Als linker Szene-Treffpunkt wurde die Buchhandlung Roter Stern am 31. Oktober 1969 in Marburg gegründet. Es folgten wilde Jahre voller Protest und Diskussionen. Heute sind die Linksradikalen von einst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Roter Stern: 50 Jahre linker Buchhandel in Marburg

Straße mit Fachwerkhäusern und dem Buchladen Roter Stern in Marburg
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Die Straße heißt "Am Grün", aber der Stern leuchtet noch immer feuerrot und angriffslustig an der Fassade des urigen Marburger Fachwerkhauses. Auch wenn es drinnen nicht mehr ganz so revolutionär zugeht wie 1969. Vor 50 Jahren fanden Alternative in der Buchhandlung Roter Stern aufsehenerregende, schwer erhältliche Schriften: etwa Raubdrucke von Mao-Bibeln oder die Bücher des Philosophen Michel Foucault und des Anarchisten Erich Mühsam.

In den politisch aufgeheizten 1960er Jahren entstanden überall in Deutschland alternative Buchläden, die aber viel mehr waren als Buchläden, wie Ulrich Hogh-Janovsky rückblickend berichtet. Er ist seit 40 Jahren dabei und heute der Dienstälteste im Laden. Der Rote Stern habe als Szene-Treffpunkt für die studentische Protestbewegung in Marburg fungiert, im Hinterzimmer seien Demo-Plakate gemalt, im Buchladen leidenschaftlich diskutiert und philosophiert worden. "Hier kam man nicht nur zum Bücherkaufen hin, sondern auch, wenn man Gleichgesinnte finden wollte", so Hogh-Janovsky.

Heftige Auseinandersetzungen

Das Konzept des Roten Sterns basiert auf der Grundidee der links-alternativen Bewegung: Gesellschaftlicher Wandel beginnt mit einem Wandel im Privaten - mit kollektivem Leben und Arbeiten. Zwar wird der Rote Stern mittlerweile formell von einem Verein getragen und hat auf dem Papier zwei Geschäftsführer, aber bis heute steuert ein Kollektiv aus zehn gleichberechtigten und gleich bezahlten Mitarbeitern die Geschicke des Ladens. Das war schon bei der Gründung am 31. Oktober 1969 so.

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Während viele ähnliche Initiativen inzwischen Geschichte sind, hält sich das Kollektiv in Marburg noch wacker - trotz harter Auseinandersetzungen, wie Ulrich Hogh-Janovsky erzählt. Besonders in den 70er Jahren habe es "heftig gekracht" im Laden, vor allem in der Frage, wie der Buchladen zu linksextremen, bewaffneten Bewegungen wie der RAF oder der Bewegung 2. Juni steht.

"Diese militanten Gruppen haben ihre Kommuniqués ja damals in einschlägigen Zeitschriften verbreitet, und manche Leute haben von uns dann erwartet, dass wir die vorrätig haben", erinnert sich der Buchhändler. Nachdem das Kollektiv deswegen juristische Probleme bekam, entschieden die Mitglieder, dass man nicht mehr den Kopf für etwas hinhalten wollte, das man selbst nicht unterstütze. "Das haben uns Teile der Linken damals sehr übel genommen."

Diese Bücher gab es nur hier

Spontan und aufregend sei es hier gewesen, mitten in Zeiten von Alt-Nazis und festgefahrenen Strukturen, so beschreibt es Jan Möller, der schon seit 50 Jahren Kunde im Roten Stern ist. "Das war hier ein Jungbrunnen", meint der ehemalige Lehrer, der in Marburg damals Germanistik, Geschichte und Philosophie studierte. "Wenn man Bücher haben wollte, die es sonst nirgendwo gab, war man hier." Viele Frauen seien auch in den Roten Stern gekommen, weil man hier am besten an feministische Streitschriften herankam, erklärt Stammkunde Möller.

Die Zeiten, in denen es im Laden hoch her ging, seien allerdings inzwischen vorbei, so Ulrich Hogh-Janovsky. Er ist auch ein Stück weit froh, dass eine gewisse Ruhe eingekehrt ist. "Wir konnten uns dann so Sachen widmen, wie: Wie gestalten wir unseren Laden? Was wollen wir umbauen? Wie finanzieren wir das alles?", sagt der Buchhändler. Es sei dann nicht mehr so wichtig gewesen, "ob jetzt der KBW oder die KPDML oder wer auch immer recht hat".

Heute eher grün als rot

Die linken Szene-Treffpunkte der Marburger Studierenden sind inzwischen woanders. Und auch die Kunden sind mit dem Kollektiv gemeinsam älter geworden. Inzwischen führt der Rote Stern neben dem immer noch großen Spektrum an linken Klassikern und linksgerichteter Fachliteratur auch anspruchsvolle Belletristik, Krimis oder Reiseführer. Sonst könnte der Laden in Zeiten des Online-Versands auch gar nicht überleben, erklärt Hogh-Janovsky. Nebenan hat der Rote Stern das "Lesezeichen" eröffnet - eine preisgekrönte Kinder- und Jugendbuchhandlung.

Links und alternativ sei der Laden natürlich immer noch, sagt Hogh-Janovsky, fügt aber schmunzelnd hinzu: "Wir sind ein bisschen in der Mitte der Gesellschaft angekommen." Als Linksradikalen würde er hier keinen mehr bezeichnen. Er schätzt, dass die meisten inzwischen sogar eher grün wählen würden. Es passt also ganz gut, dass der Rote Stern in Marburg "am Grün" liegt.

Sendung: hr4, 31.10.19, 15.30 Uhr