"Gemeinsam e.V." statt Anfeindungen: In einem Verein wollen Juden und Muslime in Marburg pflegen, was sie miteinander verbindet. Bei allem Zuspruch findet das auf beiden Seiten nicht nur Anklang.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Marburger Juden und Muslime gründen gemeinsamen Verein

Grafik: Zwei Menschen (Icons) sitzen nebeneinander. Aus ihren Mündern kommen Sprechblasen, in denen einmal das Zeichen für das Judentum und einmal das Zeichen für den Islam zu sehen sind.
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"Es ist kompliziert" – so könnte man wohl den Beziehungsstatus vieler Juden und Muslime auf der ganzen Welt beschreiben. Während der Konflikt im Nahen Osten nicht zur Ruhe kommt, gründen Juden und Muslime in Marburg nun gemeinsam einen Verein. Ihm geht eine schon länger bestehende Kooperation der Islamischen und der Jüdischen Gemeinde voraus, die im vergangenen Jahr mit dem Hessischen Integrationspreis der Landesregierung ausgezeichnet worden ist.

Angestoßen haben die Gründung von "Gemeinsam e.V." Professor Bilal Farouk El-Zayat, der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde, und Monika Bunk, die bis vor kurzem Vize-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde war und das Gesicht der Gemeinde nach außen seit vielen Jahren prägt.

Viel Anklang - aber nicht von allen Seiten

Das Ziel des neuen Vereins: Der Austausch zwischen den Gläubigen soll nicht mehr primär auf persönlichen Beziehungen einzelner miteinander beruhen, sondern eine feste Struktur und ein zukunftsfähiges Fundament bekommen. Bunk und El-Zayat wollen, dass sich die Gemeinden weiter besser kennenlernen, Gemeinsamkeiten entdecken und Vorurteile abbauen. Außerdem wollen sie Veranstaltungen organisieren und nach außen als gemeinsame Gesprächspartner zur Verfügung stehen, etwa für Schulen oder andere Institutionen in der Stadt.

In Marburg findet das viel Anklang: Die Liste der Gründungsmitgliedern des Vereins liest sich wie ein kleines Who-Is-Who der Stadtgesellschaft. Der amtierende und der ehemalige Bürgermeister sind auch dabei, eine Ehrenbürgerin und weitere regional bekannte Persönlichkeiten. Doch Bunk und El-Zayat sind sich bewusst: Der rege jüdisch-muslimische Dialog in Marburg ist etwas Besonderes - und er kommt auch in den eigenen Reihen nicht überall gut an.

"Wir werden den Nahost-Konflikt in Marburg nicht lösen"

Zur Islamischen Gemeinde in Marburg gehören etwa viele Menschen, die ursprünglich aus Palästina kommen, erklärt El-Zayat. Manche seien persönlich vom Nahost-Konflikt betroffen, erzählt er. "Und natürlich gibt es zu politischen Fragen zum Teil sehr unterschiedliche Meinungen." Darüber habe man innerhalb der Kooperation natürlich schon gesprochen.

"Wir werden den Nahost-Konflikt in Marburg nicht lösen," meint El-Zayat. Das sei aber auch gar nicht Ziel des Vereins. "Und das ist kein Argument dagegen, dass man dennoch ein gutes Zusammenleben in Marburg haben und gestalten kann."

"Völlig widersinnig": Antimuslimische Haltung führt bei manchen Juden zu AfD-Sympathien

Auch Monika Bunk berichtet, dass es in der Jüdischen Gemeinde durchaus Widerstände gegen den Austausch mit Muslimen gebe. Die Gemeinde bestehe zum großen Teil aus Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind. Sie betont, niemanden über einen Kamm scheren zu wollen. Trotzdem beobachte sie zum Teil recht starke fremdenfeindliche Tendenzen, die sich besonders auf das Bild vom Islam auswirkten. "Leider ist das offenbar ein Erbe der ehemaligen Sowjetunion, das bei manchen bis heute nachwirkt."

Gewalttätig sei niemand, betont Bunk, aber die anti-muslimische Haltung mancher wirke sich zum Beispiel auf das Wahlverhalten aus. So werbe etwa die AfD gezielt Juden an mit dem Versprechen, "sie vor den bösen Muslimen zu schützen", wie Bunk es beschreibt. Ihr selbst erscheine es völlig widersinnig, dass Juden AfD-Sympathien hegen, aber Hinweise auf rechtsextreme Tendenzen innerhalb der Partei, wie sie auch der Zentralrat der Juden bereits veröffentlicht hat, stießen ihrer Erfahrung nach auf wenig Gehör. "Auch das wollen wir adressieren und nicht unter den Teppich kehren."

Es gibt viele Verbindungen zwischen den Religionen

Beide betonen immer wieder, wie viel Verbindendes es zwischen den Religionsgemeinschaften gebe, etwa was Essenvorschriften, Bestattungen oder gewisse Feste angeht. "Da könnten noch viel mehr Synergien entstehen", findet Bunk.

Um das Gemeinsame zum Ausdruck zu bringen, wählte man den 28. August, um den Verein der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Muslime feierten das Opferfest Anschura. Es sei religionsgeschichtlich mit dem jüdischen Versöhnungsfest Jom Kippur verbunden, das im September gefeiert wird.

Sendung: hr4, Die Hessenschau für Mittelhessen, 28.8., 16.30 Uhr