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Mikroplastik wird zur Gesundheitsgefahr

Eine Bildkombination aus einem Bild von einem Forscher, wie er an einem Mikroskop sitzt und einem mikroskopischen Bild.

Es landet nicht nur im Meer, sondern auch in unserem Körper. Trotzdem ist bisher fast nichts darüber bekannt, wie Mikroplastik der Gesundheit schadet. Marburger Wissenschaftler gehen dem fast unsichtbaren Feind auf den Grund.

Die arme Maus. Eine akute Leberentzündung hatte sie, verursacht durch Mikroplastik, das sich dort ablagerte. Der Marburger Biologe Karsten Grote zeigt an einem Mikroskop die Zellen des Versuchs-Nagers, der im experimentellen Kardiologie-Labor der Marburger Uni untersucht wurde.

Dass die Welt voller Mikroplastik ist, ist weitgehend bekannt. Es schwimmt im Meer, steckt im Essen und fliegt als Feinstaub durch die Luft. Kleinste Kunststoffpartikel wurden schon am Mount Everest gefunden, genauso wie in zahlreichen Kosmetikprodukten. Grote erklärt: Über die Existenz von Plastik im menschlichen Körper wissen wir hingegen sehr wenig. Und noch weniger darüber, was es dort möglicherweise anrichtet.

Entzündung schneller und stärker als vermutet

Die Marburger Fachleute aus Gefäßmedizin, Zellbiologie und Chemie fanden nun in Zellexperimenten heraus: Mikroplastik kann im Körper Entzündungsreaktionen hervorrufen. Dadurch können Gefäße verstopfen, auch bekannt als Arteriosklerose, wie Grote erklärt. "Im schlimmsten Fall kann das zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen."

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verabreichten Mäusen direkt über den Magen außerdem Partikel von Polystyrol, einem der vier häufigsten Plastikmaterialien. Dabei stellten die Forscher unter anderem fest, dass sich Mikroplastik in der Leber absetzte, die sich daraufhin akut entzündete. "Die Reaktion war stärker und schneller, als wir vorher vermutet hatten", so Grote.

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Mikroplastik

Mikroplastikpartikel sind Kunstsoffteilchen mit einem Durchmesser von weniger als 5 mm. Laut Umweltbundesamt entstehen die Partikel vor allem durch die Zersetzung von Plastikmüll, etwa Plastiktüten oder Fischernetzen. Doch auch in vielen kosmetischen Produkten sind kleine Kunststoffe enthalten. Rund sechs bis zehn Prozent der weltweiten Plastikproduktion landen laut Umweltbundesamt im Meer, entweder direkt oder über Flüsse. Demnach könnten es bis zu 30 Millionen Tonnen jährlich sein. Meistens handelt es sich um dem Kunststoff Polyethylen.

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Belastung im Körper ist schwer nachzuweisen

Grote erklärt: Dass es so wenige Daten zu Mikroplastik im menschlichen Körper gibt, liege daran, dass es dort extrem schwer nachzuweisen sei. Erst 2019 bewiesen österreichische Forschende die Existenz von Kunststoffpartikeln im Körper, als sie Stuhlproben von Probanden aus unterschiedlichen Regionen der Welt untersuchten. Später wiesen sie dies auch in der menschlichen Plazenta nach.

Grote sagt: "Man kann nicht einfach einem Patienten Blut abnehmen und dann die Mikroplastikbelastung untersuchen, so wie man das zum Beispiel bei einem Entzündungswert macht." Die derzeitigen Messsysteme seien dazu noch nicht in der Lage, zum Beispiel weil der rote Blutfarbstoff störe. "Es wird momentan daran gearbeitet, die Verfahren zu vereinfachen."

Mann in Laborkittel in einem Labor

Für die Laborexperimente nutzten die Wissenschaftler also extra hergestelltes fluoreszierendes Polystyrol, das unter dem Mikroskop leuchtet. Ein weiterer Unterschied zu echtem Umwelt-Plastik: Es war sauber. Grote geht davon aus, dass Mikroplastik unter realen Bedingungen auch Schmutz oder Pollen in den Körper transportieren könnte. Er glaubt: Die Effekte könnten sich dadurch noch verstärken.

Kombination mit Western Diet: Situation im Menschen noch mehr simulieren

Grotes Mitarbeiterin Ann-Kathrin Vlacil ist Erstautorin des Fachaufsatzes, den das Team dazu im Fachmagazin Plos One veröffentlicht hat. Vlacil erklärt, dass man mit der Forschung immer noch sehr am Anfang stehe. "Als nächsten wollen wir herausfinden, wie Mikroplastik im Zusammenhang mit der sogenannten Western Diet wirkt."

Bei der Western Diet handelt es sich um eine sehr fett- und zuckerhaltige Ernährung, die in Industrienationen vorherrscht und erwiesenermaßen Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. "Dadurch simulieren wir noch mehr die Situation im Menschen, um zu sehen, wie verschiedene Komponenten zusammenspielen und sich gegebenenfalls sogar potenzieren", so Vlacil.

Menschen haben viel in der Hand

Das Problem: Während Menschen – zumindest theoretisch – Risikofaktoren wie Fett, Zucker, Alkohol oder Tabak eliminieren können, ist der Verzicht auf Mikroplastik weitgehend unmöglich. Selbst wer Kunststoff im Alltag ausmerzt, kommt unfreiwillig mit Partikeln in Kontakt, durch Feinstaub, Lebensmittel oder Trinkwasser.

Mikroplastik

Dennoch habe der Mensch einiges in der Hand, meint Forscherin Vlacil: Man könne unverpackt einkaufen, was etwa in Marburg in verschiedenen Geschäften möglich sei. "Und ich hatte vorher selbst nicht auf dem Schirm und habe neu gelernt, dass in Deutschland die Produktion von Mikroplastikpartikeln vor allem auf Reifenabrieb zurückzuführen ist", sagt sie. Wer weniger Auto fahre, verursache also auch weniger Mikroplastik, auch für die kommende Generation.

Denn man müsse sich bewusst sein: "Selbst wenn wir die Plastikproduktion stoppen, was momentan nicht der Fall ist, werden die bestehenden Partikel nicht verschwinden." In Panik verfalle sie angesichts dessen zwar nicht. "Aber ich denke, da muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden und es muss eine ordentliche Risikoabwägung passieren."

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