Fotokombination: links Nahaufnahme einer blau beleuchteten Petrischale unter einem Mikroskop und rechts steht ein Mann auf einem Acker.

Nicht nur im Meer findet sich tonnenweise Müll und Mikroplastik. Forscher der Uni Marburg haben nun herausgefunden: Auch unsere Böden sind ein wahres Plastik-Reservoir. Und das wohl unwiderruflich.

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Hohe Dichte an Mikroplastik im Acker

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Es tötet Wale und Korallen, durch die Taucherbrille ist es teilweise sogar mit bloßem Auge sichtbar. Dass im Meer tonnenweise großes und kleines Plastik schwimmt, ist inzwischen bekannt. Aber es schadet offenbar auch Regenwürmern und Pflanzen - und zwar dort, wo es bisher weitgehend unsichtbar ist: im Boden.

Um das zu belegen, hat der Marburger Geologe Collin Weber tief gebohrt und sich sehr oft heruntergebückt. Gemeinsam mit einem Forschungsteam der Marburger Philipps-Universität hat der Doktorand einen Acker durchsucht, den die Uni Gießen seit Jahrzehnten für landwirtschaftliche Versuche nutzt. Das Ergebnis hat Weber nun in einer Fachzeitschrift veröffentlicht: Die Fläche war voller großer und mikroskopisch kleiner Plastiktpartikel, offenbar seit Jahrzehnten.

Mikroplastik bis in einem Meter Tiefe

Eine Fraunhofer-Studie ergab im vergangenen Jahr: Insgesamt landen jährlich mehr als 13.000 Tonnen Kunststoff auf deutschen Äckern. Als Verursacher gelten etwa Düngung mit Klärschlamm und verunreinigter Kompost, Kunststoffumhüllungen von Saatgut und landwirtschaftliche Hilfsmittel, die sich zersetzen, etwa Bindegarn oder Spargelfolien. Hinzu kommen tonnenweise verwehtes Plastik, etwa aus Reifenabrieb.

Die Grafik zeigt ein Kreisdiagramm, das die Anteile der Kunststoffemissionen nach Herkunft aufschlüsselt.

Collin Weber erklärt: Ein Teil der jetzt in Marburg untersuchten Fläche wurde bis vor dreißig Jahren mit landwirtschaftlichem Klärschlamm gedüngt, ein anderer Teil nicht. Die Geologen sammelten auf der gedüngten Fläche rund 1.300 Plastikpartikel an der Oberfläche auf und stellten durch Bohrungen auch in der Tiefe eine hohe Dichte an Mikroplastik fest. Noch einen Meter unter der Oberfläche fanden sie bis zu 56 Partikel pro Kilogramm Erde.

Klärschlamm, Kompost, Kunststofffolie

Die Forscher stellten fest, dass die Partikel im Boden offenbar über Jahrzehnte weitgehend an Ort und Stelle blieben und sich kaum abbauten. Und: Die Verschmutzung auf der mit Klärschlamm gedüngten Fläche war signifikant höher als die auf der unbehandelten Vergleichsfläche direkt daneben.

Klärwerk

Klärschlamm sei ein Abfallprodukt aus unserem gereinigten Abwasser, erklärt Weber. "Klingt eklig, aber weil er viele organische und mineralische Stoffe enthält, ist er besonders in den 1960er und 1970er Jahren von der Landwirtschaft als günstige Nährstoffquelle entdeckt worden." Bis heute sei Klärschlamm noch teilweise als Düngemittel im Einsatz. "Früher hat man sich dabei vor allem Gedanken um Schwermetalle gemacht, heute wissen wir, dass dadurch auch ganz viel Plastik mit auf die Äcker kommt." Mikroplastik gelange beispielsweise durch das Waschen von Kunstfasertextilien ins Abwasser.

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Mikroplastik

Mikroplastikpartikel sind Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser von weniger als 5 mm. Laut Umweltbundesamt entstehen die Partikel vor allem durch die Zersetzung von Plastikmüll, etwa Plastiktüten oder Fischernetzen. Doch auch in vielen kosmetischen Produkten sind kleine Kunststoffe enthalten. Rund sechs bis zehn Prozent der weltweiten Plastikproduktion landen laut Umweltbundesamt im Meer, entweder direkt oder über Flüsse. Demnach könnten es bis zu 30 Millionen Tonnen jährlich sein. Meistens handelt es sich um dem Kunststoff Polyethylen.

