Kind auf einem Fahrrad im Park (dpa)

Depressionen, Ängste, Essstörungen: Der Lockdown belastet vor allem psychisch vorerkrankte Kinder und Jugendliche. Das zeigt sich auch in hessischen Psychiatrien.

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hessenschau vom 16.02.2021
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Die Lage ist schwierig, erzählt eine Mutter aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf, die lieber anonym bleiben möchte. Ihre sieben Jahre alte Tochter sei wegen Verhaltensauffälligkeiten schon seit Längerem in psychologischer Behandlung. Im zweiten Lockdown sei ihre Aggressivität nun noch stärker geworden.

"Sie wird dann richtig laut, schreit herum, irgendwann knallen die Türen." Zusätzlich sei vor zwei Wochen noch ADHS, also ein Aufmerksamkeitsdefizit und eine Hyperaktivitätsstörung, bei ihr diagnostiziert worden.

Die Mutter glaubt zwar nicht, dass all das nur vom Corona-Lockdown kommt. Aber das Familienleben mit drei Kindern zu Hause sei gerade besonders herausfordernd: fehlende Alltagsstrukturen, wachsende Lustlosigkeit, mehr Streit. Besonders ihrer bereits vorbelasteten Tochter würden die Gleichaltrigen und der Ausgleich in der Schule fehlen, erzählt sie. "Das nimmt sie sehr mit."

Direkt aus der Ambulanz in die Klinik

Auch die Kinder- und Jugendlichentherapeutin Ria Matwich stellt fest, dass es einigen betroffenen Familien zusehends schlechter geht. Sie arbeitet in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Marburg und betreut auch die Siebenjährige und ihre Familie. Mit einem strengen Hygienekonzept ist in der Klinik weiterhin ambulante Behandlung vor Ort möglich.

Matwich berichtet aus dem Klinik-Alltag: Bei manchen Betroffenen hätten sich leichte Symptome nun im zweiten Lockdown zu chronischen psychischen Erkrankungen entwickelt. "Und es gibt die, die kommen und sagen: Es geht schon gar nichts mehr."

Ihr Eindruck sei auch, dass es momentan vermehrt stationäre Aufnahmen direkt aus der Erstdiagnostik in der Ambulanz gebe. "Wir stellen dann einfach fest, dass die Kinder schon so krank sind, dass da nicht mehr viel anderes geht."

Mehr häusliche Gewalt: "Dem Kind halt eine geknallt"

Für psychisch vorerkrankte Kinder und Jugendliche seien die unsicheren Aussichten momentan sehr belastend, berichtet die Therapeutin. Manche seien seit Monaten sehr stark von der Außenwelt isoliert, weil die Eltern große Angst hätten - oder zum Teil sogar selbst psychisch krank seien. "Wir haben auch einen gewissen Patientenstamm, der komplett abgetaucht und nur noch ganz schwer zu erreichen ist."

Die körperliche und psychische Gewalt nehme ihrer Wahrnehmung nach in den Familien zu. Die Therapeutin berichtet: "Eltern erzählen mir zum Beispiel, dass ihnen die Pferde durchgehen, wenn sie sich zum 15. Mal über die Homeschooling-Aufgabe streiten." Dann habe man dem Kind "halt eine geknallt". Matwich geht in dieser Hinsicht von einer derzeit besonders hohen Dunkelziffer aus.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Psychiatrien: "Es gibt Familien, wo gar nichts mehr geht"

Zwei Kinder sitzen zu Hause an einem Tisch und machen Schulaufgaben.
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"Ganz, ganz kurz vor einem Suizid"

Suizid ist bei Jugendlichen in Deutschland die zweithäufigste Todesursache. Laut Landeskriminalamt lässt sich in Hessen derzeit keine erhöhte Suizidrate für das Pandemiejahr 2020 feststellen. Versuche werden jedoch nicht erfasst.

