Karin Schulbert, Patientin im Carreras Leukämie Centrum Marburg

Vor zehn Jahren finanzierte Startenor José Carreras mit seiner Stiftung ein neues Leukämie-Zentrum an der Marburger Uniklinik. Das Ziel: Blutkrebs soll heilbar werden. Der Weg dahin ist zwar lang. Doch Ideen aus Marburg haben schon viele Leben gerettet.

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Diagnose Leukämie. Niemals hätte sich Karin Schulbert vorstellen können, dass es sie treffen könnte. "Da bricht eine Welt zusammen, ist ja klar", sagt die 62-Jährige aus Winterberg (Hochsauerlandkreis). Sie sei vorher noch nie ernsthaft krank gewesen, sagt sie. Doch bei einer Routinekontrolle vor eineinhalb Jahren fiel ihrem Hausarzt die Zahl ihrer weißen Blutkörperchen auf.

Was folgte, sei für sie "überhaupt nicht zu verstehen" gewesen, erzählt Schulbert: Chemotherapie, Typisierung ihrer Töchter, erfolglose Suche nach einem Stammzellspender. Und große Freude, als schließlich ein Fremdspender passte. Karin Schulbert bekam eine Stammzellentransplantation. Dann kam der Rückfall: Der Krebs war wieder da. Schulbert brauchte eine zweite Stammzelltransplantation. "Man ist einfach machtlos", sagt sie.

Anerkanntes Forschungs- und Behandlungszentrum

Karin Schulbert ist derzeit Patientin im Carreras Leukämie Centrum (CLC) am Marburger Universitätsklinikum. Vor zehn Jahren konnte das CLC dank Spenden aus der Leukämie-Stiftung des spanischen Startenors José Carreras gebaut werden. Von den mehr als 3,7 Millionen Euro an Investitionen in die Spezialstation übernahm die Stiftung des Opernsängers fast die Hälfte. Ebenso viel trug die Rhön Klinikum AG als Betreiber des Hauses. Einen kleinen Teil steuerte die Uni hinzu.

Carreras erkrankte 1987 selbst an Blutkrebs, seitdem kämpft er dafür, dass die Krankheit besser behandelt und erforscht wird. Über 1.000 Projekte hat seine Stiftung inzwischen auf der ganzen Welt mitfinanziert. Sein Ziel: "Leukämie muss heilbar werden. Immer und bei jedem."

Andreas Neubauer, Direktor des Carreras Leukämie Centrums in Marburg

Das Marburger Leukämie-Zentrum ist heute ein international anerkanntes Forschungs- und Behandlungszentrum. Jedes Jahr werden rund 150 Stammzelltransplantationen durchgeführt. Die Patienten kommen aus ganz Deutschland. Gleichzeitig versuchen die Ärzte, die Krankheit besser zu erforschen. "Wir wollen die Leukämie-Therapie heute besser machen, als sie vor zehn Jahren war", sagt Andreas Neubauer, der Direktor des Zentrums.

Um 30 Prozent höhere Überlebenschancen

Bei Leukämiepatienten produziert der Körper statt gesunder Blutzellen plötzlich kranke, funktionsuntüchtige Leukämie-Zellen, die dem ganzen Organismus schaden und sich unkontrolliert vermehren. Die Überlebenschancen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, erklärt Neubauer. Der Mediziner beziffert den Fortschritt auf 30 Prozent. Doch wie eine Leukämie verläuft und wie die Chancen der Patienten aussehen, hänge weiterhin stark von der Art der Erkrankung ab und von Faktoren wie dem Alter der Patienten oder dem Zeitpunkt der Diagnose.

Neubauer: "Es gibt Patienten hier, die haben 30 oder 50 Prozent Überlebenschance. Wir behandeln aber auch Patienten, die eigentlich austherapiert sind." Das bedeutet: Sie haben nur noch wenige Wochen zu leben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hoffen auf Heilung im Leukämie-Zentrum Marburg

Mediziner Neubauer und Patientin Schulbert im Leukämie-Zentrum Marburg
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Besonders macht das Marburger Carreras Leukämie Centrum, dass die Mediziner dort nicht nur behandeln, sondern auch forschen. Sie versuchen, die gefährliche Krankheit und ihre Auslöser besser zu verstehen. Sie fragen sich: Was macht akute Leukämien so böse? Welche Gene führen dazu, dass sich eine gesunde Blutzelle in eine kranke Stammzelle verwandelt? Professor Neubauer nennt das die Suche nach der "Achillesferse der Leukämie". Die müsse man treffen, um die Krankheit besser behandeln zu können.

Innovativer Behandlungserfolg

In Zellexperimenten, Tests mit Mäusen und klinischen Studien erforschen die Marburger Ärzte die Wirkung von Medikamenten. Dabei fanden sie zum Beispiel heraus, dass sich eine bestimme Leukämieart mit einem Medikament therapieren lässt, das eigentlich für Leberkrebs entwickelt worden ist. "Der erste Patient, den wir damit behandelt haben, hatte nur noch eine Lebenserwartung von zwei bis drei Wochen, als er zu uns kam", erzählt Neubauer. "Der Patient hat gesagt, er würde mein Büro nicht verlassen, bevor ich ihm nicht irgendetwas Neues gebe."

Nach einer halben Woche Behandlung mit dem Leberkrebs-Medikament habe sich sein Blutbild praktisch normalisiert. "So was hatte ich noch nie gesehen", sagt der Professor. Für ihn und das Marburger Team sei das ein großer Erfolg gewesen. Die Entdeckung habe die Therapie dieses Leukämie-Typs "weltweit verändert". Vor kurzem werteten die Mediziner nach Neubauers Angaben weltweite Daten aus und stellten fest: Über die Hälfte der Patienten, die das Leberkrebsmedikament in Zusammenhang mit einer Stammzellentransplantation bekamen, lebten nach acht Jahren ohne die Krankheit.

Ein Keim kann tödlich sein

Wie Karin Schulberts Krankheit weiter verlaufen wird, ist unklar. Derzeit liegt sie in einem der 14 speziellen Behandlungszimmer des CLC. Bevor Professor Neubauer ihr Zimmer betritt, muss er durch eine Schleuse: In einem Vorraum legt er seinen Arztkittel ab, bindet sich einen Mundschutz um, desinfiziert sich gründlich die Hände. Die Zimmer sind weitgehend keimfrei. Sie verfügen über extra abgedichtete Fenster, einen eigenen Luftkreislauf, steriles Wasser.

Die Vorsichtsmaßnahmen seien überlebenswichtig, denn Stammzellentransplantationen seien riskant, erklärt Neubauer: "Die Patienten werden so aggressiv behandelt, dass sie für Wochen kein eigenes Immunsystem haben." Karin Schulbert zum Beispiel hat nur noch 80 weiße Blutkörperchen pro Mikroliter - extrem wenige im Vergleich zu den 4.000 eines gesunden Menschen.

Professor Neubauer beschreibt das Risiko drastisch: "Würden diese Patienten einfach auf die Straße gehen, würden sie mit einem Luftzug Millionen von Pilzen und Bakterien inhalieren. Und daran würden sie abends schon sterben." Karin Schulbert hat vermutlich noch einen langen Weg vor sich bis zur Heilung. Trotzdem hofft sie, dass sie Ende dieser Woche schon nach Hause gehen kann.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.09.2019, 19.30 Uhr