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Schäden für Regenwürmer und Pilze

Aber wie schlimm ist das überhaupt? Tatsächlich ist die Forschung in dieser Frage noch ganz am Anfang. Erst 2018 belegten Bayreuther Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überhaupt die Existenz vom Mikroplastik im Ackerboden. Inzwischen wird an unterschiedlichen Stellen dazu geforscht. So wurde beispielsweise herausgefunden: Mikroplastik im Boden kann von Pflanzen über die Wurzeln aufgenommen werden und sie am Wachsen hindern. Belegt sind auch negative Auswirkungen etwa auf Regenwürmer und Pilze.

Unklar ist aber zum Beispiel noch, welchen Einfluss die Ackerverschmutzung konkret auf unseren Nahrungskreislauf hat. Landet es über den Boden auch im Getreide? Im Futtermittel? Oder sogar direkt in der Gurke, die wir essen? Die Schwierigkeit für die Wissenschaft: Mikroplastik ist inzwischen überall - in der Luft, im Staub, im Trinkwasser. Woher soll man also wissen, wie genau es irgendwo landet?

Plastik ist zudem nicht gleich Plastik. Während manche Stoffe als ungiftig gelten, haben andere Verbindungen weitere negative Nebeneffekte, etwa wenn sie Weichmacher enthalten. Auch die Größe der Partikel ist entscheidend.

Langer Stab mit Erde drin, Messlatte daneben

Wie schlimm ist Mikroplastik für den Menschen?

Fast nichts ist zudem darüber bekannt, wie schädlich Mikroplastik in Lebensmitteln für den Menschen überhaupt ist. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit und das Bundesinstitut für Risikobewertung gehen derzeit nicht davon aus, dass es ein Risikofaktor für uns ist, sondern überwiegend einfach wieder ausgeschieden wird. Jedoch heißt es von Seiten der Behörden: Aufgrund mangelnder Datenlage bedürfe es weiterer Forschung.

Jüngste Veröffentlichungen weisen durchaus auf Risiken für den Menschen hin: So fanden Wissenschaftler der Uni Marburg erst kürzlich heraus, dass Mikroplastik die Zellbarriere überwinden und im Körper Entzündungsreaktionen hervorrufen kann. So kann es etwa Gefäße verstopfen und zu Arteriosklerose führen.

NABU: Plastik im Boden ist unterschätzte Gefahr

Für Umweltorganisationen wie den NABU gibt es bereits jetzt genug Indizien dafür, dass das Plastik im Boden negative Auswirkungen hat, um sich Sorgen darüber zu machen. NABU-Expertin Katharina Istel sieht darin eine bisher noch weitgehend unbekannte und unterschätzte Gefahr. Sie stellt fest: "Bei den Gewässern hat man eindrucksvolle und emotionale Bilder – die hat man halt beim Boden nicht."

Frau

Istel erklärt: Weil man das Plastik nicht aus dem Boden zurückholen könne und sogar jedes Jahr immer mehr dazu komme, bestehe dringender Handlungsbedarf. "Anders als ein Haus, das mit Asbest gebaut wurde, können wir unsere Böden schließlich nicht einfach abreißen und austauschen."

Der NABU plädiert beispielsweise für ein weitgehendes Verbot von landwirtschaftlichem Klärschlamm in seiner jetzigen Form und für strengere Regeln, etwa was die Umhüllung von Düngemitteln angeht. Auch Konsumenten könnten dazu beitragen, nicht noch mehr Plastik auf die Äcker zu befördern, etwa indem sie keinen Kunststoff in den Biomüll werfen, der dann über den Kompost wiederum auf Feldern landet.

"Wir sind noch weit davon entfernt, über Lösungsansätze nachzudenken"

Collin Weber von der Uni Marburg will sich auch in Zukunft weiter mit Plastikverschmutzung im Boden beschäftigen. Derzeit arbeitet er an einem Projekt zu Plastik in Auen. Auch er sagt: Die Geologie sei in diesem Bereich noch bei der Grundlagenforschung und weit davon entfernt, über Lösungsansätze nachzudenken.

"Methoden, das Plastik wieder aus Böden herauszukriegen, gibt es keine", stellt auch der Geologe bedauernd fest. Er sagt: Alle negativen Eigenschaften des Plastiks seien leider schon da. Und Maßnahmen wie das Verbot von Plastiktüten kämen seiner Ansicht nach schon zu spät.

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