Therapeutin Matwich berichtet: "Ich habe das Gefühl, hier kommen viele her mit ganz viel Druck, die ganz, ganz kurz vor einem Suizid stehen." Neu sei für sie auch, dass immer mehr Betroffene konkret schildern würden, wie sie sich bereits im Internet über Methoden informiert hätten oder Orte getestet hätten.

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Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

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Studie: Jedes dritte Kind psychisch auffällig

Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, zeigt eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf: Mehr Depressionen, Ängste, psychosomatische Kopfschmerzen: Laut der Untersuchung leiden viele Kinder unter den Kontaktbeschränkungen. Jedes dritte Kind zeige inzwischen psychische Auffälligkeiten. Vor der Corona-Krise war es nur jedes fünfte Kind. Besonders belastet seien die Sieben- bis Elfjährigen.

Allgemein sei die Datenlage zu den psychischen Auswirkungen des Lockdowns derzeit noch schwach, erklärt die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM), Katja Becker. Es würden derzeit noch verschiedene Studien dazu laufen, auch am UKGM.

Professorin: Das können Betroffene tun

Becker sagt, dass die Situation der Familien derzeit sehr unterschiedlich sei. Für manche Betroffene könne es sogar entlastend sein, weniger Zeit in der Schule zu verbringen und zum Beispiel momentan weniger Leistungsdruck und Mobbing ausgesetzt zu sein.

"Aber ganz klar ist, dass die Situation von bereits behandlungsbedürftigen Kindern und Jugendlichen natürlich durch den Lockdown schwieriger wird." Es sei wichtig, die momentan besonders gefährdeten Kinder mit Risikofaktoren zu identifizieren. Da spiele auch die Schule eine wichtige Rolle.

Ganz praktisch rät die Kinder- und Jugendpsychiaterin den betroffenen Familien etwa, sich frühzeitig über Hilfsangebote zu informieren, die Kinder telefonisch auch mit anderen Menschen in Kontakt zu bringen und sich weiterhin um eine strukturierte Tagesroutine zu bemühen. "Wichtig ist auch, den eigenen Nachrichtenkonsum und den der Kinder zu reduzieren."

Zahl der Behandlungen gesunken

Auf der anderen Seite zeigt eine aktuelle Untersuchung der Krankenkasse DAK Hessen und der Universität Bielefeld eine Art "Corona-Delle", was die Behandlungszahl von Minderjährigen mit psychischen Erkrankungen angeht.

Demnach waren es im ersten Halbjahr 2020 in Hessen sogar 19 Prozent weniger als im Vorjahr. Die DAK geht jedoch nicht davon aus, dass dies auf weniger psychische Leiden hindeutet, sondern dass einfach weniger Erkrankte behandelt wurden.

Unterschiedliche Situation an Kliniken

Der hr hat die hessischen Kinder- und Jugendpsychiatrien nach ihren Erfahrungen im vergangenen Jahr befragt. Die Kliniken berichten sehr unterschiedlich über veränderte Krankheitsbilder bei ihren Patienten. Einige stellten keine Auffälligkeiten fest. Mehrere Einrichtungen berichteten jedoch, dass sie im vergangenen Jahr vermehrt Krankheitsbilder wie Depressionen, Essstörungen oder aggressives Verhalten festgestellt hätten.

Zudem bestätigen etwa das UKGM, die Uniklinik Frankfurt, das Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda und die Vitos Kliniken in Marburg und Riedstadt, dass man im Jahr 2020 weniger Patienten behandelt habe als jeweils in den fünf Jahren davor.

Gründe für den Patientenrückgang seien zum Beispiel vorübergehende Schließungen von Tageskliniken im ersten Lockdown, Personalmangel oder verringerte Kapazitäten durch Hygienemaßnahmen. Zum Teil habe sich die stationäre Aufnahmekapazität inzwischen wieder normalisiert.

Die Vitos Klinik Herborn (Lahn-Dill) berichtet zudem, dass derzeit auch von Seiten der Patienten Klinikaufenthalte verschoben würden. Andere Kliniken haben dagegen sehr lange Wartelisten, betonen aber, dass man Notfälle weiterhin aufnehmen könne.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.02.2021, 19.30 Uhr