsplätze komplett für den größten Teil der Menschen.

Beide Geräte bauen auf vorhandener, weit verbreiteter und vergleichsweise einfacher Medizintechnik auf: im einen Fall auf millionenfach vorhandenen Apparaten gegen Atemstillstände bei Schlafenden (Schlafapnoe), im anderen auf gewöhnlichen Beatmungsbeuteln. Die Aufrüstung sei mit Teilen aus dem Baumarkt und dem Elektrohandel schnell und vergleichsweise günstig möglich.

Um diese Geräte geht es:

  • Die CDAP-Lösung: So genannte CPAP-Geräte gibt es laut Wissenschaftsministerium in rund zwei Millionen deutschen Haushalten und auch in Kliniken, vor allem zur Behandlung von Schlafapnoe. Nach einer Idee des Schlafmedizinischen Zentrums in Marburg hat das "Breathing Project" es mit Bauteilen für rund 50 Euro für eine künstliche Beatmung in der Klinik erweitert. Jetzt werden Produktionsstätten gesucht, eine Eisengießerei in Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) habe "mit einer ersten Kleinserie“ begonnen. "Das Gerät kann nahezu vollständig in großer Stückzahl mit einem 3D-Drucker hergestellt werden", schreibt Physiker Koch auf der Projekt-Homepage.
Künstliche Beatmung Marke Selbstbau: Das CDAP-Gerät der Marburger Forscher kann in der Corona-Not viele Leben retten


  • Die Beatmungsbeutel-Lösung: Diese "AmbuBags" mit Gesichtsmaske und Ballon zum Drücken mit der Hand kennt man aus der Ersten Hilfe. Mit Teilen aus dem Baumarkt und dem Elektrohandel verwandelten die Marburger sie in einen technischen Apparat: Der Beutel ruht in einer Halterung, eine Mechanik übernimmt das regelmäßige Pumpen. Die Grundidee ist nicht ganz neu. Eine online veröffentlichte Bauanleitung soll den Weg frei zur weltweiten Produktion in großer Stückzahl machen. Gerade medizinisch schlecht aufgestellte Länder könnten von dieser Selbstbau-Alternative profitieren.

Selbstbauten gegen die Not

Jetzt gehe es darum, die Geräte schnell in einer ausreichenden Stückzahl zu produzieren, damit sie rechtzeitig zur Verfügung stehen, sagte Ministerin Dorn. Ihr Haus hat dem Marburger Team 10.000 Euro zur Verfügung gestellt. Die Hoffnung: Betriebe, denen wegen der Corona-Krise Aufträge fehlen, könnten bei der Fertigung zum Selbstkostenpreis helfen.

Rechtliche Fragen hinsichtlich des Einsatzes sind offen - und werden es bleiben. Für das eigentlich übliche, komplizierte Genehmigungsverfahren bleibt angesichts der weltweiten Notlage jedenfalls keine Zeit.

Wissen für alle

Das "Breathing Project" betont: "Für den Bau von medizinischen Geräten gibt es strenge Bestimmungen, die unsere Erweiterungen oder Selbstbauten natürlich nicht erfüllen werden." Die tödlichen Dramen aus Bergamo oder Madrid lehren: Beim Mangel an Alternativen wird das für Ärzte und um ihr Leben kämpfende Patienten höchst zweitrangig sein.

Und die Geräte funktionieren nach Auskunft von Ärzten, wie die Uni-Klinik Marburg versichert hat. Laufend arbeiten die Forscher an neuen, verbesserten Versionen. Weil alle davon profitieren sollen, veröffentlichen sie den jeweiligen Entwicklungsstand detailliert im Internet. Und das nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch auf Englisch, Spanisch, Französisch und Arabisch.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 01.04.2020, 16.45 Uhr