Gebäude der ehemaligen Odenwaldschule in Heppenheim

Erzieher am einstigen Vorzeige-Internat missbrauchten bis zu 900 Kinder. Ein Bruchteil hat eine finanzielle Entschädigung erhalten, manche verzichten bewusst darauf. Noch immer sind Fragen offen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Zehn Jahre danach: Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule

Odenwaldschule
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Zehn Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule in Heppenheim sind mehr als 573.000 Euro an Opfer ausgezahlt worden. "46 Opfer haben Geld der Stiftung erhalten", sagte Ulrich Kühnhold von der Stiftung Brücken Bauen, die Zahlungen für das erlittene Leid leistet oder die Übernahme von Therapiekosten finanziert, am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Das Kultusministerium unterstützte die Opfer mit insgesamt 100.000 Euro.

Im Frühjahr 2010 kam der jahrelange systematische sexuelle Missbrauch von Schülern ans Licht. Studien zufolge waren mehr als zwei Dutzend Lehrkräfte und andere Mitarbeiter der Schule an den Verbrechen an bis zu 900 Schutzbefohlenen beteiligt.

Mindestens vier Haupttäter

"Der Stiftung sind 140 Opfer bekannt, von denen einige bewusst keinen Antrag gestellt haben beziehungsweise vor einer Antragsstellung zurückschrecken, da dies wieder mit einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Thema verbunden wäre", sagte Kühnhold.

Die Geschichte der Grausamkeiten an dem ehedem renommierten Internat und Vorzeigeprojekt für antiautoritäre Erziehung erschreckt noch heute. Einer Studie des Wissenschaftlers Jens Brachmann zufolge soll es neben dem früheren Schulleiter Gerold Becker, der sich bis Mitte der 1980er Jahre mutmaßlich an mehr als 100 Kindern und Jugendlichen verging, mindestens vier weitere Haupttäter gegeben haben.

System des Missbrauchs auf allen Ebenen

Die Grenzen zwischen passiver Tatunterstützung und aktiver Täterschaft seien zudem bei rund zwei Dutzend Mitarbeitern fließend. Das System des Missbrauchs an der Schule habe alle Hierarchieebenen durchdrungen. Bekannt gewordene Übergriffe seien vertuscht, zutage getretene Defizite nicht behoben worden. Lehrer und frühere Schulleiter seien Pädophile gewesen.

Die Vorsitzende des Betroffenenvereins Glasbrechen, Sabine Pohle, sieht trotz mehrerer Studien nach wie vor offene Fragen: "Das System dahinter ist noch nicht aufgeklärt." Pohle fragt, welche Rolle andere Institutionen wie Jugendämter gespielt hätten. Obwohl Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule gemeldet wurden, sei keine Behörde dem nachgegangen.

Mitarbeiter der Schule hätten vor und nach ihrer Zeit am Internat ja auch woanders gearbeitet, gibt Pohle zu bedenken. Kinder seien nicht nur an der Odenwaldschule, sondern auch in anderen Einrichtungen missbraucht worden.

Heute "ein Traum, um Urlaub zu machen"

Die Odenwaldschule, an der Prominente wie der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und der Schriftsteller Klaus Mann die Schulbank drückten, ist als Institution zehn Jahre nach Bekanntwerden des Skandals Geschichte.

Das Internat musste schließlich Insolvenz anmelden, nach mehr als 100 Jahren wurde 2015 der Schulbetrieb eingestellt. Das Gelände wurde von einer Unternehmerfamilie übernommen und umgebaut. Im Internet werben die Eigentümer: "Wohnpark Ober-Hambach - ein Traum zum Wohnen und um Urlaub zu machen."

Sendung: hr-iNFO, 27.03.2020, 19.26 Uhr