Nadine Beck und ihr Forschungsgegenstand
Nadine Beck und ihr Forschungsgegenstand: ein Dildo Bild © hr

Angeblich dienten sie der Massage, aber ihr eigentlicher Zweck wurde dann doch relativ schnell klar: Vor 50 Jahren kamen die ersten batteriebetriebenen Vibratoren auf den Markt. Eine Marburger Doktorandin geht dieser "Revolution" von damals nun nach.

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Sie waren weiß, hießen Super-Suzy oder Vibrella und hatten eine Batterie, Drehverschluss und Schalter. Wenn man Nadine Beck glaubt, dann lösten sie damals nicht weniger als eine Revolution aus: sie waren die ersten tragbaren Vibratoren, die vor 50 Jahren in Deutschland auf den Markt kamen.

Beck schreibt darüber ihre Doktorarbeit am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Marburg. Auf der Uni-Website ist ihr Promotionsthema als "Der vibrierende Dildo" angekündigt. "Es ist die Lust am Beschreiten von neuen Wegen und am Tabubruch", beschreibt Beck ihre Forschungsmotivation.

Als der Vater den Vibrator im Handschuhfach fand

Der 42-jährigen Wissenschaftlerin geht es in ihrer Forschungsarbeit auch um die damalige Gesellschaft, auf die die rüttelnden Geräte trafen, und um die Menschen, die sie sich kauften: "Was haben die Leute gefühlt und gedacht? Wie haben sie ihren Dildo gekauft, fanden sie den als Mann gut oder als Frau, wo haben sie ihn aufbewahrt, waren sie lesbisch, schwul, trans- oder intersexuell und haben sie dem Gerät einen Namen gegeben?"

Fragen über Fragen. Zeitzeugen können beitragen, sie zu beantworten - wie jene Frau, die Beck erzählte, wie ihr Vater den Vibrator seinerzeit in ihrem Handschuhfach fand. Auf seine Frage, was das sei, habe die Tochter geantwortet: "Ein Stift." Vielleicht hat's der Vater damals tatsächlich geglaubt.

Denn als 1969 die ersten batteriebetriebenen Vibratoren in den Regalen der Geschäfte landeten, wurden sie noch verschämt beworben als kosmetisches Gerät, das auch zur Massage taugte. "Aber der Mensch ist ja nicht doof", sagt Beck. Es sei belegt, dass die Apparate dann auch "schnell mal in eine niedrige Gegend gerutscht" seien.

Dildos aus mehreren Jahrzehnten in Nadine Becks Büro.
Eine Reise durch die Geschichte: Dildos aus mehreren Jahrzehnten in Nadine Becks Büro. Bild © hr

Allerlei neue Geräte tauchten damals auf: etwa der Masco, ein rührgerätgroßer Apparat mit verschiedenen Aufsätzen, darunter Bürste, Schwamm oder Saugnapf, berichtet Beck. Zu ihren Favoriten gehört auch der Massator Universal mit dem Slogan "Kraft holen, Kraft sparen", der auch als Schwingschleifer und Poliergerät eingesetzt werden konnte - "das Gerät für die ganze Familie", wie Beck kommentiert.

Beck weiß das so genau, weil sie ihn und ein gutes Dutzend weiterer dieser Geräte von Privatpersonen im Internet kaufte.

2019 - ein wichtiges Jahr für Sexspielzeuge

Forscherin Beck will noch möglichst in diesem Jahr mit ihrer Arbeit fertig werden. Denn 2019 ist ein ganz besonderes Jahr für Sexspielzeug. Die Markteinführung der batteriebetriebenen Dildos in Deutschland ist für das Frühjahr 1969 belegt. Der Dildo feiert also seinen 50. Geburtstag. Und: Beate Uhse, "die viel gutes geleistet hat, was deutsche Betten betrifft", so Beck, würde dieses Jahr 100 Jahre alt.

Außerdem: Vor genau 150 Jahren ließ sich der US-amerikanische Arzt George Taylor seinen "Manipulator" patentieren. Dabei handelt es sich sozusagen um die Urform des Vibrators. Das Gerät wurde per Dampfmaschine betrieben und kam in Kliniken zum Einsatz. Denn lange Zeit galt die Genitalmassage als Therapieform, um vermeintlich hysterische Frauen zu beruhigen, berichtet Beck.

"Es gab die Idee, dass bei diesen Frauen eine Gebärmutter im Geist herumwandere, die sollte so beruhigt werden." Frauen wurde damals keine eigene Sexualität zugestanden. Wo es keinen "Manipulator" gab, übernahmen auch Hebammen und Ärzte die Massage.

"Lust am Tabubruch"

An den heutigen Geräten fasziniert Beck die Vielfalt an Form, Farbe und Funktionsweise. Aber auch die alten Dildos sind noch zu kaufen. Retro ist in. Inzwischen sind sie aber etwas leiser, stufenloser regelbar und ohne Weichmacher im Plastik.

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Zeitzeugenberichte gesucht

Wer eigene Erfahrungen mit der Markteinführung des batteriebetriebenen Vibrators vor 50 Jahren hat und diese mit Nadine Beck für ihre Doktorarbeit teilen möchte, kann sich mit ihr per E-Mail in Verbindung setzen, auch anonym: beckn@students.uni-marburg.de.

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